AB 2020: SNCF MACHT SICH FIT FÜR WETTBEWERB

in Bahnmarkt Europa von

TROTZ DER STRAßENPROTESTE SOGENANNTER GELBWESTEN GEGEN DAS REFORMPROGRAMM DES FRANZÖSISCHEN PRÄSIDENTEN EMMANUEL MACRON HÄLT SEIN BAHNCHEF KURS.

von Hermann Schmidtendorf, bahn manager Magazin

Präzedenzlos war 2018 der mehrmonatige Eisenbahnerstreik, mit dem ein erheblicher Teil der Belegschaft gegen liebgewordene Privilegien bei Frankreichs Staatsbahn Société nationale des chemins de fer français SNCF protestierte. Es war nicht der erste Ausstand, den der seit 2008 amtierende SNCF-Präsident Guillaume Pepy aushalten musste. Der Streik ging vorbei, das Parlament beschloss die ungeliebten Reformen.

Jetzt stellte Frankreichs oberster Bahnlenker ein geschlossenes Konzept für die Zukunft seines Unternehmens in Zeiten des Wettbewerbs vor. „Ab dem 1. Januar 2020 werden wir unser Unternehmen neu aufstellen – eine Neugeburt vergleichbar mit der Gründung des Unternehmens 1937“, erklärte Pepy gegenüber Journalisten. Damit sollen sowohl die Versprechen gegenüber den Bahnkunden erfüllt werden – mehr Züge in besserer Qualität – als auch die Voraussetzungen geschaffen werden, in einem dann für Konkurrenz geöffneten Bahnmarkt bestehen zu können.

Als mögliche Mitbewerber ab 2020 sieht der SNCF-Chef Transdev, RATP, Trenitalia und die Deutsche Bahn – „die ’Kollegen’ unseres Sektors, ironisiert Pepy. Bei Transdev ist die französische Bank Caisse des Dépôts (CDC) wesentlicher Kapitalgeber neben der seit kurzem 30 Prozent haltenden westfälischen Rethmann-Gruppe, beim Betreiber des öffentlichen Personennahverkehrs im Raum Paris RATP (Régie autonome des transports Parisiens) handelt es sich um ein Staatsunternehmen. Pepy geht also davon aus, dass auch französisches Kapital der bisherigen Alleinstellung der SNCF Grenzen setzen wird.

Pepys mutige Antwort auf die ungewohnten Herausforderungen betrifft mehrere Felder. Dazu gehören Kostenersparnisse im Technikbereich, Ankurbelung der Kundenzahlen und eine weitere Anpassung der Personalkosten. Erhöht werden müsse die Profitabilität des Bahnbetriebs. „Bis 2026 werden 10 bis 15 Prozent der heute 140.000 Arbeitsplätze wegen der Digitalisierung wegfallen“, ist sich Pepy sicher. 35 Prozent der Stellen werden ihren Inhalt radikal ändern. Für ein Industrieunternehmen ist das ein beispielloser Schock.“

Mit einem massiven Förderprogramm in Höhe von einer Milliarde Euro sollen der SNCF-Belegschaft zukünftig benötigte Kompetenzen vermittelt werden. Wenn zum Beispiel ein „digitaler Güterzug“ 30 Prozent Produktivitätssteigerung bringen solle, müsse dieser durch das Personal auch entsprechend geführt werden. Die neu definierten Arbeitsplätze müssten als „attraktiv“, die sozialen und finanziellen Bedingungen als sicher erfahren werden. Ein „neuer Sozialpakt“ solle geschlossen werden, der „effektive Beschäftigungsgarantien für die Eisenbahner entsprechend ihren Kompetenzen“ enthalte.

Interessant: Pepy kündigte an, sich von den Angeboten der SNCF beispielsweise beim Carsharing wieder trennen zu wollen: „Wenn wir solche Transportangebote über unsere App anbieten, heißt das doch nicht unbedingt, dass wir sie auch selber durchführen müssen.“ Nachahmenswert auch für die DB, die sich derzeit in verschiedensten Geschäftsfeldern parzelliert? Pepy stellt unter anderem die Aushängeschilder seines Unternehmens im Bereich der „Neuen Mobilität“ zur Disposition, Ouicar, Le- Cab (Privat-PKW-Verleih und ein Uberähnlicher Dienst) sowie iDVROOM, eine Plattform für die Vermittlung von PKWMitfahrplätzen. „Es gibt eine Konsolidierung in diesem Sektor“, schätzt Pepy ein. Also laufe das von alleine, die Staatsbahn solle sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Und auch das ist ein diametraler Unterschied zur Deutschen Bahn: Die Cargo-und Logistikaktivitäten der Töchter Fret und Geodis sowie die Auslandsaktivitäten der Tochter Keolis sollen sogar ausgebaut werden. Pepy: „Wir sind immer offen für eine Aquisition!“ Die DB diskutiert hingegen erneut den zumindest teilweisen Verkauf der Logistik-Tochter Schenker und der Auslandsgesellschaft Arriva, engagiert sich aber weiter in diversen bahnfernen Themen wie sogar Weltraum- und Drohnen-Projekten. Wie stellt sich SNCF-Lenker Pepy die finanzielle Gesundung seines Konzerns vor, der – ähnlich wie sein deutscher Gegenpart – mit Schulden zu kämpfen hat? „Wir erwarten eine Steigerung der Umsätze in den kommenden sieben Jahren um 20 Prozent, bei einer operativen Marge von 50 Prozent“, setzt Pepy die Pfosten.

Eine optimistische Perspektivsicht, schließlich sollen bis 2026 57 Milliarden Euro investiert werden. Hier spricht Pepy ganz wie sein deutscher Kollege DB-Chef Lutz: „Wenn wir Marktführer bleiben wollen, muss sich das auch in der Innovation zeigen.“ In diesem Zusammenhang verweist die SNCF auf die Bestellung von gleich 100 neuen Hochgeschwindigkeitszügen, dem „TGV der Zukunft“, sowie auf sechs Milliarden Euro Investitionen in die Modernisierung der Stadtbahnlinie RER E. Pepy: „Ein Zug mit Tempo 120 km/h alle 106 Sekunden durch Paris, das hat es noch nie gegeben!“ Essentiell ist für Pepy die Steigerung der Kundenzahlen.

Durch die Angebote des „Billig-TGV“, genannt Ouigo, sollen bis 2020 13 Millionen weitere Fahrkunden gewonnen werden. Im TER-Bereich, vergleichbar dem deutschen IC-Verkehr, erwartet Pepy nicht zuletzt durch bessere Angebote eine Kundensteigerung um 30 Prozent bis 2025. Wie in Deutschland kann auch Frankreichs Bahnchef seine ambitionierten Investitionen nur mit Finanzhilfe des Staates stemmen. SNCF-Chef bietet dem Staat im Gegenzug eine entschlackte und transparente Bahnstruktur an. Zumindest, sofern dagegen nicht wieder gestreikt wird… Gewerkschaftsorganisationen bleiben zunächst skeptisch gegenüber der angekündigten „Revolution von oben“.

Bild: Reformdebatte auch mit den Händen – Frankreichs Bahnchef Guillaume Pepy.

 

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