Länderspezial Belgien: Alles muss modern werden

in Bahnmarkt Europa von

Cedric Bummelt. Vorsätzlich führt er Personenzüge bis zu 40 Minuten verspätet ins Ziel. Seine Hoffnung: Fristlose Kündigung. Der Lokführer möchte gerne zur sofort besser zahlenden Konkurrenz.

Seit Januar des Jahres beobachtet Belgiens Presse den Bahn-Bummelanten unter dem Stichwort „Operation Schnecke“. 2016 stieg der belgische Güterfrachtverkehr um 7000 Güterzüge jährlich, vor allem durch erhöhte Nachfrage im Verkehr mit den Häfen Flanderns Antwerpen (64.964 Güterzüge in 2015), Gent (14.288), Zeebrügge (11.015). Die Zahl der „effektiv gefahrenen“ Güterzüge 2015 stieg im Vergleich zum Vorjahr auf knapp 140.800 Züge, erklärte im August 2016 Verkehrsminister François Bellot. Zwar ist dies bei 10 Prozent Anteil der Bahnen am belgischen Güterverkehrsaufkommen ein deutlich steigerungsfähiges Ergebnis. Dennoch treibt diese erfreuliche Tendenz private Mitbewerber der Staatsbahn dazu, dringend gesuchten Lokführern doppelt so viel wie dort zu zahlen und zudem mit Firmenwagen, Tankkarte und Smartphones zu locken.

Güterverkehr im Aufwind

Erstes privates EVU Belgiens war die im Jahr 2000 gegründete Dillen & Lejeune Cargo (DLC). Das Unternehmen konzentriert sich auf Transporte von Containerganzzügen in Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Nachdem die schweizerische Crossrail und DLC im Jahr 2008 fusionierten, firmiert die frühere DLC nun als Crossrail Benelux. Weitere Genehmigungen im Güterverkehr erhielten die zur französischen Staatsbahn SNCF gehörende FRET, die deutsche Rail4chem (seit 2012 Rail4Captrain) sowie im Dezember 2006 Trainsport, ein zur zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden agierenden Rurtalbahn (RTB) Cargo GmbH gehörendes EVU. DB Cargo bietet dreimal wöchentlich Nachtverbindungen vom deutschen Gremberg zum Hafen Zeebrügge an. Mehrfache Umbenennungen und Umstrukturierungen hat das 2005 aus der Staatsbahn ausgegliederte Güterverkehrs-EVU B-Cargo erfahren. 2011 erfolgte unter dem Namen „SNCB Logistics“ die Privatisierung. 2015 übernahm das Private Equity-Unternehmen Argos Soditic 69 Prozent der Anteile, NMBS/SNCB wurde zum Minderheitspartner. Seit 2017 firmiert das Unternehmen als Lineas und führt mit Töchtern in Frankreich, Deutschland, Italien und den Niederlanden Güterverkehr unter Markennamen wie IFB und Xpedys durch. 2014 belief sich das Ebitda auf 11 Millionen Euro bei einem Umsatz von 452 Millionen Euro. Lineas verfügt über eine Flotte von 200 Loks und 7000 Wagen.

SNCB im Modernisierungsschock

Die Geschichte der belgischen Staatsbahn unter ihrem heute bekannten Namen begann 1926. Damals wurde die Société Nationale des Chemins de Fer Belges (SNCB) gegründet, flämisch Nationale Maatschappij der Belgische Spoorwegen (NMBS). 2005 wurden gemäß den europäischen Wettbewerbsregeln Frachtsparte und Infrastruktur abgetrennt. 2014 entstand die NMBS/SNCB als staatliche autonome Aktiengesellschaft für Personenverkehr. Die seit 2017 amtierende Bahnchefin Sophie Dutordoir hat eine grundlegende Modernisierung ausgerufen. Sie postuliert „Priorisierung von Projekten“ und „Strenge bei jedem investierten Euro“: „Parkplätze in Jamaika oder Bienenkörbe“ werde es mit ihr ebenso wenig geben wie „überdimensionierte Bahnhöfe“. Also beendete sie Projekte ihres Vorgängers mit zweifelhaftem Kosten-Nutzen-Verhältnis wie das Ticketsystem NDS und das Zugabfahrtssystem DICE. Die Kosten summierten sich bereits auf 50 Millionen Euro. Sie stoppte auch die Installation von WiFi in Zügen: „Es ist zu teuer, und die Telekom-Betreiber haben bestätigt, dass das gesamte Schienennetz bis Ende 2018 vollständig durch 2G, 3G und 4G abgedeckt sein wird“. 2017 beförderte NMBS /SNCB 230 Millionen Reisende – ein Anstieg von 3 Prozent gegenüber 2016. Allerdings sank die Pünktlichkeit von 89,2 Prozent im Jahr 2016 auf 88,3 Prozent in 2017. Vorrang hat deshalb die Digitalisierung mit den Stichpunkten Echtzeitinformation für Bahnbenutzer und technologische Hilfsmittel für das Personal. Apps und Fahrplanwebseiten sollen einfacher gestaltet werden und schadhafte Züge so schnell repariert werden „wie in der Formel 1“. Weiterhin könnten Einheitstarife mit anderen Verkehrsanbietern in Belgien und eine bessere Verwaltung der Budgets für Bahn und Mobilität in Bund und Ländern für mehr Bahnkunden sorgen.

2 Milliarden Euro für neue Züge

Derzeit sind 40 Prozent der Fahrzeuge der NMBS/SNCB älter als 30 Jahre. Deshalb sollen bis 2022 etwa 2 Milliarden Euro in neue Lokomotiven, Triebzüge und Wagen investiert werden. Rollmaterial mittleren Alters wird komplett modernisiert. Etwa 300 Millionen Euro des 3,2 Milliarden Euro umfassenden Investitionsprogramms 2018 – 2022 gehen in Werkstätten und Instandhaltungszentren für Rollmaterial. Bis 2023 wird zudem die gesamte Flotte mit ETCS ausgestattet sein. Im Verhältnis zu 2014 soll die Staatsbahn bis 2022 um 4.400 Mitarbeiter reduziert werden. Doch, so Dutordoir, dies werde vor allem Verwaltungsstellen betreffen, von denen bei Pensionierungen nur jede zweite bis fünfte Stelle neu besetzt werde. Die Idee des Dutordoir-Vorgängers Jo Cornu, die Zugbegleiter abzuschaffen, ist vom Tisch. Dafür erwartet Dutordoir von den Eisenbahnern eine anderweitig zu realisierende Produktivitätssteigerung von 4 Prozent pro Jahr mit Laufzeit bis 2022. Schlummerposten sind auch bei einer modernisierten kunden- und arbeitnehmerfreundlichen belgischen Staatsbahn nicht vorgesehen. (hfs)

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