Kurswechsel: Polnische PESA soll strategischen Investor bekommen

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Der wichtigste polnische Bahnhersteller PESA Bydgoszcz soll zur besseren Zwischenfinanzierung seiner Aufträge bis Ende März einen strategischen Investor aufnehmen, fordern die Hausbanken des Unternehmens. Zur Umstrukturierung gehört die Konzentrierung der Produktion auf gewinnträchtige Aufträge.

Von Hermann Schmidtendorf

Im Juni 2017 übernahm der bisherige Vizepräsident Robert Świechowicz den Präsidentenposten des polnischen Bahnfahrzeugproduzenten PESA. Unter seinem Vorgänger Tomasz Zaboklicki war der frühere Reparaturbetrieb der polnischen Staatsbahnen PKP zu Polens führendem Produzenten von Lokomotiven, Triebzügen und Straßenbahnen aufgestiegen. Das Unternehmen punktete auch mit Exportaufträgen für Italien und Deutschland. Doch die Finanzierungsbasis hielt nicht entsprechend Schritt. Anfang Januar übernahm der vorherige Präsident der staatlichen Kohle-Holding Krzysztof Sędzikowski die Leitung bei PESA mit dem Auftrag, fällige Umstrukturierungen durchzuführen.

Manchmal ist weniger mehr
„PESA hat sich in den letzten Jahren sehr dynamisch entwickelt. Doch mit dieser Entwicklung haben die nötigen Änderungen der Steuerungsmethoden der Firma und der Festlegung der Prioritäten nicht Schritt gehalten“, erklärte jetzt Sędzikowski gegenüber bahn manager. „Wir arbeiten an der Verbesserung der Managementsysteme. Eines der Elemente der Restrukturierung ist die Korrektur der Herangehensweise an Ausschreibungen, die Bewertung von Angeboten und Projekten im Hinblick auf die erreichbare Handelsmarge. PESA muss nicht an jeder Ausschreibung teilnehmen. Es ist besser, weniger Ausschreibungen zu gewinnen, aber dadurch ein geringeres Risiko der Umsetzung und besseren Gewinn zu haben. Auf der anderen Seite investierte PESA in den letzten Jahren in Entwicklung, Innovation, erwarb Kompetenzen und Erfahrung. Dieses Potenzial ist ein riesiges Kapital für die Zukunft.“

In der Vergangenheit hatte PESA mehrfach Aufträge angenommen, die dann nicht termingerecht ausgeführt wurden. Das hatte empfindliche Vertragsstrafen zur Folge. Auch entstanden komplette Neuentwicklungen von Fahrzeugen wie die Langstrecken-Elektrotriebzüge Dart, die wegen der kurzen Erprobungszeit Kinderkrankheiten aufwiesen. Das neue Strategiekonzept sieht jetzt eine Konzentrierung auf erprobte Produkte vor, bei denen auch eine genügende Gewinnmarge zu erwarten ist.

Viele mögliche Kandidaten
Ende letzten Jahres führte die Vielzahl in der Realisierung befindlicher Verträge zu einer Unterfinanzierung des Unternehmens. Es erhielt 200 Millionen Zloty Kredit mit der Maßgabe der Hausbanken, bis Ende März einen strategischen Investor ins Haus zu holen, der die Kapitalbasis erhöht. Im Gespräch sind der polnische Konkurrent NEWAG und das schweizerische Unternehmen Stadler sowie möglicherweise der chinesische Gigant CRRC. Als wahrscheinlichste Variante wird derzeit das Zusammengehen mit der polnischen staatlichen „Agentur für die Entwicklung der Industrie“ gesehen. Diese ist bereits Eigentümer des Bahnwaggon-Herstellers H.Cegielski Fabryka Pojazdów Szynowych (FPS) in Poznań sowie Mehrheitsaktionär des in ganz Polen aktiven EVUs für Regionalverkehre Przewozy Regionalne (PR). Dieses erwarb Mitte 2017 mit ARP-Mitteln Dieseltriebzüge der PESA-Baureihe Link, die mit Zulassung für Polen und Deutschland bei der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) im Einsatz sind und auch von der Deutschen Bahn bestellt wurden.

Die an Deutschland grenzende Wojewodschaft Lubuskie erwarb von PESA vier zweiteilige Link-Triebzüge, die entgegen der Vertragsfestlegung keine Zulassung für Deutschland hatten. Bis 2019 wird PESA nunmehr zwei weitere Link-Züge liefern, diesmal aber auch für den Einsatz auf deutschen Gleisen. Auch zwei dreiteilige Link-Triebzüge mit deutscher Zulassung sollen 2019 der Wojewodschaft Lubuskie zur Verfügung stehen, nachdem zuvor NEB und DB die entsprechenden zugelassenen Fahrzeuge aus eigenen Bestellungen erhalten haben werden.

Neue Straßenbahnen für Warschau
Im Januar 2018 unterschrieb PESA mit den städtischen Verkehrsbetrieben Częstochowa den Vertrag über Lieferung von 10 Straßenbahnen mit Rekuperation der Bremsenergie vom Typ Twist II. Das Warschauer Verkehrsunternehmen SKM entschied sich für den Kauf von 13 PESA-Elektrotriebzügen mit ETCS Level 2. Der erste von 21 bestellten Elektrotriebzügen der Baureihe Elf 2 für die Wojewodschaft Schlesien wurde zugelassen und ausgeliefert.

Nach eigenen Angaben hat PESA 3.500 Mitarbeiter und 1.800 Lieferanten und Produktionspartner mit insgesamt über 90.000 Mitarbeitern.

 

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