ALLIANZ PRO SCHIENE: DEUTSCHE EINHEIT AUCH AUF DER SCHIENE VERWIRKLICHEN

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30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ist die deutsche Teilung im Schienennetz immer noch präsent, erinnert die Allianz pro Schiene und fordert den Lückenschluss am Beispiel von vier ausgewählten Bahnstrecken.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager    

Der Pkw der deutschen Einheit ist der Trabbi. Mit ihm strömten DDR-Bewohner*innen massenhaft gen Westen, als sich die Mauer öffnete. Den „Mauerdurchbruch“ mit einem Trabant-Auto nahm damals die Künstlerin Birgit Kindler wörtlich. Sie malte ihn großformatig auf Mauerstücke der Berliner „East Side Gallery“. Der in Berlin lebende Zahnarzt Dr. Ludwik Wasecki kaufte sich einen Trabbi und Berliner Mauerstücke. Auf einer Wiese bei Wrocław/Breslau stellte er die Gemäldeszene „live“ eins zu eins nach. Natürlich war der Trabbi hinten plastegrau und vorne gülden eingefärbt – schließlich sollte ja so die Zukunft werden.

Doch grau ist die Einschätzung teilweise auch 30 Jahre nach erfolgter Einheit noch – zumindest beim deutschen Schienennetz. Zwar wurden nach 1990 wichtige Hauptstrecken zwischen Ost und West ausgebaut und modernisiert, unterstreicht das gemeinnützige Verkehrsbündnis Allianz pro Schiene, auch kamen bedeutende Neubaustrecken hinzu. Doch von 40 durch die deutsch-deutsche Teilung stillgelegten Eisenbahnstrecken gingen bis heute nur sieben wieder in Betrieb, Strecken in und um Berlin nicht mitgerechnet.

„Nicht bei jeder vor langer Zeit stillgelegten Eisenbahnstrecke ist es dringlich oder überhaupt sinnvoll, die Verbindung wieder in Betrieb zu nehmen“, räumt Dirk Flege vorsorglich ein. Doch der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene ist sich sicher: Eine Reihe der damals getrennten Bahnstrecken wird benötigt und sollte deshalb schnellstmöglich reaktiviert werden, „um auf den Gleisen 30 Jahre nach der Einheit die Folgen der Teilung zu überwinden“.

Die Allianz verweist beispielhaft auf vier Bahnverbindungen, deren sofortige Reaktivierung sinnvoll ist. Erstes Beispiel ist die nur sechs Kilometer lange Lücke zwischen Blankenstein in Thüringen und dem bayerischen Marxgrün. Die Region bekäme mit dem Comeback der Höllentalbahn eine massive Entlastung vom Lkw-Verkehr. Eine große Papierfabrik in Blankenstein hat wiederholt ihr Interesse an der Reaktivierung angemeldet, berichtet die Allianz. Und: Im Personenverkehr würde wieder eine direkte Verbindung zwischen Saalfeld und Hof möglich.

Weiteres wichtiges Beispiel eines nötigen Lückenschlusses zwischen Thüringen und Bayern ist die Verbindung Eisfeld – Coburg. Für die Reisenden und die Wirtschaft im südlichen Thüringen brächte die Reaktivierung der Strecke den großen Vorteil, dass sie eine direkte Anbindung an den ICE-Bahnhof Coburg bekämen. Diese Strecke ist daher im Zielfahrplan Deutschlandtakt 2030 enthalten. Im Süden Berlins wachsen Deutschlands Hauptstadt und ihr Brandenburger Umland immer mehr zusammen. Daher wird die Reaktivierung der alten „Potsdamer Stammbahn“ Potsdam-Griebnitzsee – Berlin Potsdamer Platz für die Entlastung der Berliner Stadtbahn dringend gebraucht, ist sich die Allianz pro Schiene sicher. Diese Strecke ist ebenfalls im Zielfahrplan Deutschlandtakt 2030 enthalten. Es wird also Zeit, mit den Planungen konkret zu werden!

Im Norden Berlins warten die Menschen ebenfalls seit der Wiedervereinigung auf die Wiederbelebung einer alten Verbindung. Die Strecke von Basdorf/Abzweig Schönwalde bis Berlin-Wilhelmsruh und weiter nach Berlin Gesundbrunnen wurde durch den Mauerbau 1961 unterbrochen. In den 30 Jahren seit dem Mauerfall ist es nicht gelungen, die nur einen Kilometer lange Lücke im Schienennetz zu schließen. Dabei ist der Bedarf immens, wie die Pendlerströme zwischen Brandenburg und Berlin und der intensive Ausflugsverkehr zeigen. Immerhin: Inzwischen laufen hier die Planungen für die Wiederinbetriebnahme, und Ende 2020 soll es den ersten Spatenstich geben.

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