DEUTSCH-FRANZÖSISCHER ZUGVERKEHR IN SÜDWEST: AB 2024 SPEKTAKULÄRE VERBESSERUNGEN

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Die französische Region Grand Est hat mit den angrenzenden Bundesländern Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden- Württemberg eine sensationell anmutende Allianz geschmiedet, um auf gleich sieben grenzüberschreitenden Bahnstrecken mit neuen Zügen intensiven Personen-Taktverkehr zu betreiben.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Vom “größten Fortschritt seit dem Start des ICE nach Paris”, einem “großen Wurf” und “Musterbeispiel für erfolgreiche deutsch-französische Kooperation ” spricht nicht ohne Grund Eckhard Buddruss in der “Rheinpfalz”: Der Regionalrat der Region Grand Est (Präfektursitz Strasbourg/ Straßburg) beschloss am 5. Juli 2019, für 376 Millionen Euro 30 bi-modale Triebzüge anzuschaffen, die ab Ende 2024 den Bahnverkehr mit Deutschland in einem Grenzbereich von etwa 200 Kilometern, wie es heißt, “dynamisieren” sollen – konkret: Das Transportangebot auf den sieben grenzüberschreitenden Strecken nach Deutschland soll vervierfacht werden.

Drei dieser Strecken laufen durch Baden-Württemberg: die Verbindung Straßburg-Lauterburg-Wörth (und weiter nach Karlsruhe), die Strecke Straßburg-Kehl-Offenburg und die Linie von Mulhouse/Mülhausen zum badischen Müllheim. Die Zuganbindung zwischen Saarbrücken, Metz und Straßburg wird ab 2024 deutlich verbessert. Regelmäßigen umsteigefreien Taktverkehr soll es auf der 2007 reaktivierten Strecke Trier-Metz geben sowie nach Straßburg. Bisher gibt es die Verbindung Trier-Metz nur mit Umstieg in Forbach. Im Taktverkehr sollen dann auch die Strecken Neustadt-Weißenburg-Straßburg, Saarbrücken-Forbach-Straßburg sowie Saarbrücken-Saargemünd-Straßburg bedient werden. Reaktiviert werden könnte auch die Strecke Colmar-Breisach mit dem dazugehörigen Bau einer neuen Brücke über den Rhein. Doch dabei gibt es noch Unstimmigkeiten zwischen Bund und Land über die Finanzierung. Baden-Württembergs Verkehrsminister Hermann sieht aber gute Chancen für die Umsetzung, weil das Projekt auch im sogenannten Elysee-Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich erwähnt wird.

“Diese Verkehre sind unerlässlich, um den Zugang zu den Arbeitsgebieten in den Nachbarregionen zu fördern”, erklärte der für Transport zuständige Vizepräsident der Region Grand East David Valence. Der Pressedienst grandest.fr wies auf die industriepolitische Relevanz des Projekts hin: “Diese Aufträge tragen zur Aufrechterhaltung der Beschäftigung in den Regionen bei. ” Die jetzt georderten Züge würden “in der Tat vollständig in den französischen Standorten von Alstom Transport hergestellt, vor allem in Reichshoffen (Département Haut-Rhin = Oberelsass), einem Zentrum, das direkt über 800 Menschen für die Konstruktion und Montage der Züge beschäftigt mit mehr als 3.000 indirekten Arbeitsplätzen.”

Zum Einsatz kommen sollen Triebzüge vom Typ Coradia Polyvalent Dual-Mode, von französischen Eisenbahnern auch liebevoll “Bi-Bi” genannt, also “Doppel-Zwei”. Das erste “Bi” steht für den Hybridantrieb aus Oberleitungsspeisung und Dieselantrieb für nicht-elektrifizierte Streckenabschnitte. Das zweite “Bi” verweist auf die Einsatzfähigkeit unter französischem wie auch deutschem Stromsystem – ein echter “Europa-Renner”. Die französische Staatsbahn nutzt Züge dieser Familie bereits seit 2014 für den regionalen TER-Betrieb. Bestellungen kamen aus Rumänien, Algerien und dem Senegal, sie pendeln schon zwischen Frankreich und der Schweiz. Wichtiger Vorteil: Diese lassen sich mit den vorhandenen kuppeln, um auf stark frequentierten Abschnitten wie zwischen Hagenau und Straßburg Doppeleinheiten bilden zu können. Der Coradia Polyvalent befördert in der Langversion bis zu 1000 Reisende mit einer Geschwindigkeit von bis zu 160 Kilometern pro Stunde. Er verfügt über barrierefreien Zugang, Steckdosen sowie Leselampen am Platz. Auch der kleine Makel des vorgesehenen Dieselmotors für Streckenabschnitte ohne Oberleitung lasse sich beheben, glaubt Saarlands Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger: “Den Dieselmotor wird man perspektivisch durch einen Batteriebetrieb ersetzen können”.

Die Entwicklungskosten in Höhe von etwa 40 Millionen Euro für die spezifische technische Ausrüstung im deutsch-französischen Einsatz werden unter den Bundesländern Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg aufgeteilt. Die saarländische Wirtschaftsministerin sowie stellvertretende Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) berichtete, auf das Saarland entfalle ein Anteil in Höhe von 7,14 Millionen Euro. Baden-Württemberg wird einen zwölfprozentigen Anteil in Höhe von rund 30 Millionen Euro zahlen, auf den für den regionalen Schienenverkehr in der Pfalz zuständigen Zweckverband in Kaiserslautern entfallen rund 6 Millionen Euro. Darüber informierten der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Die Grünen) sowie die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und ihr Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP). Die Anschaffungskosten als solche für die Züge übernimmt komplett die französische Seite.

Mit Recht lobte Florian Weyer, Stellvertretender Generaldirektor für Mobilität der Region Grand Est, auf der Plattform LinkedIn: “Weit entfernt von Eisenbahnromantik oder bestimmten schemenhaften, nicht finanzierten Projekten hat die Region Grand East die drei benachbarten deutschen Bundesländer um eine konkrete und ehrgeizige Entwicklung von sieben grenzüberschreitenden Eisenbahnverbindungen gebündelt das bestehende Netz besser nutzen.”

Bisher waren nur die relativ kleinen Alstom-Dieseltriebwagen der Serie X 73.900 sowohl mit französischer als auch deutscher Leit- und Sicherungstechnik ausgerüstet. Nur diese verbanden bislang umsteigefrei Deutschland mit Straßburg. Ebenfalls ein Novum: Die neugeplanten Verbindungen sollen erstmals durch die französischen und deutschen regionalen Aufgabenträger gemeinsam europaweit ausgeschrieben werden. Die danach mit dem Fahrbetrieb beauftragten Unternehmen werden dann eine Miete für den Betrieb der neuen Züge zahlen, die sich an der Zahl der gefahrenen Kilometer orientiert.

Auch für den Binnenverkehr geht die Région Grand Est auf Einkaufstour: Für 102 Millionen Euro bestellte sie neun “Régiolis”-Vorort- und Regionalzüge. Zudem soll mit dem Erwerb von fünf Zügen am nationalen Pilotprojekt für Wasserstoffzüge teilgenommen werden. Das Projekt, bis 2022 einen in Frankreich gebauten wasserstoffbetriebenen Zug zu entwickeln, basiert auf dem französischen Gesetz über die Energiewende für grünes Wachstum, mit dem der Verbrauch fossiler Brennstoffe um 30% und die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 40 Prozent gesenkt werden sollen.

Die saarländische Wirtschaftsministerin Rehlinger will derweil sondieren, wie Bund und EU zu Kofinanzierungen verbesserter Grenzverkehre herangezogen werden können. Dort existierten inzwischen “ausführliche Vorstellungen” davon, welche Rolle Grenzregionen innerhalb von Europa übernehmen sollen und wie man sie stärken kann. Dafür stünden auch Gelder zur Verfügung. Die Ministerin hofft beispielsweise, dass sich auch Mittel aus dem Interreg-Programm der EU aktivieren lassen. Um die verschiedenen Mittel ebenfalls für den grenzüberschreitenden Nahverkehr nutzen zu können, hat die Ministerin für den 18. Dezember zum Thema „Deutsch-französischer Schienenverkehr“ die SPD- und die CDU-Landesgruppe des Saarlands im Bundestag nach Saarbrücken eingeladen.

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