EUROBAHN MIT VERBESSERUNGEN, ENNO: LIEBER LANGWEILIG ALS STREIK

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Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen: Das EVU enno/metronom bringt in seinem aktuellen Reisemagazin eine Eigenwerbung, die als Spitze gegen den bestreikten Mitbewerber Keolis/Eurobahn verstanden werden kann.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Seit dem 9. Dezember 2019 werden Zugverbindungen der Eurobahn sowie die Zentralwerkstatt in Hamm-Heeßen durch die Bahngewerkschaft EVG bestreikt. Auch wenn nach Schätzung der eurobahn nur etwa sieben Prozent der Mitarbeiter an den Arbeitsniederlegungen teilnahmen, kam es zu beträchtlichen Behinderungen des Zugverkehrs mit Zugausfällen, das Ende des Streiks ist nicht bekannt. Im enno-/metronom-Reisemagazin „momente“ Nr. 4/2019 schreibt jetzt dessen Redaktion ganzseitig auf der 1. Innenseite: „Klar, würde uns ein schöner Schaffnerstreik zu Weihnachten deutschlandweit bekanntmachen. Wir bleiben lieber langweilig und gut! Der enno hat glückliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das ist zwar nicht spannend, sorgt aber zuverlässig für zufriedene Fahrgäste.“

Auf Anfrage des bahn managers bestätigte eine enno-Sprecherin, dass ihr Unternehmen bislang nicht bestreikt worden sei. Weitere Fragen sollen wir schriftlich stellen und dann beantwortet bekommen. Wir baten um die formelle Bestätigung, dass es sich hier um einen Kommentar zum Streik bei Keolis handele, und wollten wissen, ob eine derartige Entsolidarisierung im Arbeitgeberlager nicht ein zweischneidiges Schwert sei. Bis Redaktionsschluss kam keine Antwort, wahrscheinlich wegen des Urlaubs des formellen Pressesprechers.

Bei Keolis zeigte sich eine durch den bahn manager angesprochene Sprecherin überrascht. Die enno-Publikation war im Hause noch nicht bekannt. „Bei uns in NRW arbeiten alle EVUs aktiv zusammen, um dem Personalmangel gemeinsam entgegenzuwirken“, hieß es. „Diese Anzeige werden wir uns genau ansehen. Schließlich zögern wir ja nicht einfach so, den Gewerkschaftsforderungen hundertprozentig zuzustimmen, sondern aus Sorge um unsere Personalplanung. Und nach unserem Wissen wachsen auch in Niedersachsen Personale nicht in den Himmel.“

Um „technische Ressourcen zu schonen und langzeitig einsetzen zu können“, wird derzeit netzübergreifend mit einem reduzierten Sitzplatzangebot gefahren, heißt es bei der eurobahn, sprich: Die Züge sind kürzer als normalerweise, fahren zum Beispiel in Einfach-statt in Doppeltraktion. Dadurch soll die Flotte möglichst lange ohne notwendige Reparaturen oder Abnutzungsarbeiten eingesetzt werden können, solange in der Werkstatt der Normalbetrieb nicht sicher ist. Der bahn manager erlebte dies selber am 20. Dezember auf einer Fahrt von Warburg Richtung Münster. Der Zug hatte eine verkürzte Länge, das Bord-WC war außer Betrieb. Doch der Zugbegleiter der eurobahn erklärte dazu freundlich: „Es ist ja alles in Ordnung, nur konnten wir kein Wasser nachfüllen.“ Nachdem sich Reisende mit Pressierdruck einverstanden erklärten, dieses Manko hinzunehmen, öffnete der Zugbegleiter ihnen kurzzeitig Herz und WC-Tür.

Kern des Streits zwischen eurobahn und EVG ist die Forderung der Gewerkschaft nach weitergehenden Wahlmöglichkeiten zwischen Geldzahlung oder Urlaub. „Als eines der ersten privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen hat Keolis Deutschland bereits in 2018 das Wahlmodell mit bis zu 36 Tagen Jahresurlaub eingeführt“, erklärte dem bahn manager eine eurobahn-Sprecherin. Doch unbegrenzt könne man dieses Modell nicht erweitern, weil es nicht genug Lokpersonale gäbe. Die EVG drängt auf den Abschluss eines Tarifvertrags mit dem sogenannten Wahlmodell II, welches 42 Tage Jahresurlaub vorsieht.

Zum Jahresende kam jetzt Bewegung in die verfahrene Lage. Die eurobahn erklärte: „Am Freitag, 27. Dezember hat Keolis Deutschland der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft nochmals ein deutlich verbessertes Angebot vorgelegt. Nach intensiven Berücksichtigungen des wirtschaftlichen sowie sozialen Umfeldes ist das Unternehmen bei den zwei Themen, die noch umstritten waren – einheitliche Tabellensteigerung und zweiter Schritt des EVG-Wahlmodells – der EVG sehr weit entgegengekommen. Im Gegenzug erwartet das Unternehmen, dass die Gewerkschaft eine Streikpause ausruft und man sich gemeinsam wieder zur Verhandlung verabredet, gerade auch im Interesse der Fahrgäste.“

Die Gewerkschaft EVG hatte zuvor erklärt: „Unser Tarifvertrag muss das „Mehr vom EVG-Wahlmodell“ enthalten.“ Das klang immerhin nach der Möglichkeit, das „wie viel des Mehr“ in Verhandlungen festzulegen. Den Reisenden, Beschäftigten und Verantwortlichen bei der eurobahn wünscht der bahn manager, dass jetzt das Neue Jahr ohne weitere Streiks beginnt und stattdessen eine einvernehmliche Lösung gefunden wird.

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