BOMBARDIER-WERK GÖRLITZ: WELTWEITE KOMPETENZ FÜR WAGENKÄSTEN

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170 Jahre Waggonbau im Werk Görlitz: Das Jubiläum feierte der Bombardier-Konzern mit zahlreichen Ehrengästen, der Belegschaft und mehreren tausend Einwohnern der Stadt.

 Von Hermann Schmidtendorf, Redaktion bahn manager

Alles dreht sich um das Werk Görlitz, zeigte sich bei den Reden der Gäste. Der Ministerpräsident des Freistaat Sachsens Michael Kretschmer (CDU) hatte hier zu Schulzeiten oft gejobbt: “Mein Großvater hat hier gearbeitet, mein Onkel, meine Tante, mir liegt das auch ganz persönlich am Herzen.” Auch Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) berichtete begeistert von seinem eintägigen Praktikum im Werk und lobte “die hohe Fachlichkeit” der Belegschaft. Als stellvertretender und bald wohl auch oberster Werksleiter wurde Carsten Liebig vorgestellt – schon sein Vater war bis 1994 hier Werksdirektor. Der Oberbürgermeister von Görlitz Siegfried Deinege war eine Zeit lang oberster Werksmanager. Und natürlich denkt auch Betriebsratsvorsitzender René Straube dynastisch, erklärte er gegenüber bahn manager: “Mein Enkelsohn ist sieben Jahre alt, ich gehe 2029 in Rente, und an diesem Tag unterschreibt mein Enkelsohn hier einen Lehrvertrag!”

Ein Arbeitsplatz im Werk Görlitz sichert drei weitere im Umfeld, betonte der Oberbürgermeister – da kam die Zusicherung des Vorstandsvorsitzenden von Bombardier Transportation Germany Michael Fohrer gut an: “Die Neuausrichtung des Werkes zum Kompetenzzentrum für die Produktion von Wagenkästen für Doppelstock bin hin zu Straßenbahnen – diese Kompetenz ist für die weltweite Bombardier Transportation hier in Görlitz und wird weiter hier auch in Görlitz bleiben.” Auch das gehörte zum familiären Klima dieser Jubiläumsfeier: Ein Ehrengeschenk erhielt der langjährige Mitarbeiter des Werks, Betriebshistoriker und Fotograf Wolfgang Theurich.

Gegenüber bahn manager ergänzte Vorstandsvorsitzender Fohrer: “Wir wollen hier Wagenkästen bauen, wollen investieren in Prozesstechnologie, die Durchlaufzeit, die Infrastruktur. Wir wollen in Görlitz auch die Inbetriebsetzung ausbauen. Wir haben hier Testgleise, das ist ein schönes Modell, das wir auch Drittfirmen anbieten wollen. Unser Testring hier ist sehr gut und kann sich am Markt durchsetzen.”

Am Vortag der Europawahlen gab Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer zugleich ein flammendes Plädoyer für Europa ab. Gerade eine Stadt wie Görlitz profitiere stark von Europa: “Wir sind darauf angewiesen, dass nicht diese Zerstörer wie Donald Trump hier in Europa das Kommando übernehmen, sondern vernünftige Leute, die wirklich etwas bewegen wollen und die das Positive wollen.” Auch Bombardiers Deutschland-Chef Fohrer betonte die Wichtigkeit der internationalen Zusammenarbeit, sowohl kundenseitig wie mit den europäischen Werken des Konzerns wie dem im nahem Wrocław/Breslau. “Wir haben den 9000. Doppelstockwagen insgesamt seit 1945 gefertigt, den 500. Wagen für die Israelische Staatsbahn gebaut und den 300. ICE-Wagenkasten produziert”, unterstrich Werksleiter Liebig. Auch die Aufträge für die Schweizerischen Bundesbahnen SBB scheinen inzwischen reibungslos zu laufen.

Seit 1935 werden, damals unter dem Firmennamen WUMAG, in Görlitz Doppelstockwagen gebaut. Sie wurden zu DDR-Zeiten, als das Werk Teil der Volkseigenen Bahnindustrie war,  Markenzeichen des Görlitzer Werks. Zwar bestellte auch die Deutsche Bundesbahn beim Hersteller Wegmann Kassel einen Probezug eigener Doppelstockwagen und feierte diesen überschwänglich mit einem Kinofilm. Doch zu Serienbestellungen kam es nie – eine kuriose Anekdote aus der Zeit des Ost-West-Tauziehens nach dem Motto: Wir können so was auch bauen, aber wir brauchen es nicht? Erst nach der Übernahme des Görlitzer Werks durch Bombardier stellte die nunmehr vereinte Deutsche Bahn alle Zeichen auf Grün, seither gehören die abgekürzt Dostos genannten Doppelstöcker aus Görlitz zum selbstverständlichen Bild gesamtdeutscher Bahnen. Jüngst wurden sie auch zu einer komfortablen Intercity-Version geformt – eine Konstruktionsidee, die offenbar weiterhin ausbaufähig ist.

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