BAHN-BUSINESS UND REISEN IN ZEITEN DES CORONA-VIRUS

in Bahnmarkt Europa von

Bei der jüngsten IRITS-Bahnkonferenz in Warschau verteilten die Veranstalter Fläschchen mit anti-bakteriellem Gel an die Teilnehmer, Händeschütteln war verboten.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Das ausgereichte polnische Spezifikum der Serie “Clean Hands“ tötet laut Aufschrift „99,9 Prozent aller Bakterien“. Zwar sind Viren keine Bakterien, aber … schaden kann es ja nicht, sich mit solchen Mitteln die Hände zu bestreichen. Zumindest der Duft war angenehm. Wichtiger ist sicher, häufig die Hände zu waschen und Handkontakt mit öffentlichen Flächen wie Haltebändern bei Rolltreppen zu minimieren. Man muss ja auch nicht gerade das Gesicht Personen zuwenden, die niesen und dabei womöglich nicht den Mund mit einem Tuch oder Ärmel bedecken. Besondere Vorsicht sollte in Zügen und Flugzeugen bei klappbaren Tischplatten walten, die an den Rücklehnen von Passagiersitzen angebracht sind.

ANTIBAKTERIEN-GEL UND TISCHPLATTEN

Bereits 2014 trugen US-Wissenschaftler im Rahmen der Jahreskonferenz der Amerikanischen Gesellschaft für Mikrobiologie in Boston das Ergebnis einer entsprechenden Untersuchung vor. Das erläutert die Webseite https://www.sos.de/keime-im-flugzeug , die auch praktischerweise gleich diverse Desinfektionsmittel zum Kauf anbietet. An den Klapp-Platten wurden im Durchschnitt pro Quadratzoll 2.155 kolonienbildende Einheiten (KbE) gefunden. Platz zwei der am stärksten kontaminierten Orte belegten die Knöpfe der Trinkwasserspender an den Flughäfen (1.240 KbE / Quadratzoll). Mit deutlichem Abstand dahinter rangieren die Toilettenspülknöpfe an Bord (265 KbE / Quadratzoll), die Schnallen der Sitzgurte (230 KbE / Quadratzoll) und schließlich die jeweilige Türverriegelung in den Toilettenräumen der Flughäfen. Bestens sind die Bedingungen für Bakterien aber auch rund um die Einstecktaschen am Vordersitz. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass ein multiresistenter Keim hier 168 Stunden überleben konnte.

Waren die genannten Stellen schon immer mit Vorsicht zu behandeln, hat diese Regel sicher seit dem 7. Januar 2020 an Bedeutung zugenommen, als in der chinesischen Region Wuhan neuartige Coronaviren entdeckt wurden. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Krankheitserregern, die leichte Erkältungen, aber auch schwere Lungenentzündungen auslösen können. Übertragen werden sie durch Tröpfcheninfektion. Betroffen sind hauptsächlich ältere oder auch immungeschwächte Personen. Während die bislang aufgetretenen Coronaviren eine Sterblichkeitsrate von 10 Prozent (SARS) oder sogar 30 Prozent (MERS) aufweisen, wird bei der neuen Variante COVID-19 eine Sterblichkeit von „nur“ drei Prozent diagnostiziert.

Aber auch das ist natürlich eine erschreckende Quote, weshalb am 30. Januar 2020 die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den globalen Notstand ("gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite") ausrief. Dies beinhaltet den Aufruf an alle Staaten, die Eindämmung der Verbreitung des Virus aktiv zu betreiben. Da die Inkubationszeit zwischen zwei und 14 Tagen beträgt, werden im Verdachtsfall Personen über diesen Zeitraum von ihrer Umgebung isoliert. Symptome sind Fieber, Husten oder Atemprobleme.

WAREN AUS CHINA TRAGEN KEINE VIREN

Wichtig ist zu wissen, dass generell keine Waren aus China mit Coronaviren behaftet sein können. Denn diese halten sich selbst auf glatten Flächen höchstens neun Tage. Jeder
Transportweg dauert länger. Das erläutert die Fachpublikation: https://www.journalofhospitalinfection.com/article/S0195-6701(20)30046-3/abstract . Dort heißt es in der Zusammenfassung unter anderem: „Die Analyse von 22 Studien zeigt, dass humane Coronaviren wie das SARS-Coronavirus (Severe Acute Respiratory Syndrome), das MERS-Coronavirus (Middle East Respiratory Syndrome) oder endemische humane Coronaviren (HCoV) auf leblosen Oberflächen wie Metall, Glas oder Kunststoff bis zu 9 Tagen überdauern können.

Sie können aber durch Oberflächendesinfektionsverfahren mit 62–71% Ethanol, 0,5% Wasserstoffperoxid oder 0,1% Natriumhypochlorit innerhalb von einer Minute effizient
inaktiviert werden. Andere biozide Mittel wie 0,05–0,2% Benzalkoniumchlorid oder 0,02% Chlorhexidindigluconat sind weniger wirksam. Da für SARS-CoV-2 keine spezifischen Therapien verfügbar sind, ist eine frühzeitige Eindämmung und Verhinderung einer weiteren Ausbreitung von entscheidender Bedeutung, um den anhaltenden Ausbruch zu stoppen und diesen neuartigen Infektionsarten zu kontrollieren.“

CRRC: EPIDEMIE BEHINDERT EUROPAREISEN

Es verbietet sich auch, jetzt sämtliche „irgendwie asiatisch“ ausschauenden Personen als potentielle Virus-Überträger zu beäugen. Man kann vielmehr davon ausgehen, dass nicht zuletzt wegen der entschiedenen Kontrollen in China hierzulande sich aufhaltende Chinesen auf keinen Fall mit dem Coronavirus behaftet sind. Das erfuhr bahn manager auch bei seinem jüngsten Besuch in Wien. Ein angedachtes Treffen in der Wiener Europazentrale des Bahnproduzenten CRRC wurde wegen des Corona-Virus abgesagt.
Derzeit seien einfach zu wenig Funktionsträger des Konzerns in Europa, weil der Reiseverkehr streng geregelt werde, hieß es. Somit stehe für die zahlreichen Aktivitäten
nur eine begrenzte Anzahl von Personen in Europa zur Verfügung, eine Sitzung folge der anderen.

Wesentlich für die Weltwirtschaft ist natürlich, dass die Eindämmung des Virus im Ursprungsland China so weit gelingt, dass die aus Vorsicht in vielen Städten ausgesetzte
Wirtschaftsproduktion wieder voll anläuft. Das soll bis Mitte März der Fall sein. Derzeit erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) wegen der Lungenkrankheit für China nur noch ein Wirtschaftswachstum von 5,6 Prozent – im Januar waren es noch 6 Prozent gewesen. Auch die Wachstumsprognosen für westliche Staaten werden sinken – wie sehr, wird von dem weiteren Verlauf der Eindämmung und Bekämpfung des Virus abhängig sein.

ITALIEN – KEIN „OPFER“ DER SEIDENSTRASSE

Einen Einbruch verzeichnet auf jeden Fall die Tourismusbranche in Italien, das 2019 von mehr als drei Millionen Touristen aus China besucht wurde. Italien untersagte am 31.
Januar als erster EU-Staat Direktflüge von und nach China. Gleichzeitig wurden nach dem Feststellen von Coronavirus-Infektionen elf Städte mit zusammen gut 50.000 Einwohnern südöstlich von Mailand unter Quarantäne gestellt, sie dürfen weder verlassen noch betreten werden. Die Lombardei und die ebenfalls von der Epidemie stark betroffenen Nachbarregionen Venetien und Piemont unterhalten seit Jahren enge Wirtschaftsbeziehungen zu China. Agrarprodukte werden exportiert, Industrieprodukte
importiert.

Zu kurz scheint allerdings die Erklärung des Italien-Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen zu greifen, der einen Zusammenhang zwischen dem Memorandum of Understanding von 2019 zur „Teilnahme Italiens – als erstem Land der G-7-Gruppe der westlichen Industrienationen – am globalen Investitions- und Infrastrukturprojekt Neue Seidenstraße“ und der Verbreitung des Coronavirus herstellt. In Zeiten des globalisierten Reisens hätte der Virus auch andere Regionen als Italien angreifen können. Und das Stoppen eines ÖBB-Zuges an der Grenze sowie das kurzzeitige Festsetzen eines aus Mailand stammenden Reisebusses am Busbahnhof in Lyon sind wohl eher als Aktionismus zu werten.

CHINAS BAHNTRANSPORT ROLLT WIEDER AN

Derweil beginnt in China die Logistikbranche, Schritt für Schritt wieder zur Normalität zu gelangen. Das berichtet das Online-Gütertransport-Portal RailFreight. Wuhan und andere Städte in Hubei sind weiterhin bis mindestens zum 10. März gesperrt. Dies bedeutet, dass der Güterverkehr von und nach der vom Coronavirus betroffenen Provinz nur auf dringende Sendungen beschränkt bleibt. Dies war die jüngste Ankündigung der chinesischen Regierung zur Provinz Hubei mit ihrem Logistikzentrum Wuhan.

Inzwischen haben die meisten Provinzen erfolgreich ihre Schienengüterverkehre schrittweise wieder aufgenommen. Obwohl Lieferungen auf der „first mile“ und „last mile“ aufgrund der verschiedenen Straßenbeschränkungen problematisch bleiben, die je nach Abfahrts- und Ankunftsort unterschiedlich sind, ist es nicht unmöglich, Waren im
gesamten Land zu bewegen. Vor allem der Binnenzugverkehr hat sich als Lösung erwiesen.

In den Hubs von Hefei, Xiamen und Chengdu ist ziemlich sicher eine vollständige Zugabfahrt durchzuführen. Zugabfahrten von Yiwu und Zhengzhou wurden auf Anfang
März verschoben. Bemerkenswert ist, dass die meisten Plattformen aufgrund der hohen Nachfrage nach Schienengüterverkehr signifikante allgemeine Ratenerhöhungen gemeldet haben, vermeldet das Portal RailFright. Nur Xi'an berichtete demnach, dass es seine Raten im März im Vergleich zum Februar nicht erhöhen konnte.

HÄNDE WEG VON FLEDERMÄUSEN!

Eines scheint jedoch offensichtlich zu sein: Fledermäuse verspeist man nicht! Sollte wirklich der neue Coronavirus seinen Weg über obskur bestückte Kochtöpfe oder Bratpfannen in den menschlichen Organismus genommen haben, wird es höchste Zeit für die chinesischen Behörden einzuschreiten. Umfassende Hygiene beginnt auch bei den
Speisen – und ihrer Auswahl!

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