BREXITANNIEN: ZUGENTGLEISUNGEN LEGEN BAHNVERKEHR UM LONDON LAHM

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Auch die Jubelrufe nationalistischer Aktivisten wegen des Brexits konnten nicht darüber hinwegtäuschen: Großbritannien hat im eigenen Land einiges zu reparieren.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Reparaturen sind sogar im wörtlichen Sinne nötig. Gleich zwei Entgleisungen von Güterzügen machten den Zugverkehr im Süden Englands in den letzten Wochen teilweise unmöglich. Reparaturen sollten zum Ende Februar abgeschlossen werden, doch wurde zugleich gewarnt, dass die Rückkehr zum normalen Bahnverkehr länger dauern könne. Betroffen sind vor allem die Städte Southampton und London. Am Donnerstag, dem 23. Januar 2020, entgleiste kurz nach 6 Uhr morgens ein Güterwagen zwischen den Bahnhöfen Leyton Midland Road und Walthamstow Queens Road auf der Strecke Barking – Gospel Oak im Norden von London, erklärte der britische Infrastrukturbetreiber Network Rail.

Nach Augenzeugenberichten schleppte ein nach Westen fahrender Güterzug, der mit einer Diesellok durch das Viertel Walthamstow gezogen wurde, einen Teil seiner Wagen vier Kilometer weit, wobei er Gleise und Streckenausrüstung wie Signale zerstörte und zehn Brücken beschädigte. Zusätzlich zur Reparatur der Brücken, so Network Rail, müssen 39 Schienen von je 216 Metern Länge ersetzt werden, 5.300 Betonschwellen und 900 Holzschwellen. Dabei seien 10.000 Tonnen Schotter zu verarbeiten. Das komplexe Arbeitsprogramm wurde auf mehrere Wochen eingeschätzt, die Streckenbenutzung ausgesetzt.

In den letzten fünf Jahren war die Barking-Gospel Oak-Linie ertüchtigt worden, doch offenbar nicht gründlich genug, wie man aus dem weiteren Vorhandensein von Holzschwellen schließen kann. Die stark befahrene Pendlerroute hält Verbindungen zu allen wichtigen radialen Routen aus der Hauptstadt, bedient die aufstrebenden Gebiete rund um das Londoner East End, den Olympic Park und Stratford und bietet mehrere Anschlussstellen an andere Teile des Londoner Verkehrssystems. Zusätzlich zu diesen häufigen Passagierdiensten des London Overground gibt es vier stündliche Güterpassagen, die regelmäßig vor allem von DB Cargo, GB Railfreight und Freightliner genutzt werden. Auch der Seidenstraßenverkehr über den Kanaltunnel nutzt die Strecke. Für Pendler gibt es Ersatzbusse, aber was hilft das den Güterverkehrsunternehmen?

Ein Schaden kommt selten allein. Kurz vor Mittag entgleiste am Dienstag, 28. Januar, ein intermodaler Güterzug mit der Diesellok Freightliner Powerhaul 70001 am südlichen Ende der Passagierstation Eastleigh in Hampshire. Sechs Wagen waren betroffen, die Container rutschten von den Wagen. Eastleigh ist eine quirlige Pendlerstadt und ein Verkehrsknotenpunkt 117 Kilomater südwestlich von London. Die Bahnanlage hat im Norden und Süden des Bahnhofs Abzweigungen, die jetzt ebenso wenig genutzt werden können wie die Hauptstrecke. Die gesperrte Linie bildet die Hauptverkehrsader nach Norden vom Hafen Southampton zu Zielen in den englischen Midlands, in Manchester und im Norden Großbritanniens. Die Gleise werden auch durch Personenzüge als vielbefahrene Pendlerstrecke über das historische Winchester und Wimbledon nach London genutzt. „Wir installieren eine temporäre Schiene und nehmen Änderungen an der Signalisierung und Stromversorgung vor, da die vollständige Reparatur mehr Zeit in Anspruch nimmt“, erklärte ein Sprecher von Network Rail. So wurde erhofft, hier zumindest teilweise den Verkehr schnell wieder aufnehmen zu können.

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