Per Bahn in Frankreich und Italien? Den Streikkalender konsultieren!

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Frankreichs Parlament hat die Bahnreform beschlossen, doch die Gewerkschaften wollen bis Ende Juni weiter streiken und künden ihre Aktionen in einem “Streikkalender” an. Die Idee stammt aus Italien.

Von Hermann Schmidtendorf, Redaktion Berlin/Europa

In Frankreich werden sich die Gewerkschaften gut überlegen müssen, ob sie nach Ablauf des dreimonatigen Intervallstreiks erneute Ausstände planen. Denn das französische Parlament hat am 14. Juni das von Präsident Emanuel Macron forcierte Gesetz zur Reform der Staatsbahn SNCF angenommen. Verkehrsministerin Élisabeth Borne: “Wir haben ein notwendiges Gesetz beschlossen.” Die SNCF wird ähnlich dem Status der Deutschen Bahn in eine staatliche Kapitalgesellschaft umgewandelt. Neue Mitarbeiter müssen ab 2020 ohne die zahlreichen bisherigen Eisenbahner-Privilegien auskommen. Auch die Öffnung des Schienen-Personenverkehrs für Wettbewerber kommt schrittweise entsprechend den EU-Forderungen.

Die rechtzeitige Ankündigung der Eisenbahner-Streiks in einem offiziellen “Streikkalender” hatte geholfen, ein Chaos auf Frankreichs Schienen zu verhindern. Vorbild war Italien. Dort führt das Transportministerium seit mehreren Jahren die Seite “Scioperi in programma” – Geplante Streiks. Ein Blick auf die aktuellen Einträge auf der ministeriellen Webseite zeigt: Es geht hoch her im Stiefel am Mittelmeer.
Fast jeden Tag gibt es derzeit regionale, überregionale oder nationale Streikaktionen bei Eisenbahnern, dem Flugpersonal, im städtischen Transport oder an den Autobahnen. EVU-übergreifend streikten beispielsweise am 7. Juni Mitarbeiter der Staatsbahn FSI, des privaten Konkurrenten NTV und des lombardischen Regional-Bahnunternehmens Trenord sowie Mitarbeiter verschiedener Güter-EVUs wie Captrain Italia, SBB Cargo Italy und DB Cargo Italy zwischen 22.01 Uhr und 5.59 Uhr des Folgetages. Am 21.Juni werden ab 22.01 Uhr bis zum Folgetag um 5.59 Uhr mehrere Gewerkschaften des staatlichen Personen-EVUs Trenitalia in Mailand in Ausstand gehen. Warum ein 8 Stunden-Streik zu nächtlicher Stunde? Eine Vereinbarung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern garantiert seit längerem minimale Bahnverkehre im Land zwischen 6 und 9 Uhr sowie 18 und 21 Uhr.

Die meisten Streikaktionen der nächsten Zeit, auch im ÖPNV, sind lokalen Charakters und somit niederschwellig. Einen 24-stündigen nationalen Streiktag planen die Lastwagenfahrer am 18. Juni, am 5. und 21.7. sind nationale Streikaktionen im Flugverkehr angekündigt. Gut möglich, dass sich die Gewerkschaften nach Ankündigung konkreter Schritte der neuen Regierung wieder beruhigen. Insgesamt also – ruhig Zug fahren!

Italiens Staatsbahn FSI investiert derzeit massig in die Erneuerung des Fahrzeugparks. Bis Ende des Jahres sollen für den Regionalverkehr 285 neue Züge geliefert werden und ab 2019 weitere 450 neue Züge mit dem Namen Rockund Pop. Das berichtet der Strategiedirektor der Staatsbahn Dr. Fabricio Favara im Rahmen des Länderspecials Italien in einem Exklusivinterview in der neuesten Ausgabe 3/2018 des bahn manager. Der mastermind der Ferrovie dello Stato Italiane war schon einmal im bahn manager vertreten. In der Ausgabe 1/2017 erklärte er unserer Leserschaft den Kauf der Griechischen Staatsbahn OSE. Auch jetzt hat Dr. Favara wieder interessante Informationen zu bieten: Sein Unternehmen möchte die Auslandsumsätze auch mit dem Fernverkehr ab 2020 vervierfachen. Beruhigend: Politiker und Regierungen mögen in Italien häufiger wechseln, doch die wesentlichen Denker und Lenker bei der Staatsbahn sorgen für Kontinuität.

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