Ökologisch und innovativ: Ein Plädoyer für die Schiene 4.0

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Um die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen, muss Mobilität sehr viel klimaschonender werden. Auch in Deutschland – ein Innovationsprogramm » Schiene 4.0 « muss her. 

Von Dr. Ben Möbius

Der Verkehrssektor in unserem Land hat – im Gegensatz zu anderen großen Sektoren – seine Treibhausgasemissionen zwischen 1990 und 2016 nicht gesenkt. 90 Prozent der Mobilität basiert heute noch immer auf Erdöl. Unterm Strich, gemessen an den absoluten Emissionen, trägt der Verkehr kaum zum Klimaschutz bei. Das darf so nicht bleiben. Ohne Verkehrswende – mehr Schienenverkehr, mehr Intermodalität – werden die Klimaziele rasch Makulatur. Deshalb wird der nachhaltige Schienenverkehr künftig eine noch wichtigere Rolle spielen. Schiene 4.0 ist mehr als glitzerndes Etikett. Global noch klimaschonender, lokal emissionsfrei, leiser, noch sicherer: digital beginnt auf der Schiene eine neue Äranachhaltiger Mobilität. Schiene 4.0 kann eine Erfolgsgeschichte „made in Germany“ werden. Für den Klimaschutz – und für Wertschöpfung. Dafür braucht es einen politischen Ordnungsrahmen, der Innovationen stärkt. Deutschland braucht ein konzertiertes Innovationsprogramm. Die nächste Bundesregierung sollte Innovationen fördern – indem sie ein nationales Forschungsprogramm Schiene 4.0 schafft. Und die neue Bundesregierung sollte Innovationen fordern, indem sie gemeinsam mit Ländern, Betreibern und Industrie die Digitalisierung der Infrastruktur, die Förderung innovativer Fahrzeug und die Realisierung von Pilotprojekten voranbringt. In der neuen Legislaturperiode sollte ein ehrgeiziges Doppelziel gelten: Leitanbieter und Leitmarkt sein für Schiene 4.0.

Intelligentere, bessere Mobilität 
Der Nutzen digitaler Lösungen? – Ist sehr konkret. Ein Beispiel sind automatisierte Züge im urbanen Raum. Der drohende Verkehrskollaps etlicher Megastädte weltweit erfordert völlig neue digitale Mobilitätskonzepte. Denn absurde Dauerstaus, massiver Flächenverbrauch und gesundheitsgefährdender Smog belasten die Menschen. Fortbewegung frei von Emissionen, Staus oder überfüllten Zügen, fast 100 Prozent pünktlich, nahezu ohne Unfälle – das ist das Zukunftsbild. Gewiss, vollautomatisiertes Fahren ist nur für bestimmte, hochfrequentierte Strecken sinnvoll. Dort aber in höchstem Maße. Auch in Deutschland kann es der Lebensqualität und dem Klimaschutz dienen. Denn digital lassen sich während der „rush hour“ viel engere Takte realisieren. Also: Keine Wartezeiten auf Züge mehr. Zudem können Kapazitäten digital ad hoc der echten Nachfrage folgen. Das schafft eine nie dagewesene Flexibilität des öffentlichen Personenverkehrs. Zum Beispiel können unvorhersehbare Stoßzeiten (Gewitterregen o.ä.) gepuffert werden. Und in Kombination mit prädiktiver Wartung wird es künftig weniger Ausfälle, also weniger Verspätungen geben. Natürlich können digitale Systeme mit der Kompetenz und dem Urteilsvermögen eines Fahrers optimal verzahnt werden: Alle Stufen des automatisierten Fahrens sind Erfolgsparameter für die Zukunft. Und das sowohl im Personen- als auch im Güterverkehr. Deutliche Energieeinsparungen bremsen den Klimawandel. Züge, die vollautomatisiert oder mit digitalen Assistenzsystemen fahren, folgen einer energieoptimierten Fahrkurve. Vorausschauende Steuerung vermeidet forsches Anfahren und abruptes Bremsen, die permanente Anpassung erlaubt besseren Verkehrsfluss mit wenig Trassenkonflikten und Stopps.

Im Ergebnis kann eine automatisiert fahrende U-Bahn bis zu 30 Prozent Energie sparen. So schon heute gemessen in London und Paris. Die Bahnindustrie in Deutschland ist beim automatisierten Fahren führend. Und die globale Nachfrage nach klimaschonender urbaner Mobilität wird wachsen: 90 Prozent des weltweiten Bevölkerungswachstums soll künftig in Städten entstehen. Das gilt vor allem für Megastädte in China, Indien und andere Regionen Asiens sowie Amerikas. Doch auch in unserem Land wird in Großstädten die Zahl der Kunden weiter wachsen. Automatisierte U-Bahnen „made in Germany“ sind in vielen Metropolen rund um den Globus erfolgreich unterwegs, in Deutschland indes noch eine Seltenheit. Unsere Spitzentechnologien sollten wir auch hier verwirklichen und weiterentwickeln. Dafür braucht es Pilotprojekte – und Pioniergeist. Lange wurde Null-Emissions-Mobilität in düsterem Ton vorgestellt: Verzicht, Einschränkung, eher freudlos. Aber Schiene 4.0 sorgt für eine intelligentere, bessere Mobilität. Die wird noch mehr Freude bereiten – weil die Züge pünktlich sind, kommen, wenn man sie wirklich braucht, und weil ihr Design innovativ sein wird. Überdies spiegeln sie individuelle Lebensstile, die Nachhaltigkeit wertschätzen. Schiene 4.0 fasziniert. Diese Zukunftstechnologie „made in Germany“ braucht politischen Rückenwind. Die neue Bundesregierung sollte ein offensives Innovationsprogramm ins Werk setzen – für die Klimawende, für attraktive Mobilität und für Wertschöpfung in unserem Land.

Zum Autor
Dr. Ben Möbius, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland; zuvor leitete der promovierte Politikwissenschaftler unter anderem die Abteilung Mobilität und Logistik beim BDI.

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