ALSTOM SALZGITTER: TAG DER OFFENEN TÜR MIT DAMPFLOKS UND DEM WASSERSTOFFZUG

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Der Alstom-Konzern lud am 31. August 2019 an seinem deutschen Stammsitz in Salzgitter zum Tag der Offenen Tür – Museumsbesuch und Fahrt mit dem Wasserstoffzug inklusive.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Bei strahlendem Sonnenschein nahmen Beschäftigte mitsamt Familien und zahlreiche Gäste gerne die Chance wahr, um im Kreis der Zugbauer einen entspannten Tag zu verbringen oder auch mit dem iLint zu fahren, dem neuen Alleinstellungsmerkmal des Herstellers.

“Sie sehen, er ist natürlich geräuschlos, das ist ja ein elektrischer Zug”, erläuterte Alstom-Deutschland & Österreich-Geschäftsführer Dr. Jörg Nikutta dem bahn manager. “Wäre das Wetter diesiger, würde man ganz leichten Dampf aus der Energieproduktion der Brennstoffzellen entweichen sehen. Bei dem heutigen schönen Wetter natürlich nicht, der Wasserdampf diffundiert sofort in der Luft. Auf das Konzept dieses Fahrzeugs sind wir enorm stolz, denn das ist Mobilität der Zukunft. Der Zug kann dort eingesetzt werden, wo sonst Dieselzüge fahren, wo keine Oberleitung hängt. Er ist zuverlässig im Betrieb und absolut umweltfreundlich, keinerlei Emissionen, kein CO2, gar nichts. Das macht ihn in meinen Augen tatsächlich bahnbrechend.”

Das Wort “bahnbrechend” prangte auch auf dem Info-Bildschirm im Zug selbst, den Alstom zu den Sonderfahrten am Tag der Offenen Tür aus dem derzeit laufenden Regel-Erprobungsverkehr ausgeliehen hatte. Gerne nahm bahn manager die Chance wahr, die Fahrt aus der Fahrerkabine zu verfolgen. Das Fahrerpult sieht eigentlich genau so aus wie bei einem mit Diesel oder elektrischer Oberleitung angetriebenen Triebfahrzeug. Eine Besonderheit ist nur der links befindliche Bildschirm, der besondere Informationen zum Energie-Management liefert. Und – auch im Zuginnern ist es äußerst leise!

Wäre Alstom denn in der Lage, auch größere Stückzahlen dieses “Öko-DeLuxe”-Zuges zu bauen, sagen wir hundert Stück auf einmal, wollte bahn manager von Dr. Nikutta wissen. “Wir sind vorbereitet, auch große Serien bauen zu können”, kam die eindeutige Antwort. “Schwieriger sind manchmal sehr kleine Aufträge mit vielen Sonderwünschen, weil man dann sehr viel Aufwand in ein oder zwei Züge steckt.”

Wie kommt eigentlich die Zentrale von Alstom Transport Deutschland ausgerechnet nach Salzgitter? Das liegt am Schienenfahrzeughersteller Linke-Hofmann-Busch(LHB), dessen Aktienmehrheit der damals als GEC-Alsthom firmierende französische Konzern 1994 übernahm. Linke-Hofmann-Busch hatte sich von 1839 bis 1945 im damals noch deutschen Breslau unter wechselnden Namen einen guten Ruf in der Welt erworben. Wegen der Grenzverschiebungen nach dem 2. Weltkrieg und der Eingliederung der DDR in den kommunistischen Herrschaftsbereich siedelte LHB nach Salzgitter um. Am Firmensitz erinnert eine Bronzebüste an einen der Firmengründer, Gottfried Linke.

So beziehen sich denn auch zahlreiche Exponate im Werksmuseum, das normalerweise nur sporadisch für Kleingruppen geöffnet wird, auf die Breslauer Traditionsgeschichte. Das ehemalige LHW-Werk in Breslau, jetzt polnisch Wrocław,  firmierte ab 1953 als PAFAWAG und wurde 2001 von Bombardier übernommen. Die Werkanlagen in Bautzen, die seit 1928 zu LHW gehörten, gingen zu Zeiten der DDR in den LOWA-Werken auf, später hießen sie VEB Waggonbau Bautzen. 1998 wurde auch das Werk Bautzen von Bombardier übernommen. So lässt sich durch die Exponate in Salzgitter ein wichtiges Kapitel deutsch-polnischer Eisenbahngeschichte verfolgen.

Neben Salzgitter hat Alstom heute in Deutschland unter anderem Standorte in Berlin, München, Stendal und Mönchengladbach. In Italien ist Alstom durch seine Tochter FIAT Ferroviaria vertreten. In Polen wirkt Alstom durch das 1997 erworbene Waggonwerk Konstalin Chorzów, das Straßenbahn- und U-Bahn-Wagen sowie Komponenten für Hochgeschwindigkeitszüge baut, sowie durch die Gesellschaft Alstom Power in Warschau und Beteiligungen an Kraftwerken.

Wie war die Resonanz auf die Deutschland-Tour des Wasserstoffzuges, wie kam es dazu? Dr. Nikutta antwortete bahn manager mit emotionalem Engagement. Nachdem der Zug in Nord-Niedersachsen erfolgreich fuhr, seien viele Betreiber neugierig geworden, ob der iLint “auch Berge kann und nicht nur norddeutsches Flachland”, so der Alstom-Chef. “Da habe ich gesagt, sagt uns, wo wir fahren sollen, wir kommen. Und das haben wir gemacht –  im Winter im Schwarzwald, wir waren im Thüringer Wald, wir waren in Nordbayern, im Berliner Raum. Wir haben gezeigt, dass es geht. Wir mussten überhaupt keine besonderen Vorkehrungen treffen. Der Zug ist im Anzug stärker als sein Bruder, der Diesel-Lint, der ja auch überall in Deutschland fährt. Das heißt, dieser Zug kann überall einfach fahren.”

Jetzt prüfe Alstom eine Erweiterung der deutschen Zulassung auf das “benachbarte Ausland”, da auch von dort Anfragen zu Testfahrten kämen. Dr. Nikutta: “Die Resonanz ist gigantisch, überall stehen die Leute und fotografieren ihn. Ich werde nie vergessen, als wir in Thüringen unterwegs waren, wo man praktisch keinen Wald mehr sah über Kilometer, weil alles voller Zugfreunde war, die diesen weltweit ersten Wasserstoffzug, unseren iLINT, sehen wollten. Das bewegt schon sehr emotional, und das macht auch stolz.”

Erstes und besonders interessantes Exponat des Alstom-Werkmuseums ist der Salonwagen S290 299. Er wurde 1911 in Breslau als Hofsalonwagen 2a der Kaiserin Auguste Victoria erbaut. In Salzgitter befindet sich der am besten erhaltene von heute noch fünf existenten Hofsalonwagen. Besonders stolz ist Alstom-Deutschland & Österreich-Chef Dr. Nikutta aber auch auf die Dampflokomotive P10, die letzte Baureihe einer Personenlokomotive nach Plänen der Königlich Preußischen Staatseisenbahnverwaltung KPEV.  Von dieser Baureihe sind nur zwei Exemplare erhalten, schwärmte Dr. Nikutta gegenüber dem bahn manager: “Doch nur unsere Lok ist im Originalzustand erhalten!”

Es ist schön zu sehen, dass der Alstom-Chef sich sowohl für die Tradition als auch für die Zukunftsvision begeistert – schließlich war die Eisenbahn auch früher schon ein Motor des Fortschritts. Ein Filmbericht aus Salzgitter ist auf der bahn manager-Video-Plattform eingestellt: https://youtu.be/MNp4Noka4BU Das komplette Interview mit Dr. Nikutta erscheint demnächst in der Printversion des bahn manager.

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