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HEUTE IST CARMEN MARIA PARRINO EINMAL NICHT AUF REISEN. SIE IST IN IHREM BÜRO IN HALLE AN DER SAALE UND BLICKT AUF DEN GROßEN GÜTERBAHNHOF VOR IHREM FENSTER. ICH HINGEGEN SITZE NEBEN DEM BERLINER REICHSTAG AM SPREEUFER AUF EINER PARKBANK, MIT BLICK AUF DEN BERLINER HAUPTBAHNHOF.

Ein Gespräch über Führung, Verantwortung und Vorbilder. Julia Holze (JH): Guten Morgen, Carmen. Obwohl Du als Sprecherin des Frauennetzwerks der Allianz pro Schiene regelmäßig in Berlin bist, können wir heute leider nur telefonieren. Und doch schaffen wir es, das verbindende Element – die Schiene – direkt im Blick zu haben. Das hat doch was!

Carmen Maria Parrino (CMP): Hallo Julia, das stimmt. Üblicherweise bin ich viel im Zug unterwegs. Ich bin noch relativ neu in der Bahnbranche, erst seit 2016, und habe schnell Blut geleckt. Mir ist es sehr wichtig zu verstehen, wo meinen Mitarbeiter/-innen der Schuh drückt und wie wir unsere Angebote für die Fahrgäste noch besser machen können. Und natürlich das Frauennetzwerk – der Austausch dort hilft mir sehr, nicht mehr nur Bahnhof zu verstehen und die passenden Geschäftspartner/-innen zu finden. JH: Du kommst aus dem Finanzsektor. Wie kommt es, dass Du so schnell in der Branche Fuß gefasst hast und eingefleischter Eisenbahnfan geworden bist? CMP: Im Bankenumfeld gibt es kein anfassbares Gut. Lediglich virtuelle Zahlen. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, unsere Gesellschaft positiv mitgestalten zu können und Gutes zu tun. So bin ich zunächst als Geschäftsführerin in die Industrie gewechselt und habe mich mit Wechselrichtern für den Zug beschäftigt. Dann kam das Angebot von Abellio, bei dem mich u.a. die Gestaltungsfähigkeit, die Firmenkultur und das Produkt interessiert haben.

JH: Das klingt spannend. Was meinst Du konkret mit Gestaltungsfähigkeit?

CMP: Die Mobilitätsbranche ist sehr komplex. Es gibt zwar in Deutschland eine überschaubare Anzahl von Anbietern, aber bis ein Zug auf einer bestimmten Strecke fahren kann, ist es gar nicht so einfach. Bahnfahren ist zugänglich, aber das System nicht leicht verständlich. Hinzukommt das Zusammenwachsen der Verkehrsträger, ob Bus, Auto – das eigene oder das des Carsharers – Zug oder Fahrrad. Wir sind jeden Tag in irgendeiner Form mobil. Diese Mobilität müssen wir nachhaltig gestalten.

JH: Die Nachhaltigkeit scheint für einige Menschen in der Branche ein wesentlicher Treiber zu sein. Gibt es für Dich ein berufliches Vorbild?

CMP: Mir fällt spontan Susanne Henckel, Geschäftsführerin des Verkehrsverbundes Berlin – Brandenburg, ein: Sie steht für einen leistungsfähigen Nahverkehr und somit für die Verkehrswende. Doch wenn ich mir die Bahnbranche anschaue, gibt es zu wenige weibliche Rolemodels. Genau aus diesem Grund ist mir Sichtbarkeit so wichtig!

JH: Du meinst, es bräuchte eine Quote, um mehr Frauen in Führungsfunktionen und die Bahnbranche zu bekommen?

CMP: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob eine feste Quote der richtige Weg ist. Möglicherweise funktioniert es mit Quote schneller. Wichtiger und nachhaltiger ist doch, Frauen zu empowern und ihnen die Möglichkeiten zur Entfaltung zu geben. Ihnen Mentoren oder Coaches als Gesprächspartner/- innen an die Hand geben, die sie unterstützen, ihren Weg zu gehen. Ich bin selbst ehrenamtlich im Cross-Mentoring tätig und sehe ein Jahr lang meine Mentee persönlich wachsen.

JH: Deine Begeisterung spüre ich durch das Telefon. Was heißt das für Deine tägliche Arbeit bei Abellio?

CMP: Die Branche ist in Summe etwas angestaubt. Und genau das will ich verändern. 80 bis 85 Prozent der Mitarbeiter/-innen bei Abellio arbeiten im Schichtdienst mit festem Arbeitsplatz – nämlich dem Zug. Hier ist es wichtig, dass wir eine hohe Qualität liefern, d.h. freundliche, kompetente Kundenbetreuer/- innen und Triebfahrzeugführer/-innen im Einsatz haben. In den Zentralfunktionen ist hingegen flexibles und mobiles Arbeiten wichtig. Diese unterschiedlichen Welten in einem Unternehmen zusammen zu führen, erfordert viel Verständnis für die Arbeit und das Arbeitsumfeld der Mitarbeiter/-innen. Indem ich viel mit dem Zug unterwegs bin – mein mobiler Arbeitsplatz übrigens – verspüren sie Wertschätzung und Respekt. Ich bin greifbar und nahbar und nicht DIE aus dem Elfenbeinturm. Ich gehe also dahin, wo das Gros meiner Mitarbeiter/-innen sind!

JH: Das höre ich nicht oft, dass Führungskräfte so nah an ihren Mitarbeitern sind. Bist Du das alleine oder ist das fester Teil der Unternehmenskultur?

CMP: Als Geschäftsführerin bin ich Vorbild – besonders für das mittlere Management. Sicherlich ist das viel meiner Persönlichkeit geschuldet, weil ich diese Arbeit wirklich aus Leidenschaft mache. Ich möchte, dass wir als Abellio, unsere Fahrgäste sicher, zuverlässig und pünktlich von A nach B bringen. Es ist aber auch ein großer Teil unserer Kultur. So sind über den niederländischen Staatskonzern zwei Frauen in der Geschäftsführung vertreten. In einer Branche mit so geringem Frauenanteil wahrlich eine Besonderheit.

JH: Was macht denn für Dich den größten Unterschied in der Zusammenarbeit von Männern und Frauen aus?

CMP: Frauen haben einen anderen – eben einen weiblichen – Blick auf die Themen. Weniger technisch betrachtet, sondern aus Nutzersicht. Praktikabler. Ein Beispiel: Mich nervt ganz besonders das Ein- und Aussteigen mit Koffer, Handtasche und hohen Schuhen. Männer betrachten diese Herausforderung mit der Frage: Was brauche ich und entwickeln dann die Technik. Frauen finden Lösungen, ohne zu technisieren – sie ziehen einfach Turnschuhe an und wechseln dann später auf High Heels.

JH: Leider müssen wir nun zum Ende kommen. An wen übergibst Du Dein Women in Mobility-Bändchen?

CMP: Da fallen mir gleich zwei Frauen ein. Das erste Bändchen gebe ich an Lara Böttcher. Sie ist eine junge Nachwuchskraft, die auf beeindruckende Weise an einer nachhaltigen Strategie, insbesondere mit Blick auf den Vertrieb arbeitet. Das zweite geht an Elke Fischer. Sie ist die Geschäftsführerin Finanzen in der Abellio Rail NRW.

JH: Carmen, vielen Dank für das Gespräch. CMP: Liebe Julia, ich danke Dir!

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