9. RAILWAY SUMMIT IN WARSCHAU – FORUM FÜR EUROPÄISCHE DEBATTEN

in Bahnmarkt Europa von

Polens Hauptstadt Warschau war vom 19. bis 21. Februar 2020 Schauplatz des 9. Internationalen Railway Summit mit etwa 200 Fachleuten aus der Bahnbranche.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Die Organisatoren Iegen Wert auf einen spezifischen Mix bei Teilnehmern und Referenten.  Jules Omura, Managing Director des Veranstalters IRITS Events Ltd., erläuterte gegenüber dem bahn manager: „Der International Railway Summit ist eine Zusammenkunft der Vertreter führender Eisenbahnen, von Regierungen, Verbänden und Bahnherstellern, bei der diese Lösungen für verschiedene wichtige Fragen diskutieren können. Dieses Mal ging es um den Umbruch durch die digitale Transformation.“

Die thematischen Vorträge wurden angereichert durch Präsentationen von Produkten und Dienstleistungen. Das chinesische Unternehmen Streamax stellte seine Software zur Gesichtserkennung vor, die warnt, falls ein Fahrzeugführer ermüdet. Konux präsentierte eine Lösung für Maintenance-Vorhersagen bei Weichen, Unipart Rail erklärte seine Big Data-Lösung für ein Condition Based Maintenance Regime, IRIS erläuterte ein neues automatisches Passagier-Zählsystem.

Der deutsche Konzern Bosch war mit ÖPNV-Angeboten nach Warschau gekommen. „Wir wollen unser Kollisionswarnsystem für Stadt- und Straßenbahnen in Polen bekannt machen, das dem Fahrer hilft, Hindernisse zu erkennen und ein Warnsignal zu geben“, erklärte Toni Scheschko, Project Manager der Bosch Engineering GmbH, dem bahn manager. „Sollte der Fahrer nicht in der benötigten Zeit reagieren, falls er sich gerade auf andere Dinge fokussiert, ist es auch möglich, dass das System eine eigene Bremsung einleitet, so dass die Straßenbahn noch vor dem Unfall zum Stehen kommt respektive der Aufprall abgemildert wird. Es bleibt aber ein Assistenzsystem.“

Wesentlicher Bestandteil der IRITS-Bahn-Summits sind sogenannte Matching-Treffen in einem gesonderten Raum. Potenzielle Käufer konnten hier mit Anbietern über die Features verschiedener Bahnprodukte direkt diskutieren. Auch Peter Köhler vom tschechischen Bahn- und Busunternehmen Leo Express nutzte die Gelegenheit zu diversen Business to Business-Gesprächen. Sein Unternehmen hat neue Züge beim chinesischen Bahnproduzenten CRRC bestellt, auch CRRC war selbstverständlich auf der Warschauer Konferenz vertreten. Kürzlich gab Köhler die Position des CEO an einen Kollegen ab, bleibt aber Miteigentümer und kümmert sich verstärkt um strategische Fragen.

„Als privates Eisenbahnunternehmen denken wir ideologisch barrierefrei“, so Köhler gegenüber dem bahn manager. „Wir arbeiten mit allen Herstellern in Europa zusammen. Bei der Zusammenarbeit mit CRRC haben wir das Konzept entwickelt und sind Eigentümer des Innen- und Außendesigns. Aus den Erfahrungen, die wir bisher gesammelt haben, wollten wir möglichst viel umsetzen in diesen neuen Zügen. Wir erhoffen uns davon, dass wir in Zukunft einfach noch näher mit dem Kunden arbeiten können und ihm noch ein besseres Fahrerlebnis geben können.“

Etwa 40 Prozent der eingebauten Komponenten stammen von tschechischen Firmen, so Köhler: „Ich selber glaube an offene Märkte, und dazu gehört natürlich auch, dass wir versuchen, in der Wertschöpfungskette möglichst günstig einzukaufen. Aber wir denken auch an die Kosten, die über den ganzen Lebenszyklus entstehen würden. Da geht es um Ersatzteile natürlich, aber auch um Zuverlässigkeit bestimmter Komponenten. Und dort haben wir auf tschechische und europäische Lieferanten zurückgegriffen, wo wir bereits positive Erfahrungen haben.“

Das italienische TrenoLab warb für seine durch Algorithmen optimierte Fahrplanprüf- und Erstellungssoftware. Die deutsche Gesellschaft Traveltainer kam mit Lösungen für sparsameres Zugfahren nach Warschau. „Der Kunde bekommt von uns die aufbereiteten Daten, freute sich im Gespräch mit bahn manager Geschäftsführer Rolf Feldmann. „Er kann direkt aus den Messungen Ergebnisse ziehen per Mausklick, Berichte wie Kraftstoffverbrauch, Energieverbrauch, wie kann der Fahrstil optimiert werden. Das wird alles schon automatisiert vorbereitet. Die Grundlage dafür ist eine kleine Elektronik, die in die Fahrzeuge eingebaut wird. Mit einer kleinen Box werden die Daten aus dem Fahrzeug gelesen und zum Server übertragen, und dort machen wir dann die entsprechenden Berechnungen.“

Unter den Vortragenden befand sich auch Business Relations Manager Ivars žukovskis des europäischen Bahnprojekts Rail Baltica. Die Planungen für den Neubau der normalspurigen Bahnstrecke, die Estland, Lettland und Litauen mit Polen und damit dem europäischen Netzwerk verbinden wird, gehen wie vorgesehen voran. „In den letzten Jahren sind unsere Planungen vorangekommen. Wir sind schrittweise in die Design-Phase gekommen. Inzwischen sind die meisten Details der technischen Sektionen in Arbeit. In scharfem Wettbewerb haben wir verschiedene internationale Auftragnehmer ausgewählt. In mehreren Bauabschnitten sind Arbeiten in Gange. Mich freut, dass auch deutsche Unternehmen involviert sind, französische und spanische Unternehmen.“ Gegenüber dem bahn manager betonte žukovskis: „Die deutschen und baltischen Unternehmen arbeiten zusammen und illustrieren, dass Rail Baltica eine echte europäische Unternehmung ist.“

Früher war die internationale Bahn-Organisation UIC mit Sitz in Paris die führende Stelle für die Harmonisierung von Fahrverkehr und Rollmaterial. Heutzutage gibt es auch Standards wie ISO, gesetzliche Regelungen und Spezifikationen wie TSI. Wo steht heute die UIC? Simon Fletcher, Chief Standardisation Officer & Coordinator Europe, war sich gegenüber dem bahn manager sicher: Die UIC bliebt weiterhin wichtig! „Bis vor 30 Jahren war die UIC mit ihren Normblättern die einzige internationale Bahnorganisation für Standardisierung von Betrieb und Fahrzeugen. Die ersten UIC-Blätter veröffentlichten wir 1928! Vieles dessen, was heute europäische Spezifikationen wie TSI fordern, hat die UIC seit 1922 entwickelt und wurde aufgegriffen. Es machte ja auch keinen Sinn, alles neu zu erfinden.“

Das nächste Railway Summit findet vom 24. bis 26. Februar 2021 in Berlin statt. Auf der Bewegtbild-Plattform des bahn managers bei YouTube ist eine VIDEO-Reportage von der Konferenz zu finden unter dem LINK sowie das Interview mit Konferenzmanager Jules Omura unter dem LINK

zur Startseite