»TECHNOLOGISCHEN WANDEL GESTALTEN«

in Personal & Management von

IN DIESER AUSGABE: WOMEN IN MOBILITY IM GESPRÄCH MIT HEIKE HAHNE UND JANINE VOLLBORN ÜBER DEN EINSTIEG UND DIE AUSBILDUNGSMÖGLICHKEITEN IM SCHIENENSEKTOR – SPEZIELL BEI ZWEI GROßEN PLAYERN DER BRANCHE. 

WiM: Heike, was war für Dich direkt nach dem Studium der Grund, zu einem Hersteller von Schienenfahrzeugen zu gehen – und nicht in andere Industriebereiche oder in die Automobilindustrie?
Heike Hahne: Vor meinem Maschinenbaustudium, Fachrichtung Konstruktionstechnik/- lehre, habe ich eine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin bei der Krupp MaK in Kiel gemacht und dort vollkommen fasziniert im Bereich Lokomotiv-Bau mitgearbeitet. Ich denke, diese Erfahrung war prägend und so hat es mich dann auch nach dem Studium wieder in die Eisenbahnbranche gezogen.

Wie bist du zur Eisenbahn gekommen?
Janine Vollborn: Bei mir war die Eisenbahn ganz am Anfang tatsächlich eher Zufall. Ich wollte etwas machen, bei dem ich Zeichnen mit logischem Denken verbinden konnte. Das war der Schritt zu einer Ausbildung zur Technischen Systemplanerin mit der Fachrichtung Elektrotechnische Systeme bei Stadler. Während der Ausbildung habe ich einfach eine Begeisterung für das Thema sowie für unser Produkt Schienenfahrzeuge entwickelt, so dass ich mich dann sehr schnell für ein duales Studium im Bereich Industrielle Elektrotechnik entschieden habe. Ich glaube übrigens, dass diese Begeisterung ansteckend ist, sobald man sich mit dem Produkt „Zug“ von der Entwicklungs- und Herstellerseite befasst und es nicht „nur“ als täglicher Nutzer wahrnimmt. Heike Hahne: Das denke ich auch.

Die Zeiten, in denen alle jungen Ingenieurinnen und Ingenieure in die Automobilindustrie gestrebt sind, sind vielleicht schon vorbei oder nähern sich zumindest ihrem Ende. Nachhaltige und ressourcenschonende Lebensweisen sind gerade für die Generation Y nicht nur erstrebenswert, sondern gehören zum Anspruch an das tägliche Leben dazu. Sie und die Generation Z machen dieses Thema wie wahrscheinlich keine vor ihnen zur Handlungsprämisse. Nachhaltige Mobilität spielt dabei natürlich eine wesentliche Rolle, so dass das Thema Transport auf der Schiene hier mehr und mehr zu einem Fokusthema werden kann, mit dem wir hoffentlich mehr und mehr engagierte und gute junge Nachwuchskräfte adressieren können – und dabei sehr gern junge Frauen. Das Thema Eisenbahn ist – genau wie du sagst – insgesamt spannend und bei Weitem nicht nur etwas für die „Zug-Nerds“, die auf dem Schulhof von allen Mädchen verlassen dastanden, sobald sie anfingen, etwas über Baureihen und angetriebene Drehgestelle zu fachsimpeln.

Wir sehen das seit Jahren jedes Jahr beim sogenannten Zukunftstag hier in Salzgitter, bei dem sich Jugendliche über mögliche Berufsbilder informieren können. Die wahrscheinverfügbaren Plätze sind sofort ausgebucht, und das Verhältnis von Jungen und Mädchen hält sich die Waage. Die Mädchen wollen dabei ebenso ausprobieren, einen Zug auf der Teststrecke zu fahren wie die Jungs – da gibt es keinen Unterschied.

Janine Vollborn: Das kann ich nur bestätigen. In Berlin gibt es den klassischen „Girlsday“, bei dem Mädchen technisch gelagerte Berufe kennenlernen können. Da wir am Standort gemeinsam mit ABB ausbilden, machen wir auch diese Veranstaltung im Verbund mit unserem Partner. Beim ersten Mal waren wir uns sicher, dass die Mädchen die praktische Übungseinheit bei ABB richtig gut finden würden, bei der sie tüfteln und löten dürfen, und haben dafür entsprechend viel Zeit geplant. Das Feedback am Ende der Veranstaltung war, dass die ganze Gruppe gern noch viel mehr Zeit bei Stadler in der Fertigung verbracht hätte, weil sie den Part so spannend fanden – also auch die Mädchen, die sich ursprünglich bei ABB angemeldet hatten. Resultat des Girls´day war, dass wir Bewerbungen für Pflichtpraktika bekommen haben und Mädchen bei uns ihr Praktikum absolvieren – übrigens im Engineering und nicht in irgendeinem nicht-technischen Beruf.

Mit Blick auf die aktuelle und zukünftige Nachwuchs-Generation von Ingenieurinnen: Was hat sich aus Deiner Sicht in den letzten 30 Jahren im Ingenieursberuf verändert?
Heike Hahne: Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten heute zumeist in sich schnell entwickelnden und hoch innovativen Bereichen, was insbesondere durch die digitale Transformation noch verstärkt werden wird. Heute ist man nicht mehr nur die oder der eher konservative, eigenbrötlerische Entwickler am Zeichenbrett, der über Jahrzehnte hinweg an „ihrem oder seinem Produkt“ arbeitet und sich auch jahrzehntelang auf sein irgendwann einmal im Studium erworbenes Wissen und die eigene Kreativität beziehen kann. Die heutige Industrie braucht und fordert aus meiner Sicht Ingenieurinnen und Ingenieure, die sich schnell und flexibel auf neue technische Entwicklungen und Herausforderungen einstellen können und wollen.

Wo liegen aus der Sicht einer jungen Ingenieurin die aktuellen Herausforderungen?
Janine Vollborn: Flexibilität ist auf jeden Fall extrem wichtig. Was heute wahrscheinlich genauso gilt wie vor 30 oder 50 Jahren, ist, dass man als Ingenieur Spaß daran haben sollte, Lösungen da zu finden, wo es auf den ersten Blick keine gibt. Außerdem sind Kommunikations- und Teamfähigkeit sehr wichtig, da man eben nicht für sich allein tüftelt, sondern sich mit vielen anderen Bereichen abstimmt. Dazu sollte man noch Neugier, Offenheit gegenüber Veränderungen sowie Eigeninitiative, Sorgfalt und eine gewisse Affinität zu logischen Vorgängen mitbringen. Ich glaube außerdem, dass die Ingenieuren oft nachgesagte, starke Spezialisierung durch die Digitalisierung abnehmen wird – auch fachliche Flexibilität ist gefragt. Wir brauchen ein breites Basiswissen, um dem technologischen Wandel nicht zu folgen, sondern ihn aktiv und kreativ zu gestalten.

Genau das ist für mich das Spannende am Ingenieursberuf in der Mobilitätsbranche: Es gibt so viele Aufgaben, die sehr viele Ideen erfordern, an die jetzt vielleicht noch keiner denkt. Ich für meinen Teil freue mich, genau in dieser Branche tätig zu sein – vielleicht sogar auch die kommenden 30 Jahre. Was mir branchenunabhängig als Ingenieurin Spaß macht, ist außerdem, etwas zu machen, was nicht jeder als typischen „Frauenberuf“ empfindet – falls es den überhaupt gibt. Wenn man sich z.B. im privaten Umfeld mit Leuten unterhält, die selbst in einem technischen Umfeld tätig sind, kommt es schon oft vor, dass sie direkt an einen Job im kaufmännischen Bereich denken, wenn ich sage, dass ich bei Stadler bin. Ich freue mich dann jedes Mal, wenn mein Gegenüber feststellt, dass ihm eine Ingenieurs-KollegIN gegenübersteht. Deswegen bin ich auch bei „Girlsatec“ so aktiv.

Was macht dir an Deinem Job denn am meisten Spaß?
Heike Hahne: Die Vielschichtigkeit der anfallenden Arbeiten und die Möglichkeit, definitiv etwas zu einer erfolgreichen Projektabwicklung beitragen zu können, ist, was mir an meinem Job sehr gefällt. Ich arbeite gerne konstruktiv und lösungsorientiert mit Menschen zusammen, und dazu gibt mir mein Job alle erdenklichen Möglichkeiten: Natürlich arbeitete ich vorrangig mit meinem Team zusammen, aber es gibt auch sehr viele Themen, die bereichsübergreifend oder sogar zwischen den vielen Standorten auf internationaler Ebene gelöst werden müssen. Langweilig wird es nie – aber da bin ich sicher, nicht nur für mich, sondern für die gesamte Eisenbahnbranche sprechen zu können.

WiM: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Bild: Nach ihrem Einstieg ins Unternehmen im Rahmen einer Ausbildung zur Technischen Systemplanerin 2014 war sie von ihrem Aufgabenfeld schnell so überzeugt, dass sie sich zu einem dualen Studiengang im Fachbereich Industrielle Elektrotechnik entschied.

HEIKE HAHNE: Sie leitet den Bereich Process Manufacturing & Engineering bei Alstom Deutschland. Ihr Team aus 120 Mitarbeitenden agiert als Bindeglied zwischen Konstruktion und Fertigung und verantwortet die Steuerung der Produktions- und Montageabläufe.

 

 

 

 

 

JANINE VOLLBORN: Sie ist als Systemingenieurin im Bereich Elektro-Engineering für die Stromlaufplanung bei Stadler in Deutschland verantwortlich.

Women in Mobility

Die Women in Mobility engagieren sich für eine bessere Sichtbarkeit von Frauen der Mobilitätsbranche und bieten allen Frauen eine Plattform zum Netzwerken, für gemeinsame Projekte, Kooperationen und Austausch – ganz gleich, ob Studentin oder Führungskraft.

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