„IN DER ADDITIVEN FERTIGUNG IST UNGLAUBLICH VIEL DYNAMIK DRIN“

in Schwerpunkt von

Ein bahn manager-Gespräch mit der 3D-Druck-Expertin der DB AG und Leiterin des Netzwerks „Mobility goes Additive“ über die Perspektiven des Additiven Manufacturing (AM), auch 3D-Druck genannt.

bahn manager Magazin: Frau Brickwede, wie verlief für Sie das 4. Additive Manufacturing Forum in Berlin?
Stefanie Brickwede: Bereits am Vortag hatte ich unter dem Motto „Women in Additive Manufacturing“ die Damenwelt eingeladen. Mit 600 Teilnehmern war das Forum eine sehr erfolgreiche Veranstaltung. Ich habe sehr gute Gespräche geführt mit sehr unterschiedlichen Unternehmen. Diesmal waren vor allen Dingen auch kleine und mittelständische Unternehmen mit dabei, und das sind ja genau diejenigen, die wir gerne auf das Thema Additive Fertigung lenken möchten.

Sie haben im eigenen Unternehmen das Thema schon seit einiger Zeit vorangetrieben, weil es keinen Sinn macht, sich auf gut Glück Ersatzteile zum Beispiel ins Lager zu legen, und hinterher braucht man doch gerade das eine Teil, das nicht mehr da ist. Wie entwickelt sich die Additive Fertigung aus Ihrer Sicht derzeit? Ich habe den Eindruck, die Entwicklung geht weiter rasant voran?
Wir sind noch ganz am Anfang der Nutzung dieser Technologien. Es gibt sie zwar schon relativ lange. Aber momentan wird sehr deutlich merkbar, dass neue Materialien auf den Markt kommen, neue Technologien, die sich immer stärker an ganz bestimmten Use Cases orientieren und damit auch anwenderfreundlicher werden. Dadurch erfährt diese gesamte Branche nach wie vor ein riesiges Wachstum. Noch ist gar nicht absehbar, wie groß das sein wird. Auf jeden Fall ist unglaublich viel Dynamik drin. Was mir an der Stelle wichtig ist: Additive Fertigung erlaubt uns, neue Lösungen für bekannte Probleme zu kreieren. Bei der DB richten wir alles danach aus, die klimafreundliche Schiene zu stärken. Qualität und Pünktlichkeit werden auch durch die Fahrzeugverfügbarkeit bedingt. Mit dem 3D-Druck setzen wir genau hier an, indem wir Ersatzteile, an die wir anderweitig nicht mehr herankommen, wieder verfügbar machen und Fahrzeuge schneller wieder auf die Schiene bringen.

Auch namhafte Hersteller steigern inzwischen die Verfügbarkeit ihrer fabrikneuen Fahrzeuge durch additive Fertigung. Das ist ja dann sicherlich bei Bestandsfahrzeugen noch sehr viel wichtiger, damit Sie die Züge schnell wieder im Betrieb haben.
Die DB ist einer der Vorreiter in der additiven Fertigung von Ersatzteilen. Die Technologie hat eine lange Historie im Prototyping. Wir waren mit diejenigen, die das Thema Ersatzteile auch für betriebsrelevante Teile stark vorangetrieben haben. Wir kommen jetzt immer mehr dahin, das Thema auch vorne schon in die Wertschöpfungskette mit einzusteuern, in der Entwicklung von neuen Fahrzeugen oder auch beim Redesign von Fahrzeug-Baureihen.

Nutzen Sie bei der DB auch teilweise eigene Drucker?
Nein. Unser Ziel ist nicht zwingend, zum Hersteller zu werden und bestimmte Maschinen, die ja auch in der Anschaffung durchaus hochpreisig sind, auslasten zu müssen. Wir wollen ganz klar anwendungsbezogen schauen, wie können wir das jeweilige Teil, das wir brauchen, mit der richtigen Technologie, den richtigen Materialien und dem richtigen Druckdienstleister in Verbindung bringen. Auch darin liegt eine hohe Expertise.

Als Kunde können Sie fordern. Dann engagieren Sie immer nur die Besten.
Richtig. Deutschland ist das Heimatland des industriellen 3D-Drucks, deshalb sind hier auch die Druckdienstleister hervorragend aufgestellt. Aber jeder hat so seine Stärken, ist spezialisiert auf bestimmte Technologien. Und in der additiven Fertigung haben wir mehr als 20 teilweise sehr spezielle Fertigungstechnologien, da macht es Sinn, genau zu gucken, wer ist wo Derjenige, auf den wir da setzen möchten.

Arbeiten Sie in der Beschaffung dezentral, oder sagen Sie doch, die eine Firma ist so gut, die soll von München bis Flensburg alles liefern.
Das hängt halt wie gesagt sehr stark an den jeweiligen use cases, Materialien und Technologien. Wir haben ja inhouse mit DB Schenker einen hervorragenden Logistikdienstleister. Der Transport ist nur eine Sache von Stunden. Die große Rolle spielen die Engineering-Themen, das preprocessing – ich muss erst mal das Daten-File entwickeln – und postprocessing – ich muss vor allen Dingen das Teil nachbearbeiten und validieren oder zertifizieren. Und das ist tatsächlich das Thema, das verhältnismäßig viel Zeit in Anspruch nimmt.

Beim Additive Manufacturing Forum in Berlin gab es erfreulich viele Damen, die offenbar keine Scheu haben vor dieser Thematik. Die Deutsche Bahn hatte auch eine Dame auf dem Forum, die fleißig sich alles angeschaut und angehört hat, die wohl tituliert ist als Technology Scout der DB für Additive Manufacturing. Interessant – Sie durchforsten ganz gezielt alles, was in der Branche in diesem Bereich stattfindet.
Wir wollen als Team wirklich schlagkräftig sein. Deshalb sind wir sehr heterogen aufgestellt, haben mit meinem Co-Projektleiter einen großartigen Engineering Experten mit an Bord, und ich bin als Ökonomin für die strategischen Themen, Vernetzungseffekte sowie die kunden- und mitarbeiterbezogenen Themen zuständig. Meine Kollegin Dr. Tina Schlingmann ist jemand, die in Materialwissenschaften enorm bewandert ist, vorher auch schon lange Zeit für einen Automobilzulieferer gearbeitet hat. Und bei der Bahn gibt es natürlich auch spezielle Anforderungen. Die Teile, die wir drucken, sind häufig betriebsrelevant, müssen über einen langen Lebenszyklus funktionieren. Die Anforderungen sind hoch, auch an die Materialien. Deshalb freue ich mich, mit Tina Schlingmann jemanden an Bord haben, die dies perfekt abdeckt.

Das AM-Verfahren ist noch so neu, dass es keine eingefahrenen Mechanismen gibt, ob Männer oder Frauen Aufgaben erfüllen sollen. So können die besten Kräfte, die besten Personen aktiv sein?
Die DB fördert ja schon seit langem Frauen in Führungspositionen. Ich persönlich mit langer Konzernerfahrung weiß, wie wichtig es ist, dass wir heterogen aufgestellte Teams haben. Agilität spielt immer eine Rolle, und das auch im Team abzubilden, macht ein Stück weit den Erfolg aus. Und das wird auch gewürdigt. Beispielsweise haben wir zum Ende des letzten Jahres den DB Award gewonnen – den internen Preis für das beste Konzernprojekt. Darüber haben wir uns natürlich riesig gefreut. Das ist eine Wertschätzung, die in den Konzern ausstrahlt und alle diejenigen, die daran beteiligt sind, gleichermaßen beflügelt und fördert.

Stefanie Brickwede: Die Diplom-Ökonomin ist Head of Additive Manufacturing bei der Deutsche Bahn Fahrzeuginstandhaltung GmbH und Managing Director bei Mobility goes Additive e.V.

zur Startseite
nach oben gehen