DB UND LUFTHANSA: MIT MEHR „ZUG ZUM FLUG“ ZUM WIN-WIN FÜR REISENDE

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„Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München… dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen… am, am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug!“ hatte einst Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber grandios schräg formuliert. Deutsche Bahn und Lufthansa wollen es jetzt ähnlich machen – nur am Flughafen in Frankfurt/Main.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Bei den beiden Konzernvorständen Harry Hohmeister (Lufthansa) und Berthold Huber (DB) klang das etwas gewählter:

„Wir werden die langjährige und erfolgreiche Kooperation zwischen der Deutschen Lufthansa AG und der Deutschen Bahn erheblich ausweiten. Durch die intelligente Verknüpfung des Bahn- und Luftverkehrs unterstützen wir gemeinsam die nachhaltige Verkehrswende in Deutschland. Wir wollen immer mehr Kunden eine durchgängige und komfortable Reisekette anbieten.“

Angesprochen ist damit das gemeinsame Angebot Lufthansa Express Rail. Ab sofort können Lufthansa-Passagiere täglich jeweils ab Hannover Hbf und Leipzig Hbf vier Bahn-Verbindungen zum Frankfurter Flughafen nutzen. Auch ab Basel steht der „Zug zum Flug“-Service mit täglich drei Verbindungen neu zur Verfügung. Ziel der beiden Unternehmen ist es, das gemeinsame Angebot in den kommenden Jahren zu verdoppeln. Die Relationen von Basel, Hannover und Leipzig sind neu im Programm. Weitere Bahnhöfe mit Lufthansa-Rail-Verbindung sind Aachen, Göttingen, Mannheim, Nürnberg, Dortmund, Kassel-Wilhelmshöhe, Stuttgart, Düsseldorf, Karlsruhe, Würzburg, Erfurt, Köln, Ulm und Freiburg.

MIT LH-BORDKARTE IN DEN ZUG

Kunden fahren mit ihrer Lufthansa-Bordkarte mit der DB zum Frankfurter Flughafen. Die neuen Strecken sind in allen Lufthansa-Vertriebskanälen buchbar. Insgesamt bieten Deutsche Bahn und Lufthansa ab den 17 Bahnhöfen mit bis zu 123 Zug-/Flugnummern Zubringer auf der Schiene vom/zum größten deutschen Flughafen und LH-Drehkreuz Frankfurt an. Alle Fahrten im Fernverkehr führt die DB zu 100 Prozent mit Ökostrom durch. Lufthansa-Gäste können beim Fahren in LH Express Rail-Zügen Miles & More-Meilen sammeln. Heißt das, die Lufthansa bemüht sich auch ohne staatliche Anweisungen um eine Reduzierung der inländischen Kurzstreckenflüge zugunsten der Bahnanbindung? Im Prinzip ja, bestätigte dem bahn manager eine LH-Pressesprecherin: „Auf den drei neuen Strecken Basel, Hannover und Leipzig bieten wir aktuell keine Zubringerflüge nach Frankfurt an. Durch das Express Rail Angebot erhalten Reisende aus diesen Regionen eine gute Anbindung an den Frankfurter Flughafen. Auf vielen Lufthansa Express Rail Strecken haben wir das Flugangebot deutlich reduziert, die Strecke Köln-Frankfurt wurde ganz eingestellt. Lufthansa setzt sich für einen sinnvollen und nachhaltigen Mix der Verkehrsträger ein. Dort, wo es möglich ist, reduzieren wir inländische Zubringerflüge oder stellen sie ganz ein und bringen unsere Passagiere mit der Bahn zum Flughafen. Voraussetzung ist eine gute Anbindung unserer Drehkreuze an den Schienenfernverkehr und eine leistungsfähige und zuverlässige Bahn.“

ZENTRAL – DAS AIR RAIL-TERMINAL

Kern des Konzepts am Frankfurter Flughafen ist das AirRail-Terminal. Dieses wird neben der Lufthansa auch durch andere Fluglinien genutzt, deren Gäste mit einem Zug anreisen. Diese müssen jedoch anders als bei der Lufthansa ihr Zugticket getrennt buchen, bei LH ist die Zugfahrt bei entsprechender Buchung mit der Bordkarte zu erledigen. „Für Lufthansa-Gäste der Business und Economy-Class halten wir in den Zügen mit LH Flugnummer definierte Plätze in den 1. und 2. Klasse-Bereichen bereit, die sich je nach Zugtyp in unterschiedlichen Wagen befinden“, erläutert dem bahn manager auf Anfrage eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Der Kranich ergänzt: „Mit Lufthansa Express Rail können Sie, wie bei Lufthansa üblich, ab 23 Stunden vor Abreise online oder mobil einchecken. Dieser Service ist bis 15 Minuten vor Abfahrt des Zuges nutzbar. Sie erhalten dann Ihre Bordkarte, die ausschließlich für die Express Rail Verbindung sowie für Ihren Lufthansa Flug gültig ist. Bei Nichteinhaltung kann es zu Fahrpreisnacherhebungen seitens der Deutschen Bahn kommen.“

Aber was hat es nun mit diesem AR-Terminal auf sich? Dazu erklärt die Bahn-Sprecherin: „Das AirRail-Terminal am Frankfurter Flughafen als der wichtigsten deutschen Luftverkehrsdrehscheibe war integraler Bestandteil der Planung des Frankfurter Flughafen Fernbahnhofs. Es ist mit dem Gepäckfördersystem des Frankfurter Flughafens verknüpft. Andere Flughäfen in Deutschland haben entweder keine direkte Anbindung an den Fernverkehr der Deutschen Bahn bzw. bieten derzeit nicht annähernd das gleiche Verkehrsaufkommen wie der Frankfurter Flughafen.“

Die Lufthansa-Sprecherin betont, derzeit seien Inlandsflüge als Zubringer weiterhin wichtig: „Die meisten Inlandsflüge von Lufthansa verbinden deutsche Städte mit den Drehkreuzen Frankfurt und München. Zwei Drittel unserer innerdeutschen Passagiere sind Umsteiger, die über ein Drehkreuz zu einem internationalen Ziel fliegen. Indem wir Passagiere an unseren Hubs bündeln, sparen wir viele Einzelflüge und somit CO2. Gleichzeitig bieten wir vielen Menschen eine gute internationale Anbindung. Dabei stehen wir mit Drehkreuzen im Ausland im harten Wettbewerb. Passagiere, die den kompletten Reiseweg mit dem Flugzeug zurücklegen wollen, können auch über ausländische Drehkreuze wie Paris, Amsterdam oder Istanbul fliegen.“

Das könne natürlich niemand wollen, es würde dem deutschen Luftverkehrsstandort schaden. Zwar seien Inlandsflüge mit rund 0,3 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland, so die Zahl von 2019, kein überragender Faktor beim Klima-Killen. Doch: „Lufthansa würde gern auch am Drehkreuz München Zubringerzüge anbieten. Leider mangelt es dort an einer Fernzuganbindung. Damit sich künftig mehr Passagiere für den Zug zum Flug entscheiden, muss gezielt die luftverkehrsrelevante Bahninfrastruktur gestärkt werden.“

WARUM NICHT AUCH IN BERLIN?

Damit liegt der Ball natürlich wieder bei der Deutschen Bahn, die dem bahn manager versichert: „Wir prüfen stetig Möglichkeiten zur Ausweitung unserer Kooperationen mit Airlines, auch auf andere Standorte in Deutschland.“ Zumindest beim neuen Flughafen Berlin-Brandenburg, der ja wohl zum 31. Oktober endlich in Betrieb gehen soll, fährt die DB mit dem ICE direkt zum Airport. Was steht der Idee entgegen, dort wie in Frankfurt/Main ein getrenntes AirRail-Gepäckterminal einzurichten? Oder München Hauptbahnhof. Von dort geht es fast eine Stunde lang mit der S-Bahn zum Flughafen. Warum können Fluggäste nicht dort an einem getrennten AirRail-Gepäckterminal ihre Bagage aufgeben und entspannt mit freien Händen die letzten Zubringer-Kilometer absolvieren? Zumal in Mundschutz-Reisezeiten sollte das doch eine deutliche Komfortsteigerung bewirken. Die S-Bahn würde einen Waggon gezielt als Gepäcktransporter ausrüsten, ist das völlig undenkbar?

Auch zum AR-Terminal in Frankfurt müssen die Reisenden vom Zug noch einige Schritte zurücklegen, doch danach können sie sich sofort zur Personenabfertigung begeben, ohne Gepäck – sicher ein Komfortgewinn. „Das AirRail Terminal befindet sich derzeit im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens“, erklärt die Sprecherin der Lufthansa. „Bei der Rückreise erhalten Sie Ihr Gepäck nach Ihrer Landung in Frankfurt in der Lufthansa Express Rail Gepäckausgabe am Fernbahnhof, führen es anschließend durch die Zollkontrolle und nehmen es danach direkt mit in Ihren Zug. Für alle Lufthansa Express Rail Verbindungen gelten die Lufthansa Gepäckbestimmungen. Die Freigepäckmenge entspricht den Gepäckbestimmungen Ihres Anschlussfluges. Der Fernbahnhof am Frankfurter Flughafen ist über eine Überführung zu erreichen. Dabei können Treppen, Rolltreppen oder Fahrstühle genutzt werden.“

MIT DONALD DUCK ZUM AIRPORT

Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich noch mit Wehmut an die durch Bahnfreunde liebevoll Donald Duck getauften Züge des Lufthansa-Airport-Express. Diese hatten eine an eine Ente gemahnende charakteristische Frontgestaltung und kursierten ab 1982 von Düsseldorf und Stuttgart zum Frankfurter Flughafen. Bis wann? Das geneigte Publikum ahnt es – bis 1993, ein Jahr vor der großen Bahnreform… Für Flugreisende ab Frankfurt brachte die Streichung dieser Relationen einen Komfortverlust. Denn damals war es sogar möglich, am Einstiegsbahnhof das Gepäck sofort endgültig einzuchecken und somit gepäckfrei bis zum Endpunkt des Flugs zu reisen. Ließe sich das nicht wieder einrichten, zumindest auf ausgewählten Bahnhöfen?

Die Sprecherin der Deutschen Bahn sieht dafür derzeit keine Chance. „Die Einrichtung einer Gepäckaufgabe am Bahnhof und die Beförderung des aufgegebenen Gepäcks im Zug wurde in einer frühen Phase der Kooperation zwischen LH und DB angeboten. Dieser Service wurde aus wirtschaftlichen und organisatorischen Gründen eingestellt“, erfährt der bahn manager. „Hintergrund ist zum einen, dass die Flächen in den Bahnhöfen in der Regel sehr knapp sind. Entsprechend ist die Einrichtung von platz- und personalintensiven Prozessen wie einer Gepäckabfertigung (und die damit auch nötige Zollabfertigung) extrem aufwendig. Beim heutigen Modell reicht es aus, unmittelbar vor der Abfahrt am Zug zu sein. Bei einer Abgabe des Gepäcks im Bahnhof und Durchführung der Sicherheitschecks würde sich die Gesamtreisezeit deutlich verlängern. Das Produkt würde damit unattraktiv. Zum anderen erhöht ein zusätzlicher Gepäckprozess auch in unseren Zügen die Komplexität enorm. Nichtsdestotrotz stehen wir in ständigem Austausch mit der Lufthansa zur Optimierung aller Prozesse rund um das Produkt Lufthansa Express Rail.“

Mag sein, dass es eigenwirtschaftlich heutzutage tatsächlich schwierig ist, an Bahnhöfen Fluggepäck zu handeln. Andererseits gehören die Stationsgebäude zur DB, Platzfragen wären also im eigenen Haus zu klären. Die Bahnzubringer der 1980er Jahre wurden auf Wunsch des damaligen Verkehrsministeriums eingerichtet. Und auch die heutigen Regierenden haben sich Klimaschutz und Reduzierung von Kurzstreckenflügen auf ihre Fahnen geschrieben. Vielleicht sollten sie wie einst – wie es jetzt auch in Frankreich gefordert wird – die Gepäckabfertigung an Bahnhöfen erneut auf die Agenda setzen, auch mit der Bereitschaft zu einem entsprechenden finanziellen Engagement?

Was schadet es, zumindest im Wege einer Umfrage unter Reisenden festzustellen, inwieweit ein solcher Service Fluggäste zur Nutzung von Zubringerzügen veranlassen kann? Die Lufthansa, so entnehmen wir der entsprechenden Antwort, scheint jedenfalls offen zu sein für eine solche Weiterung: „Damit sich künftig mehr Passagiere für den Zug zum Flug entscheiden, muss die Nutzung bequem und komfortabel sein. Damit die Bahn als Zubringer eine echte Alternative wird, braucht es Ideen und Konzepte, wie das Gepäck von Umsteigepassagieren am Startbahnhof aufgenommen und unter Berücksichtigung der Sicherheitsanforderungen zuverlässig zum Flug transportiert werden kann. An diesen und anderen Innovationen für ein optimales Reiserlebnis arbeiten Lufthansa und DB.“

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