LNVG/METRONOM: NEUE TRAXX-LOKOMOTIVEN VERSTÄRKEN FUHRPARK

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Eitel Freude herrschte am 15. Oktober 2020 bei der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) und dem Bahnunternehmen metronom: Nach knapp zwei Jahren Bauzeit konnten zwei fabrikneue Lokomotiven der Baureihe 147.5 dem Betrieb übergeben werden.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager Magazin

Aufgrund eines von Dezember 2018 bis Dezember 2033 gültigen Verkehrsvertrags nach vorheriger Ausschreibung betreibt derzeit für die LNVG das Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) Metronom den Personenbahnverkehr auf den Strecken „Hansenetz und Uelzen–Göttingen“ Hamburg–Bremen, Hamburg–Uelzen und Uelzen–Hannover–Göttingen. Zum Einsatz kommen bei Bombardier hergestellte Doppelstockwagen mit Elektrolokomotiven vom Typ TRAXX und entsprechenden Steuerwagen.

Die Besonderheit in Deutschlands Regionen: Diese Loks und Wagen gehören zum Fahrzeugpool des Landes Niedersachsen und werden durch Metronom angemietet. Damit – so die Idee dahinter – kann sich jedes interessierte Unternehmen um die Ausführung ausgeschriebener Verkehrsleistungen bewerben, ohne selber bei der Fahrzeugbeschaffung in Vorleistung treten zu müssen. Die Zeit zwischen Ausschreibung und Ausführungsbeginn kann verkürzt werden, weil die LNVG in eigener Regie rechtzeitig für die Fahrzeugbeschaffung sorgt. So siegen überzeugende Konzepte in Verbindung mit günstigen Kosten, nicht aber das finanzielle Standing der Bewerber bei Fahrzeuganschaffungen.

Im Juni 2004 hatte die Tochter der Deutschen Bahn DB Regio gegen den Fahrzeugpool des Landes Niedersachsen Einspruch erhoben, was aber durch das Landgericht Celle am 2.September 2004 unter anderem mit diesen Worten zurückgewiesen wurde: „Die Vergabekammer hat mit Recht angenommen, dass die Antragstellerin in ihrem Recht auf Einhaltung der Vergabevorschriften nicht dadurch verletzt ist, dass die Auftraggeber den zukünftigen Auftragnehmer verpflichten wollen, die ausgeschriebenen Verkehrsleistungen mit Fahrzeugen zu erbringen, die ihm von der LNVG auf der Grundlage eines Mietvertrags zur Verfügung gestellt werden.“

WAGEN UND LOKS: FRISCHKUR FÜR WEITERE 15 JAHRE

Ende November 2019 erklärte die LNVG-Geschäftsführerin Carmen Schwabl, die Doppelstockzüge erreichten jetzt nach und nach die Hälfte ihrer Lebensdauer. Daher sei eine Tiefenerneuerung für die nächsten 15 Jahre Bahndienst angezeigt: „Das ist die größte Verjüngungskur auf Niedersachsens Gleisen in den vergangenen 20 Jahren. Wir sorgen mit der grundlegenden Erneuerung dafür, dass den Fahrgästen wieder Züge zur Verfügung stehen, deren Qualität fast an neue Fahrzeuge heranreicht.“ Diese so genannte „Hauptuntersuchung XL Doppelstockwagen (HU XL Dosto)“ werde für alle 257 Fahrzeuge, darunter je 37 Lokomotiven und Steuerwagen, voraussichtlich bis 2026 dauern. Die Doppelstockwagen werden im Bombardier-Werk Hennigsdorf (Brandenburg) modernisiert, die Lokomotiven bei Bombardier Kassel.

Der erste modernisierte Komplettzug ist seit dem 29.11.2019 bei Metronom unterwegs.

Damit auch Lokomotiven aus dem laufenden Betrieb ohne Verknappung an Rollmaterial in die Werkstattkur gegeben werden können, war die Anschaffung weiterer Fahrzeuge nötig. Dazu gehören die jetzt an Metronom übergebenen 6000 PS-starken Lokomotiven der neuesten Generation TRAXX 3 – (P160 AC3). Die erste von ihnen mit Bahnnummer 147 543 war bereits am 21. Februar 2020 auf dem Weg ins Betriebswerk Uelzen gewesen, hatte dabei aber einen technischen Defekt.

„Die neuen Loks sind energieeffizienter und haben niedrigere Instandhaltungskosten“,

beschreibt Thomas Nawrocki, Leiter Fahrzeugmanagement der LNVG, den Unterschied zu den seit 2003 eingesetzten Lokomotiven. Gegenüber dem bahn manager erläuterte der Pressesprecher der LNVG Dirk Altwig, zur Runderneuerung der Bestand-TRAXX gehören unter anderem die Anbindung der Lok an den Fahrzeug-Bus des Zuges, was bessere Diagnosemöglichkeiten bei Unregelmäßigkeiten bedingt. Die Lokführer erhalten moderne, komfortablere ergonomische Sitze. Das Spitzenlicht der Lokomotiven wird auf energiesparende LED umgestellt, eine gesonderte Kamera verbessert die Rückwärtssicht. Natürlich ist auch eine Neulackierung inbegriffen. Jede Lok-Modernisierung dauert zwischen sechs und acht Wochen.

NEUE DOPPELSTOCKWAGEN

Im September 2020 verkündete die LNVG die Anschaffung weiterer 14 Doppelstockwagen für den Einsatz beim Metronom. Rund um die Metropolregion Hamburg steigt das Fahrgastaufkommen seit Jahren immer weiter an, hieß es. Das sei vor allem zur Hauptverkehrszeit in den Zügen merkbar, wenn viele Pendler unterwegs sind und zum Teil die vorhandenen Kapazitäten schon nicht mehr ausreichen. Die neuen Fahrzeuge sollen im Jahr 2022 in den Betrieb gehen. Profitieren werden davon vor allem die Linie RB 31 zwischen Lüneburg und Hamburg und die Linie RB 41 zwischen Bremen und Hamburg. Denn auf diesen Linien sollen die Züge um einen Wagen verlängert werden, sodass die Züge dann mit sieben Wagen und rund 850 Sitzplätzen unterwegs sind. Damit diese längeren Züge aber auch an allen Haltepunkten auf der Strecke halten können, würden zusätzlich zur Beschaffung der weiteren Fahrzeuge auch noch die Bahnsteige in Klecken und Hittfeld verlängert.

Zudem soll durch die zusätzlichen Wagen ein weiterer Zug in Hamburg als ständige Reserve bereitgestellt werden, sodass beim Metronom schneller und flexibler auf Störungen im Raum Hamburg reagiert werden kann und so bestenfalls weniger Fahrten ausfallen müssen, da in Hamburg entsprechende Reserven bereitstehen. Das soll auch die Zuverlässigkeit beim Metronom weiter erhöhen. Insgesamt ist es bereits die sechste Lieferserie, die die Landesnahverkehrsgesellschaft seit 2003 bei Bombardier bestellt. Damit wird die landeseigene Gesellschaft dann 246 Doppelstockwagen im eigenen Bestand haben.

Die neuen Doppelstockwagen werden sie schon besitzen, die Bestandswagen werden jetzt mit ihnen nachgerüstet: Alle Wagen erhalten komplett neue Sitze – insgesamt rund 24.000 Stück. Die Sitze bekommen Klapptische mit Laptop-Halterung. An den Vierer-Sitzgruppen werden Steckdosen eingebaut. Eine leistungsfähige WLAN-Ausstattung ist ebenfalls vorgesehen. Die Wagen werden zudem mit Videoaufzeichnung für mehr Sicherheit ausgerüstet. Außerdem wird es Mehrgenerationen-Abteile für junge Familien und ältere Fahrgäste sowie zusätzliche Rollstuhlplätze geben. Die Zahl der Abteile erster Klasse wird zugunsten zusätzlicher Sitzplätze in der zweiten Klasse reduziert. Und eine frische Lackierung wird auch äußerlich für einen guten Eindruck sorgen.

Umgestaltet werden auch die WCs, hier kommen unter anderem Duftspender zur Verbesserung des Raumklimas zum Einsatz. Eine neue Gestaltung soll Vandalismus vorbeugen. Künftig leuchten in den Wagen energiesparende LED-Lampen. Der Einstiegsbereich der Fahrzeuge wird heller ausgeleuchtet. Neue Innen- und Außenanzeigen sorgen dafür, dass das Fahrziel des Zuges besser lesbar ist. Für blinde und stark sehbehinderte Fahrgäste werden Tastleisten an den Türflügeln nachgerüstet. Zur Fahrgastinformation im Innenraum gibt es neue Monitore. Pro Wagen werden bei der Erneuerung 1,8 Kilometer Kabel eingezogen.

ENGPÄSSE AUF HAMBURGS SCHIENEN – POLITIK MUSS MITZIEHEN

Im September 2020 hatte der Onlinedienst Drivest über die neuen LNVG-Doppelstöcker für Metronom spekuliert: „Ob diese 14 zusätzlichen Wagen allerdings auch wirklich für eine spürbare Entlastung sorgen werden, bleibt abzuwarten. Denn gerade zu Hauptverkehrszeiten und bei Sperrungen der Hamburger S-Bahn würden oftmals noch deutlich mehr Kapazitäten und dichtere Takte benötigt. Das Problem dabei ist allerdings, dass dafür eigentlich auch die Strecken ausgebaut werden müssten, die im Hamburger Raum nicht mehr viele zusätzliche Züge aufnehmen können.“

Genau in diese Richtung gehen auch die Hoffnungen und Erwartungen der Metronom-Leitung. „Wir würden die Kapazitäten zu den Metropolen Hamburg, Hannover und Bremen gerne erhöhen“, meinte Lorenz Kasch, kaufmännischer Geschäftsführer des metronom. „Hier sind häufigere Fahrten, z.B. im ½ Stunden-Takt, sinnvoll und notwendig, um die große Nachfrage auch künftig bedienen zu können.“

Torsten Frahm, technischer Geschäftsführer des metronom, ergänzt mit einem Appell an politische Entscheider und das Bahninfrastrukturunternehmen DB Netz: „Die LNVG handelt mit dem Modernisierungsprogramm vorausschauend und solide, so dass auch künftige Bedürfnisse der Fahrgäste erfüllt werden. Das erwarten wir auch von der Infrastruktur, also von Gleisen, Signalen und Oberleitungen. Um auch die künftige Nachfrage bedienen und die Verkehrswende schaffen zu können, brauchen wir kurzfristige Verbesserungen der Infrastruktur. Unsere Infrastrukturinitiative zeigt dafür den Weg.

Mit pragmatischen Lösungen könnten in drei bis fünf Jahren die schlimmsten Engpässe beseitigt sein, bevor die großen, langfristigen Baumaßnahmen irgendwann in ferner Zukunft starten.“

Gegenüber dem bahn manager ist sich Metronom-Pressesprecher Björn Pamperin jedenfalls mit seinem Geschäftsführer einig: „Wir freuen uns sehr über die neuen Loks und das Modernisierungsprogramm. Das sind die besten Voraussetzungen für einen modernen, leistungsfähigen Nahverkehr, wie wir ihn verstehen. Deshalb unterstützen wir die LNVG bei dem Programm, wo wir nur können.“

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