„Der Gesamteindruck des Unternehmens muss stimmen“

in Personal & Management von

Mit dem Leiter des Personenfernverkehrs der ÖBB sprach bahn manager über Rekrutierung und Motivierung von Mitarbeitern. 

bahn manager Magazin: Wie überzeugen Sie potenzielle Mitarbeiter von Ihren Stellenangeboten?

Kurt Bauer: Wir arbeiten stark an unserem Arbeitgeberimage, weil wir als ÖBB doch eine unheimliche Vielfalt an Jobmöglichkeiten bieten. Ich denke, wir bieten auch einen schönen sozialen Rahmen. Das Wichtigste für viele junge Menschen ist jedoch: Wir bieten auch viele sinnvolle Tätigkeiten. Die Bahn ist natürlich ein sehr umweltfreundliches Verkehrsmittel. Mobilität als solches ist eine Daseinsvorsorge, und in diesem Sinne finden wir Leute, die diese Dienstleistung unterstützen wollen, weiterbringen wollen. In der Tat müssen aber auch wir um gute Mitarbeiter kämpfen. Das gilt aber wohl für alle Industrien.

In welchen Tätigkeitsfeldern ist die Rekrutierung am Schwierigsten?

Eigentlich betrifft es fast alle Wertschöpfungstiefen. Genz schwierig ist natürlich IT. Darunter leidet die gesamte Industrie, ich glaube, das ist sogar ein Hemmschuh für die wirtschaftliche Entwicklung. Das Thema Techniker, technische Mitarbeiter für die Instandhaltung, ist eine Herausforderung. Und dann ist es schon auch so: Dienstleistungsbereite Menschen zu finden, die mit Herz und Seele zum Beispiel Zugbegleiter sind, ist auch nicht ganz einfach. Es geht aber hin bis zu Managementpositionen.

Können Sie Bewohner von Nachbarländern gewinnen und in Ihre Familie eingliedern?

Ja. Für uns ist die EU da natürlich ein Segen. Wir können im Grundsatz ja im gesamten mitteleuropäischen Raum nach Arbeitskräften suchen. Die werden dann bei uns zu den normalen Kollektivvertragskonditionen angestellt. Das stimmt schon – wir haben viele Kollegen aus den Nachbarländern, die gerne bei uns arbeiten.

Tirol macht eine Ausnahme?

Ja, Tirol ist halt etwas weiter weg vom mittel- oder osteuropäischen Raum. Es ist in der Tat so, dass es noch geografisch unterschiedliche Problemregionen gibt. Da ist Tirol besonders hervorzuheben. Hier technische Mitarbeiter zu finden, ist eine ganz, ganz große Herausforderung.

Sie haben ja den Vorteil, eigene Akademien für Eisenbahnausbildung vorzuhalten. Wächst Ihnen damit ständig neues Personal nach?

Mit unserem eigenen Ausbildungsprogramm haben wir natürlich einen Vorteil. Aber die jungen Leute heute sind mobiler. Es gibt kein Leben mehr bei einem Unternehmen. Dementsprechend sehen wir natürlich schon: Sobald die Arbeitskonditionen woanders besser sind, sind die jungen Leute heute weitaus schneller wechselbereit, als das früher der Fall war.

Wie sieht es heutzutage mit dem Führungsstil aus?

Das ist sogar in unserem Wertekanon verankert: Initiative zeigen, Initiative für den Kunden zeigen. Ich glaube, dass die Managementstrukturen bei uns alles andere als verkrustet oder veraltet sind. Dementsprechend haben wir auch viele junge Mitarbeiter, die überrascht sind, wie sehr sie sich auch ausleben können in ihrer täglichen Arbeit. Eine gewisse Grenze gibt es natürlich bei der Freilebigkeit überall, wo es ans Thema Sicherheit geht. Da muss man natürlich ganz klare Prozesse einfordern und einhalten. Aber bei den Managementtätigkeiten und kreativen Prozessen denke ich, wir sind absolut State of the Art und bieten den Freiraum, den junge Menschen heute suchen. Wenn wir das nicht täten, hätten wir auch ehrlich gesagt keine jungen Mitarbeiter mehr.

Ein großes Potential, das es zu heben gilt, sind junge Frauen?

Wir haben natürlich auch junge Mitarbeiterinnen

Wir haben natürlich auch junge Mitarbeiterinnen im Fokus. Da spielen natürlich die Arbeitsbedingungen eine große Rolle – die Möglichkeit, in der Zukunft mal eine Familie zu haben, vielleicht Halbzeit zu arbeiten, dass auf diese sozialen Notwendigkeiten Rücksicht genommen wird. Und das zeichnet uns schon auch aus. Wir haben sehr faire Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich denke, wir öffnen uns auch immer stärker für das Thema Inklusion und Diversity. Wir haben eine Diversity- Beauftragte. Wir starten Initiativen, um die komplette Palette an Menschen, die es da draußen einfach gibt, im Unternehmen auch wirklich abbilden zu können, damit sich jeder zu Haus fühlt bei der ÖBB.

Wie ist das Marketing, um Ihre Botschaft herüberzubringen, Sie sind ein junges, frisches Unternehmen?

Das Arbeitgeberimage und das Image des Unternehmens lassen sich nicht trennen. Wenn ich ein schlechtes Image habe, kann ich mich noch so sehr bemühen, mich beim Arbeitnehmer zu vermarkten – er wird mich nicht wollen. Dann merkt man schon, das wir als ÖBB in Österreich eine sehr guten Ruf haben müssen, denn wir finden ja Bewerber. Das Gesamtpaket, der Gesamteindruck eines Unternehmens muss stimmen.

Bei der Einführung der Nightjet-Nachtzüge Ende 2016 prägte der ÖBB-Vorstandsvorsitzende Andreas Matthä das schöne Motto „nicht stressig, sondern lässig“. Er erklärte das Prinzip des entspannten Nachtreisens mit charmant-gemütlicher Überzeugungskraft. Die Übernahme dieser Nachtzüge von der Deutschen Bahn war aber sicher am Anfang auch ein Risiko?

Der Herr Matthä redet nicht nur so, er ist auch ein treuer Nachtzug-Kunde. Gerade erst fuhr er mit dem Nightjet nach Venedig. Die Authentizität von Führungskräften ist sehr wichtig, und beim Herrn Matthä kommt das ganz klar heraus. Er fordert nicht nur Qualität, sondern nutzt auch seine Produkte. Ja es war für uns ein gewisses Risiko, wir haben uns aber den Markt sehr genau angeschaut. Wir haben ja auch diejenigen Strecken übernommen, die aus unserer Analyse heraus das meiste Potential gezeigt haben. Das erste Betriebsjahr ist vorbei, und wir sind zufrieden mit dem Geschäft. Es ist ein stabiles Segment im Kanon des Angebots des Personenverkehrs. Wir werden das Angebot weiter kontinuierlich ausbauen. Es wird zum Fahrplanwechsel wieder eine Verbindung von Wien nach Berlin geben. Wir sind gerade jetzt dabei, neue Nachtzüge zu beschaffen für den Italien-Verkehr. Wir sind weiter davon überzeugt, dass wir dieses Geschäftsfeld nachhaltig weiter entwickeln können.

Sie haben deutliche Unterschiede in den Abteilkategorien eingeführt: hier die spartanische Version für den Rucksack-Touristen, dort wunderbare Himmelbett-Wandmalereien. Haben Sie dazu spezielle Künstler oder Designer-Gruppen herangezogen?

Wir haben natürlich mit Experten zusammengearbeitet, aber das meiste kommt wirklich aus unserem Team heraus. Das ist nicht zu unterschätzen: Die Bahnen haben nicht oft Möglichkeiten, wirklich komplett etwas Neues zu machen. Mit diesem Nachtzug haben wir es wirklich geschafft, in die gesamte Organisation so einen Drive hineinzubekommen. So eine Begeisterung: Wir werden groß, wir spielen in Europa mit, auch wenn es am Ende ja nur ein Nischenprodukt ist. Aber dieser Drive, gefördert vom Top-Management, hat dem Unternehmen unglaublich gut getan. Und es war natürlich auch imagebildend, das muss man auch sagen – in Deutschland, in Europa, in der Verkehrspolitik.

Über Kurt Bauer: Er hält betriebswirtschaftliche und technische Hochschulabschlüsse aus Innsbruck, Birmingham und London und war bis 2015 bei DB-Fernverkehr tätig.

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