“Für eine Einigung braucht es mehr Druck auf das System”

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Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, äußert sich im Interview zu Neubauprojekten, Rastatt und der Digitalisierung. 

Von Hermann Schmidtendorf

bahn manager Magazin: Herr Ferlemann, der Tunneleinbruch bei Rastatt hat gezeigt, wie fragil derzeit wesentliche deutsche Verkehrsadern im Bahnwesen sind. Neubaustrecken und Modernisierungen wie jetzt zwischen Berlin und Dresden und Berlin- München helfen, aber reicht das?
Enak Ferlemann: Bahnbau in Tunnellage ist keine ganz einfache Aufgabe. Bei Unfällen brauchen wir Umfahrungen. Da sind in den vergangenen zwanzig Jahren viele Fehler gemacht worden. Man hat Ausweichgleise, Überholstrecken herausgenommen, und man hat zu wenig bedacht, dass, wenn eine Hauptmagistrale mal ausfällt, man auch mit Fahrdraht Umfahrungen braucht. Deshalb wird das gesamte Netz jetzt auf solche Lücken abgescreent. Wichtig wird sicher auch, wie ich es bezeichne, der Erzgebirg-Basistunnel. Wenn wir die Linie Rostock-Berlin-Dresden-Prag- Wien nehmen, eine der Hauptmagistralen in Europa, werden wir um eine Streckenmodernisierung im deutsch-tschechischen Grenzbereich nicht herauskommen. Wir wollen, dass mehr Güter und mehr Personen auf der Schiene befördert werden. Es ist ein anspruchsvolles Milliardenprojekt. Wichtig ist weiter die ABS 38 von München über Mühldorf nach Freilassing. Damit bekommen wir die Kapazitäten frei für die südliche Anbindung Italiens über den Brenner-Basistunnel, der 2026 in Betrieb geht. Wesentlich ist auch der Korridor für den Güterverkehr über Regensburg-Hof.

ETCS sollte der große Wurf sein – ein Streckensicherungssystem für ganz Europa. In der Praxis hakt es jedoch noch.
Das ist ein Ärgernis. Wir haben uns für dieses System in Europa entschieden. Die Frage bleibt, in welchem Level kommt es und in welcher Konfiguration. Bisher konnte dazu keine Einigung erzielt werden. Daran sieht man, wie nationalstaatlich das Bahnwesen immer noch in Europa bestimmt ist. Obwohl die Bahn das Verkehrsmittel Europas der Zukunft sein müsste. Wir werden an einer möglichst schnellen Einigung arbeiten. Das müssen wir lösen, um die Bahn in Europa schnell und effizient zu machen. Im Wettbewerb mit dem Lkw müssen wir die Bahn auf die Digitalisierung vorbereiten und sie nutzen. Es wird ohne politisch begleitenden Prozess nicht gehen. Es muss politisch mehr Druck auf das System kommen, dass man sich einigt. Die Fachleute finden dann schon eine Lösung. Wir streben ETCS (European Train Control System) im Level 3 an, aber zunächst muss zumindest eine gleiche Konfiguration im Level 2 erreicht werden.

In welchen Bereichen wird Digitalisierung im Bahnwesen benötigt?
Alleine die Fahrgastinformation ist natürlich digital wesentlich einfacher möglich in Echtzeit. Wenn wir die 5. Generation des Mobilfunks haben, kann die Bahn wesentlich effizienter informieren. Die Signal- und Leittechnik ist viel einfacher, Stellwerke, die Zugbildungsanlagen. Bei den Baumaßnahmen muss das ineinandergreifen. Das BIM, mit dem wir digital die Baustellen steuern, ist eine weitere Effizienzsteigerung.

Unter dem ehemaligen DB-Chef Grube wurden in diesem Bereich zwischen DB und SNCF eine deutsch-französische Achse der Modernität ausgerufen. Bleiben Deutschland und Frankreich die beiden Länder des technischen Fortschritts?
Wir arbeiten auch gut mit der ÖBB zusammen, mit SBB, PKP. Wir haben gute Kontakte zu den anderen Bahnen. Es profitiert immer der Eine von dem Anderen. Wir müssen dazu kommen, dass wir bei der Bahn europäisch denken. Das ist das A und O.

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