BAHNHÖFE: MEHR SICHERHEIT DURCH ROBOCOPS?

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Die erschreckende, tödlich geendete Attacke eines Einzeltäters auf zwei Reisende im Bahnhof Frankfurt/Main bringt erneut die Frage auf, ob mehr Technik Sicherheit verstärken kann, zum Beispiel durch den Einsatz von Robocops?

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

In Tokio heißt der Robocop “Perseusbot”. Benannt nach dem griechischen mythologischen Helden Perseus, begann der künstliche Bahnhofspolizist im August 2018, auf der Station Seibu Shinjuku seine Runden zu drehen. Er ist 167,5 cm groß, 61 cm breit und 90,5 cm lang, kann während seiner Patrouillen Hindernissen ausweichen und über unebene Flächen fahren. Ausgestattet mit einer Überwachungskamera, die mit künstlicher Intelligenz betrieben wird, kann der Roboter verdächtige Personen oder Objekte an Stationen erkennen und melden. Zum Beispiel eine am Boden kniende oder liegende Person – wer kniet oder liegt, ist entweder verdächtig oder krank? “Der Sicherheitsroboter wurde speziell für Bahnhöfe entwickelt, weil das Bedürfnis nach mehr Sicherheit im Vorfeld der Olympischen und Paraolympischen Spiele 2020 in Tokio zunahm”, berichtete dazu die japanische Zeitung Kyodo. Der Robocop soll das menschliche Personal ergänzen und entlasten.

Plant womöglich auch die für deutsche Bahnhöfe zuständige Bundespolizei den Einsatz von KI-Robotern? “Wir haben dazu keine Erfahrungsberichte ausländischer Dienststellen vorliegen und planen keinen solchen Einsatz”, erklärte gegenüber bahn manager ein Sprecher.

Die Bundespolizei setzt vielmehr auf stationäre Technik. Am 18. Juni 2019 begann das zweite Teilprojekt des Tests intelligenter Videoanalyse-Technik. Unter Federführung der Deutschen Bahn wird mit der Bundespolizei bis Ende 2019 das automatisierte Erkennen von “bestimmten Situationen, die die Qualität, Zuverlässigkeit und Sicherheit des Bahnbetriebs beeinträchtigen können”, getestet, heißt es dazu in einer Pressemitteilung. Zentrales Ziel der DB sei es, durch innovative Technologien die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit des Bahnbetriebs zu steigern und Beeinträchtigungen zu Lasten der Reisenden und Bahnhofsbesucher zu reduzieren. Für die Bundespolizei ständen die “effektivere Gefahrenabwehr auf dem Gebiet der Bahnanlagen der Eisenbahn des Bundes und die daraus resultierenden möglichen Sicherheitsgewinne” im Vordergrund.

Ähnlich dem japanischen Perseusbot soll die eingesetzte Software – sie stammt von IBM Deutschland GmbH, Hitachi Consortium composed by Hitachi, Conef, MIG sowie Funkwerk video systeme GmbH und G2K Group GmbH – unter anderem liegende Personen erkennen, die medizinische Hilfe benötigen. Visualisiert werden sollen Ansammlungen vor Fahrtreppen oder schnelle Bewegungen von Personengruppen, zu überwachen sind definierte Bereiche wie Baustellen oder Schließfächer. Zum Aufgabenbereich zählen weiter Personenzählungen, abgestellte herrenlose Gegenstände sowie das Nachvollziehen der Positionen von Personen und Gegenständen, z. B. um Zuordnungen vornehmen zu können.
Bei der Auswahl der Testszenarien orientiert sich die DB an typischen Situationen im Bahnhof, deren Szenarien mittels der intelligenten Videotechnik erkannt werden sollen. Die Situationen werden durch eigens hierfür eingesetzte Darsteller nach einem definierten „Drehbuch“ dargestellt. Die Software soll auf diese Situationen automatisiert hinweisen, so dass Mitarbeiter der DB oder Beamte der Bundespolizei in Zukunft schneller entscheiden könnten, welche Maßnahmen einzuleiten sind. Dabei muss die Software soweit feinjustiert werden, dass sie nur relevante Situationen meldet. “Der Test findet unter strengen datenschutzrechtlichen Vorgaben der zuständigen Datenschutzaufsichtsbehörden statt”, heißt es bei der Bundespolizei.
Ein positives Resümee zog die Bundespolizei im Oktober 2018 zum ersten Teil des Projekts, das den Einsatz von Software zur biometrischen Gesichtserkennung am Bahnhof Berlin Südkreuz zum Inhalt hatte. Auch unter schwierigen Lichtverhältnissen und bei “Verkleidung” der Testpersonen durch Brille oder Schal habe die Technik die Probanden “mit einer durchschnittlichen Trefferquote von mehr als 80 Prozent erkannt”, so ein Sprecher der Bundespolizei gegenüber bahn manager. Über das Ob, die Art und den Umfang des Einsatzes der Technik müsse der Gesetzgeber entscheiden.

Ob mit oder ohne Technik – die Bundespolizei muss immer wieder bei Gewaltanwendung auf Bahngeländen einschreiten. Hier einige aktuelle Meldungen:
• Am 30.7.2018 gegen 12:30 Uhr schubste ein Mann aus derzeit unbekannter Ursache eine Reisende beim Halt am S-Bahnhof Frohnau von hinten. Die 77-jährige Berlinerin stürzte auf den Bahnsteig und erlitt Verletzungen an Hand und Knie. Andere Fahrgäste eilten ihr zur Hilfe und alarmierten den Notruf. Polizisten nahmen den 61-jährigen deutschen Staatsangehörigen vorläufig fest. Er soll in Birkenwerder zugestiegen und bereits im Zug durch pöbelnde Äußerungen aufgefallen sein.
• Am 20.07.2019 kam es im Zug RB 38247 von Kaiserslautern nach Neustadt zu einem tätlichen Angriff eines Fans des 1. FC Kaiserslautern gegenüber mehreren Besuchern des Fußballspiels Kaiserslautern gegen Unterhaching. Nach Zugabfahrt in Kaiserslautern wurde der Geschädigte etwa 5 bis 10 Minuten vor dem Bahnhof Lambrecht gegen 19:20 Uhr von dem “Fan” mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Der etwa 40 bis 50 Jahre alte Täter sprach mit Pfälzer Dialekt.
• Am 31.7.2019 nahmen Bundespolizisten einen Mann am Berliner Bahnhof Friedrichstraße vorläufig fest, nachdem er ohne gültigen Fahrausweis reiste und im Anschluss auf die Beamten eintrat. Gegen 19:30 Uhr desselben Tages machten Reisende die Sicherheitsmitarbeiter der Deutschen Bahn AG am S-Bahnhof Ahrensfelde auf eine Person in einer abfahrbereiten S-Bahn aufmerksam. Der 21-jährige deutsche Staatsangehörige soll dort mit einer Waffe hantiert und diese durchgeladen haben. Die Bahnmitarbeiter informierten umgehend die Bundespolizei und räumten den Zug. Der 21-Jährige ließ sich widerstandslos festnehmen. Der Berliner trug die Schreckschusspistole im vorderen Hosenbund.
• Am 16.07.2019 gegen 07:45 Uhr kam es in der S-Bahn von Dresden Hauptbahnhof nach Bad Schandau zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen einer Ausflugsgruppe Senioren und einem 21-jährigen Deutschen. Dieser weigerte sich, zwei der drei durch ihn belegten Sitzplätze für die Senioren freizumachen. Eine Seniorin wollte den Rucksack vom Sitzplatz nehmen und auf den Boden stellen. In diesem Moment trat der 21-jährige Dresdner plötzlich mit dem beschuhten Fuß in das Gesicht der Rentnerin. Dabei wurde die Brille der Frau zerstört, und sie erlitt eine Platzwunde am Auge.

Die Beispiele zeigen: Am Schnellsten eingreifen kann im Notfall immer noch der Mensch. Deshalb erklärte am 1.8.2019 der Präsident des Bundespolizeipräsidiums Dr. Dieter Romann:
“Unter Zurückstellung anderer bundespolizeilicher Aufgaben habe ich im Rahmen vorhandener Ressourcen und Lageerkenntnisse Präsenzerhöhungen an Schwerpunktbahnhöfen angeordnet, unter anderem auch am Hauptbahnhof Frankfurt.

Lageangepasste Schwerpunkteinsätze werden weiter intensiviert.”

bahn manager wird in der kommenden Ausgabe 4-5/2019 weiter zu dem Thema berichten.

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