>>BIM4RAIL<< ERGEBNISSE DER DB BIM-PILOTPROJEKTE

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Bauprojekte sind komplex und bringen eine Vielzahl unterschiedlicher Beteiligter an einen Tisch. In den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks sind zahlreiche Akteure involviert, mit oftmals völlig verschiedenen Hintergründen: Auftraggeber, Architekten, Ingenieure, Gutachter, Juristen, Behörden. 

Vor allem zu Beginn eines Bauvorhabens, aber auch während seiner Planung und Umsetzung, müssen die Projektverantwortlichen auf einen gemeinsamen Informationsstand gebracht und Unstimmigkeiten frühzeitig identifiziert werden. Was wäre also, wenn es eine Methode gäbe, mit der alle am Planungs- und Bauprozess Beteiligten unkompliziert Einsicht in alle relevanten Dokumente hätten und Änderungen für alle jederzeit kommunizier- und einsehbar wären? Was, wenn eine solches Verfahren vielerorts bereits umgesetzt würde?

Building Information Modeling (BIM) ist derzeit in aller Munde: Der Begriff beschreibt eine Methode des digitalen Bauprojektmanagements (deutsch: Bauwerksdatenmodellierung), welche die optimierte Planung, Ausführung und Instandhaltung von Bauwerken und Infrastruktur mit Hilfe spezifisch zugeschnittener Softwarelösungen umfasst. Das Bauwerk wird als virtuelles Modell geometrisch visualisiert und alle relevanten Bauwerksdaten werden digital erfasst, kombiniert und modelliert und den Projektverantwortlichen zugänglich gemacht.

Auch beim Bau neuer Bahntrassen und Eisenbahntunnel hat sich die Methode bewährt und die wirtschaftlichen und effizienzsteigernden Vorteile des Building Information Modeling wurden auch auf ministerialer Ebene erkannt: Am 15. Dezember 2015 stellte der Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) den Stufenplan Digitales Planen und Bauen zur schrittweisen Einführung von Building Information Modeling für zukünftige BMVI-Projekte vor. Demnach soll BIM nach einer „Vorbereitungsphase“ (2015 – 2017) und einer „Erweiterten Pilotphase“ (2017 – 2020) ab 2020 bei allen neu zu planenden Projekten Anwendung finden.

Im Rahmen der erweiterten Pilotphase werden derzeit dreizehn Pilotprojekte der DB Netz AG umgesetzt, um die zukünftigen Anwendungsbereiche von BIM bei der DB AG auszuloten. Hierzu gehören beispielsweise die Aus- und Neubaustrecke Karlsruhe-Basel, verschiedene Planfeststellungsbereiche des Rhein-Ruhr-Express, die Schienenanbindung der festen Fehmarnbeltquerung und der Knoten Bamberg.

Die betrachteten Projekte, Phasen und Anwendungen von BIM wurden zwischen der DB Netz AG und dem BMVI im Rahmen einer Finanzierungsvereinbarung festgelegt. Die Vereinbarung sieht einen parallelen Einsatz von BIM vor, d.h. den meisten Projekten liegt zusätzlich eine konventionelle Planung zugrunde – eine Vorgehensweise, die eine generelle Aussage über die Vorteile digitaler Arbeitsmethoden im Vergleich zu konventionellen Planungskonzepten ermöglichen soll.

Die Ruhr-Universität Bochum wurde vom BMVI mit der wissenschaftlichen Begleitung des BIM4RAIL-Pilotprojekts beauftragt. Dabei geht es darum, die gewonnenen Erkenntnisse auszuwerten, den Wissenstransfer sicherzustellen und Handlungsempfehlungen zur Umsetzung von BIM in zukünftigen Projekten der DB Netz AG abzuleiten. Zudem soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich die Ergebnisse auch auf andere Bereiche des Infrastrukturbaus wie Straße und Wasserstraße übertragen lassen.

Ein wesentliches Element zur Bewertung der Frage, in wieweit BIM bis 2020 die konventionelle Projektabwicklung ergänzen und verbessern kann, ist die Erfassung des BIM-Reifegrads der Pilotprojekte. Dieser umfasst beispielsweise Fragen zu den Auftraggeber-Informationsanforderungen, der Steuerung der Projekte mit Hilfe eines BIM-Abwicklungsplans, der eingesetzten Technologien, den Erfahrungen des BIM-Teams sowie vertragliche Regelungen zu BIM.

Des Weiteren werden wesentliche BIM-Anwendungsfälle in allen Phasen der Projektrealisierung untersucht und evaluiert. BIM-Anwendungsfälle sind dadurch gekennzeichnet, dass ein oder mehrere digitale Modelle eingesetzt werden, um die übergeordneten BIM-Ziele zu erreichen. Diese umfassen beispielsweise eine optimierte Planungssicherheit, insbesondere in Form einer gesteigerten Termin- und Kostensicherheit, eine erhöhte Transparenz (Nachverfolgbarkeit von Entscheidungen und Konsequenzen sowie entstandener Kosten) und die damit einhergehende Minimierung von Risiken, die Verbesserung der Kommunikation und Schnittstellenkoordination sowie eine Ausweitung der Öffentlichkeitsarbeit.

Die BIM-Anwendungsfälle beschreiben, auf welche Weise und zu welchem Zweck BIM-Modelle im Projekt genutzt werden. Die ausgewählten Anwendungsfälle orientieren sich sowohl inhaltlich als auch in der Benennung an den Leistungsbildern der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI). Damit soll eine einheitliche Sichtweise der geforderten Lieferleistungen sichergestellt und gleichzeitig betont werden, dass sich durch die Anwendung von BIM keine Planungs- oder Ausführungsleistungen ändern sollen, sondern lediglich die Methoden, um diese zu erbringen.

Die aktuellen Ergebnisse von BIM4RAIL zur Auswertung des BIM-Reifegrads zeigen, dass das angedachte BIM-Niveau 2020 in verschiedenen BIM-Pilotprojekten bereits erreicht wurde. Nichtdestrotz sind weitere Anstrengungen in Bezug auf Standardisierung, Leitfäden und Qualifikationen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nötig, um die Auswertung und Entwicklung weiterer Handlungsempfehlungen zu den dreizehn BIM-Pilotprojekten der DB Netz AG abzuschließen. Die finalen Ergebnisse werden im 3. Quartal 2019 veröffentlicht.

PROF. DR. MARKUS KÖNIG: Der promovierte Bauingenieur ist seit 2009 an der RUB. Dort hat den Lehrstuhl für Informatik im Bauwesen inne. König beschäftigt sich seit 19 Jahren mit dem Building Information Modeling. Im Jahr 2015 entwickelte er im Auftrag der Initiative „Planen Bauen 4.0“ den Stufenplan Digitales Planen und Bauen mit, mit dem das Bundesverkehrsministerium BIM in Deutschland einführen möchte.

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