JEAN-PIERRE FARANDOU (KEOLIS) WIRD NEUER SNCF-CHEF

in Bahnmarkt Europa von

Am späten 18.9.2019 entschied Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Medienberichten zufolge, dass der derzeitige Chef der Auslandstochter Keolis Jean-Pierre Farandou ab Januar 2020 Chef der Staatsbahn SNCF werden wird.

Die Entscheidung über die Nachfolge des derzeitigen SNCF-Chefs Guillaume Pepy soll Präsident Macron heute verkünden. Danach wird der designierte Bahnchef von den Ausschüssen für Planung und nachhaltige Entwicklung der Nationalversammlung und des Senats angehört und die Entscheidung vom Ministerrat ratifiziert. Der 62-jährige Farandou ist, wie französische Medien formulieren, “ein reines Produkt der SNCF”. 1981 trat er dem Staatsunternehmen bei, war an der Einführung der TGV-Linie Paris-Lille und des Thalys beteiligt, bevor er von 2006 bis 2012 die SNCF Proximité (TER, Intercités, Transilien) leitete. Seither ist er Präsident der zu 70 Prozent zur SNCF gehörenden Tochter Keolis, der Tochtergesellschaft, die Busnetze, Straßenbahnen und Reisebusse betreibt und der er vor allem dank der Auslandsexpansion ein gutes Standing bescherte.

In den letzten Monaten waren die Spekulationen über die Nachfolge des charismatischen Guillaume Pepy an der Spitze der Staatsbahn (siehe bahn manager Online vom 14.7.2019) ins Kraut geschossen. Bei jedem Pepy-Auftritt zelebrierte die französische Presse den scheidenden humorvoll-charismatischen Pepy als, so Le Monde, “l’emblématique dirigeant” – kultigen Anführer. Nachdem das von der Regierung eingeschaltete Headhunter-Unternehmen Heidrick & Struggles offenbar keinen Überraschungskandidaten präsentieren konnte, kamen sogar Mutmaßungen auf, Pepy könne seine Präsidentschaft verlängern, da es keinen geeigneten Nachfolger gäbe, was dieser als “intox” – gezielte Falschmeldung, Fake – zurückwies. Auf jeden Fall hinterlässt Pepy ein Unternehmen mit dem Willen zur Modernisierung, das – siehe die starke Zunahme des Zugverkehrs in diesem Sommer – mit positiven Meldungen aufwartet.

Nachdem Eisenbahner-Gewerkschaften öffentlich Druck machten und einen Eisenbahner als Pepy-Nachfolger forderten, schien die Kandidatensuche außerhalb der SNCF vom Tisch. Übrig blieben die Kandidaturen Jean-Pierre Farandous und Patrick Jeantets, des derzeitigen SNCF-Vizechefs und CEO der SNCF Réseau (Infrastruktur). Warum Farandou und nicht Jeantet? Schließlich realisiert letzterer loyal den Modernisierungskurs der SNCF (siehe bahn manager-Interview in Ausgabe 4/2017). War er zu forsch bei der Forcierung seiner Kandidatur, hat er zu klassisch liberal gewirkt? spekulierten manche französische Medien. Positiv für Farandou wirkte sich gewiss aus, dass er mit Keolis im Ausland bereits in einem Wettbewerbs-Umfeld erprobt ist und somit am ehesten gewährleisten kann, dass er auch die SNCF sicher durch die 2020 in Frankreich beginnende Wettbewerbsöffnung im Bahnsektor führen kann.

Zu seinen Gunsten spricht auch, dass Farandou als warmherziger, gewinnender Mediator wahrgenommen wird. Im Juni hatte er erneut die Präsidentschaft des Dachverbands der französischen öffentlichen Transportunternehmen UTP übernommen – jener Arbeitgeberorganisation, die derzeit mit den Gewerkschaften über die Schaffung des Eisenbahn-Tarifvertrags verhandelt. Als Verbeugung vor den Bahngewerkschaften wurde auch vermerkt, dass Jean-Pierre Farandou am letzten Wochenende auf dem Pressefest der kommunistischen Tageszeitung L’Humanité auftrat. Dort debattierte er in einem Sozialforum mit Gewerkschaftern der CGT und der UNSA über Sicherheit im Bahnwesen. Der Verkehrs-Onlinedienst ville-rail-transports.com ironisierte, Farandou habe “sich an eine gewisse soziale Ader erinnert”.

Doch die Geste kam gut an. Unterstützung der Belegschaft und der Gewerkschaften wird bei den bevorstehenden Umbrüchen unerlässlich sein. Ab 2020 werden keine neuen Anstellungen mehr mit dem bisherigen komfortablen “Eisenbahnerstatus” stattfinden, das Sonderrentensystem wird abgeschafft, der Staat fordert stringentere Finanzplanung, die Nah- und Fernverkehrsmärkte werden gemäß dem 4. Eisenbahnpaket der EU liberalisiert. Derzeit beschäftigt die SNCF-Gruppe 270.000 Personen in aller Welt und hat einen Jahresumsatz von 33 Milliarden Euro. (bm/hfs)

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