Britische Bahnbranche: Mit ‘Railway Customs Areas’ gegen Brexit-Folgen

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Die britische Bahnbranche fürchtet immer stärker negative Folgen des für März 2019 geplanten Brexits. Jetzt sollen ‘Eisenbahnzollbereiche’, englisch abgekürzt RCA, die Auswirkungen mildern.

Von Hermann Schmidtendorf, Redaktion bahn manager

Die inkonsistente Verhandlungspolitik der britischen Regierung mit der EU über den geplanten Austritt des Landes aus der Europäischen Union, verbunden mit schwerem Streit in der Regierungspartei, lässt bei britischen GVUs die Alarmglocken schrillen. Immer deutlicher fürchten Branche und Gewerkschaften das worst case-Szenario: Falls es zu keinem milden Zollabkommen kommt, könnten sich dauerhaft Züge in langen Schlangen auf beiden Seiten des Kanaltunnels stauen. 2017 beförderten 2000 Zugverbände 1,22 Millionen Tonnen Fracht durch den Eurotunnel.

Das darf nicht sein, entrüstete sich die Direktorin des britischen Güterbahn-Verbands Rail Freight Group (RFG), Maggie Simpson: “Der Gütertransport auf der Schiene ist gut für die Umwelt, reduziert die Überlastung der Straßen und ist sicherer als auf der Straße. Wir sind entschlossen, den Schienengüterverkehr unter dem Kanal langfristig zu steigern.” Gemeint ist der Unterwassertunnel, der seit 1994 mit einem Streckenanteil von 37 Kilometern unter der Straße von DoverFrankreich und England verbindet.

Jedes Jahr beträgt der Umsatz des Schienengüterverkehrs 1,7 Milliarden Pfund, rechnete Hans-Georg Werner vor, Geschäftsführer der DB Cargo UK und Vorsitzender des RDG Freight Board. Das komme vor allem dem Nordwesten Englands, unter anderem Yorkshire und den Midlands, zu Gute. In den ersten drei Monaten des Jahres 2018 stieg der internationale Schienengüterverkehr über den Ärmelkanal auf 100 Millionen Tonnenkilometer, ein Anstieg um 23 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Derzeit sind Zollanmeldungen zum Schienengüterverkehr in der EU nicht erforderlich. Doch das würde sich nach dem Brexit im März 2019 ändern.

Die Befürchtungen schürte im Mai die britische Steuerbehörde HM Revenue & Customs. Vorgeschlagen werde eine Grenzregelung, die “max-fac” vorsieht – “maximum facilitation”, also “maximale Erleichterung”. Das werde jedoch zur Folge haben, dass sich die Zahl der Zollanmeldungen vervierfachen würde. Auch unter Verwendung moderner Technologien scheinen somit Grenzverzögerungen vorprogrammiert. Zudem ergab eine Umfrage der britischen Handelskammern und des Hafens von Dover, dass jedes dritte der 835 befragten Unternehmen auf neue Zollvorgaben nicht vorbereitet ist. 29 Prozent der Unternehmen sind sich auch sicher, dass sie von Verspätungen in den Häfen betroffen sein würden.

Die Lösung des Problems laut RFG: RCA! Damit meint der britische Güterbahnverband sogenannte railway customs areas – abgegrenzte Eisenbahnzollbereiche, die einen integrierten Grenzkontrollpunkt bilden und die Wahrscheinlichkeit einer Verstopfung der Zufahrtsstrecken in Frankreich und Kent verringern. RDG-Geschäftsführer Paul Plummer: “Unsere Vorschläge zur Schaffung von Zollstellen an Güterbahnhöfen unterstützen und ergänzen die laufenden Arbeiten zur zollamtlichen Kontrolle nach dem Brexit und werden unnötige Staus auf der Schiene verhindern sowie den Weg für einen reibungslosen Handel mit unseren Partnern in Europa ebnen.” Durch eine derart vereinfachte Kontrolle würden die RCAs dazu beitragen, die Auswirkungen der britischen mac-fac-Formularwut zu verringern. Bleibt die Frage, was die EU davon hält.

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