“SNCF WEIBLICH” HAT NEUE CHEFIN UND SUCHT MEHR MÄNNER

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Unbedarfte mögen sich fragen: weibliche SNCF, was soll das. Dürfen denn Frauen normalerweise nicht mit Zügen der französischen Staatsbahn fahren? Ein Missverständnis – die Rede ist von einem Frauennetzwerk innerhalb der SNCF. Und das bekam eine neue Chefin, die jetzt pro-feminine Männer sucht.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahnmanager

Auf Französisch heißt das Netzwerk

„SNCF au feminine“.

Die bahninterne SNCF-Zeitung Les Infos berichtete, dass an der Spitze zum 1. Oktober 2020 Francesca Aceto durch die 39-jährige Anne-Sophie Nomblot ersetzt wurde. Die neue „Feminine“-Chefin ist Absolventin der Wirtschaftskaderschmiede Edhec und SNCF-Mitarbeiterin seit 2008. Seit seiner Gründung 2012 engagiert sich Anne-Sophie Nomblot in dem weiblichen Unternehmensnetzwerk der SNCF, das etwa 8.500 Menschen umfasst, davon 17 Prozent Männer. Seit 2018 ist sie auch „Botschafterin“, also Leiterin einer der regionalen Ortsgruppen, die über das Land verteilt regelmäßige Treffen und Aktivitäten durchführen. 

Formell bezeichnet sich „SNCF au Féminin“ als das „gemischte Netzwerk der SNCF-Gruppe“ sowie „eines der führenden weiblichen Unternehmensnetzwerke in Frankreich“: „Das Netzwerk ist in allen Geschäftsbereichen, Niederlassungen und zahlreichen Tochtergesellschaften der SNCF präsent und steht allen Mitarbeitern, Frauen und Männern der SNCF-Gruppe offen. Es bringt diejenigen zusammen, die sich für die Förderung der Geschlechtervielfalt einsetzen und damit Veränderung, Innovation und die Werte des sozialen Fortschritts in den Dienst der Leistung der SNCF-Gruppe stellen.“

Als wichtig wird betont, dass die „femininen“ SNCF-Gruppen außerhalb eines hierarchischen Organisationssystems agieren und sich an den Kriterien Solidarität und gegenseitige Hilfe, Mut und Vertrauen orientieren. Gruppen-Mitglieder sollen „legitimer, selbstbewusster und entschlossener sein, ihre berufliche Laufbahn voranzutreiben“. Diesem Ziel dient ein seit 2013 betriebenes Mentoring-Programm, das in dieser Zeit etwa 400 Frauen und Männer mit offenbar hoher Zufriedenheitsrate auf beiden Seiten durchliefen. Vertrauen betrifft auch die Strukturen des eigenen Unternehmens. Dazu gehört, bei Treffen sowie auf den eigenen Webseiten Erfahrungen und Hintergründe auszutauschen und Verbindungen zwischen allen Einheiten der SNCF-Gruppe herzustellen.

Spezielle „SNCF au Féminin Think Tanks“ haben über sieben Jahre hinweg über 30 Projekte entwickelt, mit denen sie nach eigenem Bekunden zur Innovation des Unternehmens beitragen wollen. Gefördert wird seit 2017 die „Intrapreneurship“, das Verhalten der Mitarbeiter*innen als innerbetriebliche kreative, teamorientierte Unternehmer*innen mit Führungsqualitäten. Ale erstes konkretes Ergebnis wurde „ La Boutique Eco“ gegründet. Hier war die neue „SNCF Feminin“-Chefin Anne-Sophie Nomblot zu ihrer Zeit als Entwicklungsmanagerin bei SNCF Gares & Connexions  bereits aktiv involviert.

La Boutique Eco, das ist eine recht spezifische Adaptation von „Amazon-Second Hand-Kleinanzeigen“, gemünzt auf unternehmensinterne Belange. Über eine eigene Webseite können sich Abteilungen der SNCF registrieren und bei sich überflüssige gebrauchte Gegenstände anbieten oder auch von anderen Dienststellen erwerben. Der Wert sollte 500 Euro nicht überschreiten, sonst sind spezielle Formulare auszufüllen. Die abgebenden Bahnstellen können ihre überflüssigen Güter den anderen Dienststellen spenden oder verkaufen. Um den EU-Regeln des Verbots von Überkreuz-Verbindungen zu entsprechen, dürfen keine Händel zwischen Teilen der Infrastruktur und des Fahrbetriebs vermittelt werden. Gedealt wird mit allem, was nicht niet- und nagelfest ist: Sofas, Kühlschränke, Büromaterialien…

Als offizielle Ziele der Boutique nennt die Staatsbahn “Begrenzung der Einkaufskosten und Abfallentsorgungskosten für die SNCF” und die Leistung eines “Beitrags zur von der Gruppe verfolgten Politik der nachhaltigen Entwicklung”. Als „kollaborative Plattform für Spenden oder den Verkauf von professionellem Zubehör innerhalb der SNCF“ eignet sich La Boutique Éco auch für Smartphones. Angeboten werden Kleidung und persönliche Schutzausrüstung (PSA), Büromöbel, Elektronik, Büromaterial, Werkzeuge, Kommunikationsmedien, sogar kleine Haushaltsgeräte. Das Projekt floriert – offenbar macht es den Eisenbahnern Spaß, firmenintern auf Schnäppchenjagd zu gehen!

Jetzt führt also die Öko-Boutique-Mitgründerin Anne-Sophie Nomblot das Netzwerk SNCF au Féminin. Offenbar hält sie dort die Stellung der Frauen für gefestigt genug, um sich jetzt auch mehr für Männer zu öffnen. Diese  müssen nota bene die Netzwerk-Charta unterstützen.

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