OPTIMALE BAHNWELT DER ALPEN – BIG DATA-KONFERENZ IN WIEN

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Am 31.10.2019 fand im Wiener Marriott-Hotel eine Bahnkonferenz statt unter dem englischsprachigen Titel „Alpine Rail Optimisation“, bahn manager war Medienpartner.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Die „Optimierung des Bahnwesens in den Alpen“ interessierte etwa 140 Vertreter von Eisenbahnen und Lieferanten vor allem aus Österreich, der Schweiz, Deutschland, Italien und Frankreich. Veranstalter der Konferenz war die britische Tagungsorganisation Rotaia Media unter Leitung von Ben Holliday.

„Diese Konferenz ist im Prinzip ein Spinn Off mit dem Schwerpunkt Alpenregion der Konferenzen zu Internet der Dinge und Big Data, die wir mit großem Erfolg jährlich in München ausrichten“, erläuterte gegenüber bahn manager Organisator Ben Holliday. „Es geht darum, wie Bahnunternehmen ihren Betrieb durch Nutzung von Datensystemen verbessern können.“

Zum Erfolg dieser Konferenzen trägt bei, dass die Teilnehmerschaft exakt zu gleichen Teilen aus Bahnbetreibern und ihren Ingenieuren sowie Anbietern moderner technischer Lösungen für den Bahnbetrieb besteht. Auch unter den Vortragenden wird diese Proportion eingehalten. Erwartungsgemäß waren die Österreichischen Bundesbahnen ÖBB mit einer besonders großen Abordnung erschienen. Das Eröffnungsreferat hielt ÖBB- Chief Information Officer Marcus Frantz.

„Schwerpunktmäßig sind wir dabei, ein Datenmodell für den gesamten Konzern zu etablieren, unter der Grundlage, dass alle das Gleiche darunter verstehen“, erläuterte Frantz dem bahn manager. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen über die Relevanz der Daten wissen und auch über die Prinzipien und Regeln, wie wir mit Daten umgehen. Denn nur, wenn wir die haben, sind wir in der Lage, darauf dann die eigentlichen Möglichkeiten, die mit den neuen Technologien einhergehen, also künstliche Intelligenz et cetera, überhaupt aufzusetzen.“ Mit den komplexen Aufgaben befassen sich sowohl Mitarbeiter aus den Fachbereichen, die in der Lage sind, Daten zu interpretieren, als auch Mitarbeiter aus der IT, die dann entsprechend die technischen Grundlagen dafür schaffen, dass die Daten gesammelt, gespeichert und eben analysiert werden können.

WICHTIGE SCHIENEN-MIKROSTRUKTUR

Interessante Einblicke in die Problematik, die passenden Schienen für bergige Bahnstrecken zu liefern, gab voestalpine-Cheftechnologe Dr. Albert Joerg. Erhöhte Belastung durch Klima und Radien auf Gefällestrecken erfordert ein spezielles Design des genutzten Stahls. Gesucht wird eine Mikrostruktur, die auch unter den dort herrschenden besonderen Belastungen resistent ist gegen vorzeitige Abnutzung und ein Rutschen der Räder vermeidet. Florian Auer, Technologiedirektor bei Plasser & Theurer, erklärte an Beispielen, wie mit modernen Maschinen digitale Inspektionen von Bahnstrecken vor sich gehen. Es gilt unter anderem, die Arbeitsparameter der Strecke festzustellen und mittels Künstlicher Intelligenz zu sehen, wo sich Auffälligkeiten ergeben. DB Netz-Digitalisierungs-Leiter Lazos Filippidis sprach 6 Bereiche an, in denen sein Unternehmen derzeit vor allem tätig ist. Wie auch bei anderen Bahnverwaltungen geht es darum, mittels intelligenter Nutzung gesammelter Daten die Zuverlässigkeit des Bahnverkehrs zu erhöhen und verfügbare Kapazitäten zu erweitern.

Dabei helfen will die Firma KONUX. Ihr Vertreter Benjamin Jansen erklärte dem bahn manager, wie ein kleiner, unscheinbarer gelber Kasten die Sicherheit von Weichen verbessern und die Unterhaltskosten reduzieren kann.

Der kleine Kasten enthält ein Sensorenpaket und ist Teil der Konux-Predictive Maintenance Solution für Eisenbahnweiche, so Jansen: „Wir haben hier eine End-to-End-Solution. Die besteht zum einen aus dieser Sensor-Box, die im Gleis auf den Eisenbahnschwellen bei Weichen verbaut wird. Außerdem gibt es auch eine Plattform dazu bei uns, die wir betreiben, wo wir mit Machine E-Learning und Artificial Intelligence-Algorithmen arbeiten, das heißt, die ganzen Daten, die dort ankommen, analysieren wir. Wir erkennen dort Trends.“ Die gelbe Box enthält unter anderem Beschleunigungssensoren, Tilt-Sensoren, aber auch eine Temperaturmessung. Dank eingebauter Batterie funktioniert die Box dann wartungsfrei für die nächsten vier bis fünf Jahre, komplett autonom. Zur Datenanalyse weiter Jansen: „Wir ziehen die Erkenntnisse aus der Vielzahl der Daten heraus und bearbeiten sie so auf, dass der Anwender dann später über das User-Interface, über die Benutzeroberfläche, nur die wichtigen Dinge sieht. Der will wissen, geht es meiner Weiche gut, und wenn nicht, was muss ich tun. Wir können schon bis zu 90 Tage in die Zukunft gucken.“ Damit könne Wartung besser geplant werden, so dass es weniger Ausfälle auf der Strecke, weniger Verspätungen und niedrigere Kosten gäbe.

AUTOMATISCHE BREMSPROBE

Günter Petschnig von der Firma PJM erklärte dem bahnmanager ein anderes interessantes Projekt, das sein Unternehmen mit den Schweizerischen Bundesbahnen SBB Cargo und ÖBB Rail Cargo durchführt – die automatische Bremsprobe: „Wir haben 2017 ein Projekt gestartet für die In Train-Kommunikation. Das heißt, wir können von einem mobilen Device zu den Wagen funken, und als erste Applikation auf dieses System wurde dann die automatische Bremsprobe ausgewählt, die man im Güterverkehr umsetzen will. Wir sind jetzt in der finalen Zulassungsphase dieses Systems, über hundert ersten Fahrzeuge sind damit ausgerüstet, und die Zulassung steht kurz bevor.“

Bei dem neuen System funken die Wagen ihren Bremszustand auf das Tablet des Lokführers, so dauert die Bremsprobe nur noch etwa vier statt wie bislang 40 Minuten. Peltschnig: „Das erhöht natürlich auch den Durchsatz der Kapazitäten an den Ladeorten und Endladeorten. Es gibt Kunden, die haben Probleme, dass sie zum Beispiel nur einen Verkehr am Tag fahren können, weil die Zugvorbereitung einen Großteil der Zeit verschlingt. Und wenn man das dann jetzt automatisieren kann, wird es natürlich deutlich effizienter und ermöglicht der Bahn auch, dass viel mehr Fracht in kürzerer Zeit transportiert werden kann.“

Bei den polnischen Staatsbahnen PKP waren über Jahrzehnte Elektrotriebzüge der Baureihe EN 57 das Rückgrat des Regionalverkehrs. Die Armaturen des Führertisches muten heute arg archaisch an. Doch Polen leistete sich für dieses und andere Triebfahrzeuge einen westlichen Luxus: ein Geschwindigkeitsmess- und Registriergerät der Schweizer Firma Hasler. Zuverlässig und exakt arbeiten auch heute Produkte der Firma HaslerRail, versicherte dem bahn manager auf der Wiener Konferenz Geschäftsführer Dr. Diego Napolitano. Nur sind die heutigen Produkte stark digital: „Die heutigen Produkte basierend auf unserer Kernkompetenz beinhalten die Aufzeichnung von Fahrtdaten auf den Fahrzeugen, aber auch die Registrierung der Daten zum Beispiel des Energieverbrauchs. Unser weltbekanntes entsprechende Produkt dazu ist der Teloc. Dieser Teloc wird heute auch benutzt, um Daten nach außen zu transportieren und mit diesen Daten, mit Big Data und der Digitalisierung, Produkte zu anbieten für die Bahnwelt.“

Die nächste Big Data und IoT-Konferenz in München wird Ben Holliday am 15. und 16. April 2020 organisieren. Am 10.November 2020 geht es dann erstmals nach Stockholm – zur ersten Konferenz „Scandinavian Rail Optimisation“. Das Medienpatronat wird mit Vergnügen wiederum bahn manager übernehmen.

Unser Interview mit Ben Holliday auf Englisch ist als Video zu finden unter dem LINK: https://youtu.be/CUEFyPmkDLM, ein Gesamtbericht als Video unter dem LINK: https://youtu.be/vS7LjPDIE-8

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