Länderspezial Spanien: Ärmel hoch und los!

in Bahnmarkt Europa von

Der AVE ist das Star-Produkt des spanischen Infrastrukturmarktes. Die Nachfrage ist so groß, dass Züge fehlen – jetzt sollen es Innovation und Internationalisierung richten. 

Von Stefanie Claudia Müller, Madrid

Iñigo de la Serna ist fesch. Der 47-Jährige fällt nicht nur durch sein lässiges Äußeres auf, sondern auch durch seinen frischen Elan und seine Direktheit. Er hat keine Angst vor Fernsehkameras und bringt damit frischen Wind in den klebrigen und ranzigen spanischen Politikalltag. Der spanische Minister für Infrastruktur und Bau hat sich schon als Bürgermeister von Santander, wo er seit 2008 das Konzept „Smart City“ entscheidend voran brachte, einen Namen als einer der wenigen technisch agilen spanischen Politiker gemacht. Nach seinem Erfolg in Santander will er nun Spanien zur Referenz in Sachen moderner und internationaler Infrastruktur machen. Unternehmen wie ACS, Talgo, Ferrovial, FCC, Abertis und CAF sind schon heute weltweit führend in ihren Bereichen. Derzeit gibt es unter anderem Hochgeschwindigkeits- Projekte mit ihrer Beteiligung in Kalifornien, Großbritannien und Schweden. De la Serna will daraus noch mehr Profit schlagen für das Label „made in Spain“. Deswegen hat er einen Plan präsentiert mit 110 Initiativen, um die derzeitigen Aufträge von spanischen Infrastruktur-Unternehmen im Ausland, darunter auch Renfe, in der Höhe von 2,5 Billionen Euro richtig zu rentabilisieren für die eigene Wirtschaft. Dazu soll eine zentrale Schaltstelle entstehen, um die internationalen Aktivitäten der Branche besser zu koordinieren und zu promoten.

Neue Prioritäten setzen
Der Bau- und Transportsektor muss seiner Meinung nach alte Denkschemata aufgeben: „Häuser und Straßen bauen, kann nicht das einzige Wohl der Wirtschaft sein. Wir müssen umdenken.“ Damit meint er aber vor allem, dass Spanien endlich das Image der 70er Jahre verlieren muss, als der Slogan galt: „Qué inventan ellos“ (sollen die anderen doch erfinden): „Wir müssen Prozesse wie Digitalisierung und Internet of Things (IoT) anführen. Das Know-how müssen wir exportieren. Spanien sollte seine Städte und Umschlagplätze technologisch besser verbinden über die Smart-City- Modelle. Das Talent dazu haben wir.“ Das Vorbild ist für ihn auch immer Deutschland: „Das Land ist eine Referenz für Logistik.“ Spanien hat bereits die besten Autobahnen in Europa und auch ein weitgefächertes Hochgeschwindigkeitsnetz, deswegen hat das Bauministerium in den ersten neun Monate 2017 „nur“ Bauausschreibungen von einem Volumen von 4 Mrd. Euro veröffentlicht. Das waren immerhin 16 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die größten Investitionen erfolgten allerdings immer noch in das Straßennetz, mit 1,9 Milliarden Euro, eine kleine Steigerung von zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ins Schienennetz flossen in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 444 Millionen Euro, 16 Prozent weniger als im Vorjahr, aber die stärksten Einbußen mussten die spanischen Häfen hinnehmen, wo 45 Prozent weniger investiert wurde bis September 2017.

Privatisierung vorantreiben
Ein Jahr ist de la Serna jetzt im Amt und er hat schon viel erreicht in seinem bisher teilweise chaotischen Ministerium und in einem mit Korruption belasteten Sektor. Der konservative Politiker setzt dabei auch auf private Partner. Um noch effizienter und damit rentabel zu werden auf den Zugstrecken, wird zum Beispiel der Güterbereich von Renfe, Renfe Mercancías, demnächst auch einen Teilhaber bekommen. Bis 2019 wird ein neues Unternehmen gegründet , an dem der zukünftige Partner, die Hälfte des Kapitals halten würde. Weiterhin soll ein digitales Steuerungszentrum geschaffen werden, um zwischen den vielen staatlichen Transport- und Infrastruktur-Unternehmen Renfe, Puertos del Estado (Hafenverwaltung), Seitt (staatliche Infrastrukturfirma), Aena (Flughafenverwaltung) und Ineco (Ingenieurgesellschaft) Daten auszutauschen und Synergien zu finden. Die Netzwartung und Sicherheitsprüfungen, die derzeit vom staatlichen Betreiber Adif übernommen wurden, wird jetzt auch in Teilen an Privatunternehmen delegiert, womit der Staat Geld sparen will, ohne bei der Sicherheit einbüßen zu müssen. Was durch die Digitalisierung erreicht werden soll: Bessere Transparenz bezüglich von Vorfällen auf dem Schienennetz und bessere Prävention. Zudem sollen alle Transport-Modalitäten besser miteinander verbunden werden, so dass „Tickets für einen oder anderen Weg einfach per Handy gebucht werden können“. Außerdem sollen im kommenden Jahr 275 Millionen Euro in die Verbesserung des Nahverkehrsnetz fließen, das aufgrund der hohen Luftverschmutzungswerte in Städten wie Madrid immer wichtiger wird. Und: de la Serna will 2018 auf dem spanischen Schienennetz erstmals Loks einsetzen, die mit Flüssiggas betrieben werden. Erste Testversuche gab es schon im vergangenen Dezember. Renfe hat einen Plan aufgestellt, bis 2020 Diesel-Loks teilweise durch andere Antriebsstoffe zu ersetzen: „Damit machen wir auf uns aufmerksam,“ sagt Alberto García, Strategie-Chef bei Renfe (s. Interview).

Mittelmeer-Korridor ausbauen
Und weil de la Serna Spaniens Transportwesen eingebunden sieht in Europa, setzt er auch auf den von der Vorgängerin etwas vernachlässigten Mittelmeer- Korridor: die Transportverbindung von Algeciras-Almeria/Murcia – Alicante/Valencia – Zaragoza / Barcelona – Marseille – Lyon – Turin – Mailand – Verona – Padua / Venedig – Triest / Koper – Ljubljana – Budapest. Hafenstädte wie Valencia forcieren die schnellere Umsetzung der Verbindungen, die noch lange nicht komplett funktionieren, auch wegen der verschiedenen Schienenbreite. In Spanien misst die Spur 1668 Millimeter statt der für Europa üblichen 1435 Millimeter. De la Sernas Investitions-Plan sieht deshalb auch vor, das spanische Schienennetz an die internationale Breite anzugleichen. Dafür sollen immer mehr spanische Güterverkehrzüge das Hochgeschwindigkeitsnetz benutzen können, denn das hat bereits die europäische Standardspur. Es soll teilweise sogar aus diesem Grund erweitert werden, um Strecken die auf dem normalen Passagierverkehr nicht genug Auslastung hätten, rentabel zu mache. Analysiert wird derzeit die Verbindung von Valencia mit den Häfen und Güterbahnhöfen von Castellón. Auch Murcia und Almeria, mit Anschluss an den bedeutenden Hafen von Algeciras, ist bereits in der Planung. Allerdings gibt es noch viel zu tun und zu investieren, damit dieser Korridor wie geplant bis 2025 Realität wird. De la Serna setzt derzeit vor allem auf die Hochgeschwindigkeitsverbindung Valencia – Barcelona,welche auf dem Schienengüterverkehr dienen würde: „In 2 Stunden könnten Touristen von einer Metropole in die andere pendeln und auch Pendeln von Arbeitskräften zwischen den beiden Städten ist so möglich. Das ändert unsere gesamte Wirtschaft, die bisher nicht sehr stark auf Mobilität ausgerichtet war.“

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