BAHNGIPFEL: EC BERLIN-KRAKAU KOMMT, KULTURZUG BLEIBT

in Bahnmarkt Europa von

Beim 4. Deutsch-Polnischen Bahngipfel am 8. Mai im polnischen Wrocław/Breslau verkündete der Polen-Koordinator der Bundesregierung, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke, ab Dezember 2020 werde es wieder einen EC Berlin-Krakau geben, der preisgekrönte “Kulturzug” Berlin- Wrocław bleibt bis dahin bestehen.

Von Hermann Schmidtendorf, Redaktion bahn manager

Konferenzbeteiligte berichteten dem bahn manager, das Gesprächsklima sei trotz mancher politischer Unterschiede zwischen Deutschlands und Polens Regierungen äußerst freundlich gewesen: “Es hing sogar eine EU-Fahne im Konferenzraum!” Der neue EC knüpft am früheren EC “Wawel” an, dessen Einstellung durch die DB 2014 in den Regionen auf heftigen Protest gestoßen war. Der neue Zug wird die Strecke Frankfurt/Oder – Breslau – Opole/Oppeln, Katowice/Kattowitz und Kraków/Krakau befahren. Dadurch kann er auch einen Halt in Zielona Góra/Grünberg einlegen, der Hauptstadt der einen Zuschuss zum Zug gebenden Wojewodschaft Lubuskie. Der EC wird, wie es heißt, ansonsten durch DB und PKP eigenwirtschaftlich geführt werden. Die Fahrzeit bis Breslau wird drei Stunden 50 Minuten betragen. Bis zur Einführung des neuen EC werden Berlin und Brandenburg den Kulturzug als “Brücke ” weiter finanzieren.
Der EC verlässt Berlin am späten Vormittag, der Gegenzug kreuzt Breslau mittags. Seit letztem Dezember bieten die ÖBB bereits eine Nachtzug-Verbindung an, die abends Berlin verlässt und frühmorgens ab Breslau zurückkehrt. Somit fehlt weiter eine Relation Berlin-Breslau als Tagesrandverbindung für Dienst- und Geschäftsreisende nach dem Motto “Morgens nach Breslau und abends zurück”. Darauf wies beim Bahngipfel der Berliner Staatssekretär für Verkehr Ingmar Streese hin. Er regte zugleich an, auch im neuen EC an bestimmten Wochenenden ein Kulturprogramm anzubieten und den Zug auch für den Austausch von Schülern, Studenten und Sportvereinen zu nutzen.

Positiv bewertet wird auch die Verbesserung der Relation Berlin-Warschau. Die Zahl der Zugpaare von Berlin nach Warschau wird in den nächsten Jahren erhöht. Für 2022 werden sechs statt bisher vier Zugpaare, für 2023 sieben Zugpaare täglich angestrebt. Mit dem Eurocity nach Gdańsk/Danzig würde es dann bis Poznań/Posen einen Zwei-Stunden-Takt geben.

Enttäuscht zeigte sich die Sprecherin der Initiative Deutsch-Polnischer Schienenpersonenverkehr Anja Schmotz. Auf den anderen bahnpolitischen Baustellen gehe es keinen Fortschritt, weil die deutsche Bundesregierung blockiert: “Dass nicht einmal für die Teilelektrifizierung des Bahnhofs Görlitz mit polnischem Bahnstrom eine kurzfristige Finanzierungsoption gefunden wurde, ist unfassbar”, empört sich die Bahnaktivistin. Seit 2003 sei vertraglich zwischen Polen und Deutschland festgehalten, dass die Strecke Wrocław – Dresden elektrifiziert werden soll. „Bald wird der Fahrdraht von der niederschlesischen Hauptstadt bis zur Staatsgrenze hängen – und in Deutschland weiß man noch nicht einmal, wann genau und woher das Geld für den Ausbau kommen wird.”

Konferenzteilnehmer berichteten dazu dem bahn manager, eigentlich sei erhofft worden, die Teil-Elektrifizierung des Bahnhofs Görlitz mit polnischem Gleichstrom und die Elektrifizierung der Bahnstrecken Görlitz – Dresden und Görlitz – Cottbus aus den Bundesmitteln des sogenannten Kohleprogramms zu finanzieren. Dieses Programm soll den betroffenen Regionen den klimapolitisch angezeigten Abschied von der Braunkohleförderung erleichtern. Doch das Bundeswirtschaftsministerium blocke. Der Abteilungsleiter Eisenbahnen im Bundesverkehrsministerium Hugo Gratza vertrat deshalb die Meinung, dass die Maßnahmen im Elektrifizierungsprogramm keine Chancen hätten, weil zur Einschätzung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses ein Berechnungsverfahren Anwendung finden würde, das Boom-Regionen im Inland bevorzugt.

Die beim letzten Bahngipfel in Potsdam aufgetauchten Unstimmigkeiten über ein Brückenprojekt wurden inzwischen beseitigt. Deshalb wird jetzt die Oder-Brücke an der Ostbahn Berlin-Gorzów-Pila komplett gegen eine neue ausgetauscht. Die Bahnstrecke zwischen Kietz und Kostrzyn wird deshalb vom Dezember 2020 bis Dezember 2022 gesperrt sein und im Schienenersatzverkehr betrieben werden.

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