Interview: » Wasserstoffzug: Wir sind bereit! «

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Mitte April 2018 meldete Alstom Transport Deutschland Vollzug: Geschäftsführer Dr. Jörg Nikutta stellte den weltweit ersten Brennzellentriebzug mit Wasserstoffantrieb Coradia iLint vor. 

bahn manager Magazin: In den letzten Jahren hat sich in Ihrem Haus vieles getan in puncto Wasserstoffantrieb – zunächst wurden die Vorschläge Ihrer Techniker ja skeptisch aufgenommen?

Dr. Jörg Nikutta: Die beiden Techniker sind tatsächlich noch im Haus. Als sie das erste Mal diese Idee mit dem damaligen Management diskutiert haben, sagte das Management, warum? Unsere Dieselfahrzeuge sind doch gut. Aber diese beiden Ingenieure haben nicht locker gelassen, bis auch das Management sagte: Wir gehen in diese Richtung. Dann muss man sich Partner suchen. Wo könnte der Zug fahren? Wo kommt die Brennstoffzelle her? Wie könnte das Gesamtkonzept aussehen? Wird der Zug dann zu schwer, wie kann das Gewichtsmanagement aussehen? Das wurde mit großer Liebe und Engagement von einer großen Mannschaft nach vorne getragen. 2016 wurde der Zug erstmals auf der Innotrans gezeigt. Jetzt kann ich sagen: Der Zug ist da, wir können losfahren.

Haben Sie eine Schätzung, wie groß das Interesse an diesem Zugtyp sein kann?

Wir gehen tatsächlich davon aus, dass es kein Nischenprodukt sein wird. 40 Prozent der Strecken in Deutschland sind nicht elektrifiziert. Jetzt wird es in den nächsten Jahren zwar etwas mehr werden, aber auf den übrigen Strecken brauchen Sie ein Fahrzeug, das die Energie mitbringt. Wir sind überzeugt, dass Wasserstoff da eine sehr, sehr gute intelligente Lösung ist. Heute sind auf diesen Strecken viele hundert Fahrzeuge im Einsatz. Wir sehen da ein großes Marktpotential in Deutschland. Wir haben aber auch Gäste aus Großbritannien, aus Japan, aus Kanada, Russland, aus anderen Nachbarländern, die ja alle dasselbe Problem haben wie wir in Deutschland: Wie bekommen wir ökologisch sinnvolle Mobilität hin, die den Fahrgästen keine Einschränkungen auferlegt? Es kann nicht sein wie beim Auto, ich fahre 100 Kilometer und muss dann irgendwas tun. Nein. Ich tanke den Zug mit Wasserstoff und fahre ihn wie einen Dieselzug 1000 Kilometer mit einer Tankfüllung.

1000 Kilometer ist eine ordentliche Reichweite…

Unsere Dieselzüge fahren auch 1000 Kilometer. Uns war wichtig, dass für die Betreiber das Produkt sehr ähnlich ist. Nur der Betankungsvorgang ist anders. Die Züge können dieselben Strecken fahren, dieselben Umlaufpläne zugrunde legen. Und wir bieten ja auch Konzepte für die Versorgung mit Wasserstoff und die Tankstelle, das heißt, für den Betreiber ist das ein minimaler Aufwand. Die technischen Dinge, die vielleicht anders sind, übernehmen wir mit Partnern, um den Zug schnell einsetzen zu können.

Letztens wurde in China ein Wasserstoff- Schienenfahrzeug vorgestellt, auch Siemens soll sich inzwischen mit der Idee anfreunden. Kann man generell sagen, Wasserstoffantrieb ist gleich Wasserstoffantrieb, ist das dann nur eine Frage des Preises und der Ausstattung, oder gibt es technologische Unterschiede?

Bei uns begann die Entwicklung 2012. Wir nehmen mit einer gewissen Freude zur Kenntnis, dass wir nicht die Einzigen sind, die erkannt haben, dass Wasserstoffzüge ein wichtiges Segment sein werden. Das haben wir vor 6 Jahren erkannt, und wir haben seitdem entwickelt. Wir nehmen zur Kenntnis, dass Marktwettbewerber jetzt diesen gleichen Weg gehen. Wir sind natürlich sehr, sehr viel weiter. Deshalb glauben wir, dass wir ein sehr ausgereiftes Konzept haben und eben auch ein fertiges Produkt. Der Zug ist da, ist einsatzfähig. Das Gesamtkonzept Wasserstoff – Brennstoffzelle ist im Prinzip ähnlich, aber wir sind natürlich weiter. Die Kunst ist die Abstimmung. Wann wird die Brennstoffzelle die Energie liefern, wann die Batterie. Wie ist das Rückspeisekonzept. Das geht nicht aus dem Baukasten, da braucht man viel Erfahrung, da muss man auch viele Kilometer fahren, um zu sehen, was funktioniert am besten. Das haben wir bereits hinter uns, und deshalb sind wir stolz, dass wir sagen können: Unser Produkt ist am Markt, wir sind bereit.

Können Sie uns Hinweise geben, wie sich die geplante Fusion Alstom-Siemens entwickelt? Kommen jetzt zu Ihnen nach Salzgitter und zu Siemens nach München Franzosen, und Sie wandern nach Paris, wie kann man sich das vorstellen?

Wir haben vor kurzem ein business combination agreement unterzeichnet mit der Mobilitätssparte von Siemens. Wir gehen davon aus, dass wir Ende des Jahres ein gemeinsames Unternehmen bilden. Details werden derzeit erarbeitet und sind natürlich auch Teil eines juristischen Prozesses. Bis zum Tag der Vereinigung sind wir zwei unabhängige Unternehmen, wir agieren vollständig autonom. Aber wir freuen uns, dass beim Wasserstoff auch unser potentieller zukünftiger Partner in dieselbe Richtung denkt.

Das Interview führte Hermann Schmidtendorf.

Dr. Jörg Nikutta: Seit 1. September 2017 hat er die Funktion des Managing Director Deutschland & Österreich und zeitgleich ist er Sprecher der Geschäftsführung der ALSTOM Transport Deutschland GmbH.

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