Alstom: Coradia iLint: “Unser Produkt ist am Markt, wir sind bereit!”

in Märkte & Player/Personenverkehr von

Weltpremiere am Gleis 8: Über 150 Ehrengäste von Politik, Wirtschaft, Technik und Presse wohnten im Wiesbadener Hauptbahnhof der ersten Vorstellung des Wasserstoffzugs Coradia iLint von Alstom bei.

Von Hermann Schmidtendorf, Büro Berlin

Gastgeber der Veranstaltung waren die Hessische LandesEnergieAgentur sowie die Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Initiative Hessen. Hessische Regionalverkehrsbetreiber hatten 2014 gemeinsam mit Aufgabenträgern aus Niedersachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen auf der Innotrans-Messe einen Letter of Intent bezüglich der Berücksichtigung von Wasserstoffzügen bei zukünftigen Ausschreibungen unterzeichnet. Damit erhielt Alstom Transport Deutschland die nötige Rückendeckung, um für Forschung und Entwicklung eines solchen Fahrzeugs in Vorleistung zu gehen.

Das Ergebnis kann sich hören lassen: Im Stillstand liegt der Geräuschpegel bei der Diesel-Variante bei 68 dB, bei der Brennstoffzellenversion jedoch nur bei 52 dB. “Das ist leiser, als ich hier spreche!” freute sich Alstom-Ingenieur Stefan Schrank. Entsprechend “flüsternd” ist auch die Lautstärke beim Beschleunigen, Vorbeifahren und im Fahrzeuginnern. Optisch ist der Wasserstofftriebzug kaum von einem “normalen” Coradia unterscheidbar. Die Wasserstofftanks (135 bar Überdruck) sind hinter Sichtblenden auf dem Dach, die Batterien am Fahrzeugboden verborgen. Zur Energieproduktion wird auch Luft benötigt, diese wird aus der Zugumgebung angesogen. Emittiert wird reiner Wasserdampf statt umweltschädlichem CO₂ – ökologisch gesehen ein harmloser Teekessel auf Rädern. Durch Rückgewinnung der Bremsenergie werden die Batterien immer wieder geladen. So entsteht eine Reichweite ohne Auftanken von etwa 1000 Kilometern bei einer Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h.

Zum Einsatz kommen sollen derartige Züge ab 2022 im hessischen Taunusnetz. Dazu soll im Infraserv-Industriepark Frankfurt Höchst eine Wasserstoff-Betankungsanlage entstehen. Dort fällt sowieso schon täglich das Dreifache der für den Zugverkehr benötigten Wasserstoff-Menge als Abfallprodukt chemischer Prozesse an – eine Win-Win-Situation. Ein entsprechendes Übereinkommen für die Errichtung der Zug-Tankstelle wurde am Rande der Fahrzeugpräsentation unterzeichnet. Die hessischen Züge werden in Kürze per europaweiter Ausschreibung gesucht. Da jedoch derzeit nur Alstom ein serientaugliches Produkt vorweisen kann, steht die Chance für einen Zuschlag gut.

Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir und die Vertreterin des Bundesverkehrsministeriums Brigitta Worringen betonten, Wasserstoffzüge könnten dort für einen ökologischen Bahnverkehr sorgen, wo eine Elektrifizierung der Linien noch nicht erfolgt sei oder auch technisch oder wirtschaftlich nicht darstellbar sei. Vor diesem Hintergrund sei der Wasserstoffzug “mehr als nur ein Nischenprodukt”, freute sich im Gespräch mit bahn manager Dr. Jörg Nikutta, Geschäftsführer von Alstom Transport Deutschland: “Die Kunst ist die Abstimmung – wann wird die Brennstoffzelle die Energie liefern, wann die Batterie… Das ist nicht aus dem Baukasten, da braucht man viel Erfahrung, muss viele Kilometer fahren. Deshalb sind wir stolz, dass wir sagen können: Unser Produkt ist am Markt, wir sind bereit!”

Mehr zum Thema in unseren Videos – der Reportage vom Event  und dem Interview mit dem Aufgabenträger

zur Startseite
nach oben gehen