Polnischer Staatsfonds steigt bei PESA ein

in Bahnmarkt Europa von

Der dem polnischen Staat gehörende Polski Fundusz Rozwoju (Polnischer Entwicklungsfonds PFR) steigt beim Bahnfahrzeug-Hersteller PESA in Bydgoszcz (Bromberg) ein.

Von Hermann Schmidtendorf, Büro Berlin/Europa

Anfang März erhielt er das Exklusivrecht für Verhandlungen als neuer strategischer Investor. Damit bestätigte sich die Vorhersage von bahn manager (Meldung vom 8.2.2018), dass andere mögliche Interessenten wie Škoda oder CRRC nicht zum Zuge kommen würden. Der Entwicklungsfonds gehört zur staatlichen “Agentur für die Entwicklung der Industrie” (Agencja Rozwoju Przemysłu ARP). Diese ist bereits Eigentümer des Bahnwaggon-Herstellers H.Cegielski Fabryka Pojazdów Szynowych (FPS) in Poznań sowie Mehrheitsaktionär des in ganz Polen aktiven EVUs für Regionalverkehre Przewozy Regionalne (PR).

Aufgabe des strategischen Investors soll sein, bei PESA die zur Zwischenfinanzierung laufender Aufträge nötige Finanzdecke zu verstärken. Ein Bankkredit von 200 Millionen polnischer Zloty soll übernommen und zusätzlich eine Einzahlung von 100 Millionen PLN geleistet werden. In den letzten Jahren hatte sich der polnische Hersteller von Lokomotiven, Triebzügen und Straßenbahnen unter anderem durch Aufträge für polnische, italienische und deutsche EVUs derart dynamisch entwickelt, dass das Finanzierungsmanagement ins Hintertreffen geriet. Das Engagement des staatlichen Entwicklungsfonds reiht sich in Bemühungen des Regierungschefs Mateusz Morawiecki ein, mit dem 2016 verkündeten Programm “Luxtorpeda 2.0” ein neuzeitliches polnisches Bahnwesen mit starker Exportwirtschaft zu entwickeln. Luxtorpeda war in den 1930er Jahren ein populärer polnischer Dieselschnellzug, auf den sich heute polnische Eisenbahner mit Stolz berufen.

PESA und NEWAG zusammen?

Einzelne Fachmedien formulierten die Erwartung, der staatliche Entwicklungsfonds könne PESA und seinen südpolnischen Mitbewerber NEWAG jetzt “fusionieren”. Gegenüber bahn manager erklärte dazu NEWAG-Sprecher Łukasz Mikołajczyk: “Wir kommentieren derartige Meldungen nicht. Aber man kann schon sagen, das sind derart weit ausholende Spekulationen, dass man sie nur als Spekulationen bezeichnen kann.” Basis für die Mutmaßungen ist eine Anzeige des Unternehmens vom 24. November 2017 an die Warschauer Wertpapierbörse mit dem Titel “Information über den Beginn der Analyse potentieller strategischer Optionen”. Darin erklärte NEWAG: “Die Gesellschaft beabsichtigt, Gespräche mit dem Polnischen Entwicklungsfonds mitsamt den mit ihm verbundenen Subjekten zu führen oder denjenigen Fonds, deren Anteile des Investitions-Portfolios der PFR verwaltet.” Zu den “verbundenen Wirtschaftssubjekten” könnte demnächst auch PESA gehören. Laut genannter Börsennotiz könnten Inhalt der  angekündigten Gespräche auch das “mittelbare oder unmittelbare Engagement” des staatlichen Entwicklungsfonds bei NEWAG sein. Sollte es irgendwann zu einem solchen Engagement des PFR kommen, wäre das jedoch noch keinesfalls gleichzusetzen mit einer “Fusion” von PESA und NEWAG.

Wettbewerbsrecht bleibt wichtig

Tatsächlich hatte der Haupteigentümer der NEWAG Zbigniew Jakubas vor mehreren Jahren dem Haupteigentümer der PESA Tomasz Zaboklicki vorgeschlagen, beide Firmen zu vereinen, erklärte Jakubas Ende letzten Jahres. Doch Zaboklicki habe abgelehnt, “er hatte damals die Vision einer eigenständigen Tätigkeit.” Heute, so Jakubas, wäre eine “Konsolidierung mit PESA viel komplizierter durchzuführen”. Generell sei eine Festigung des polnischen Bahnproduzentenmarkts “unter dem Patronat des Polnischen Entwicklungsfonds” jedoch eine interessante Variante.

Bei einem eventuellen Engagement des Staatsfonds bei PESA und NEWAG gleichermaßen blieben Regeln des Wettbewerbs- und Antimonopol-Rechts zu beachten. Übernähme der Staatsfonds nur Minderheitsanteile, müssten beide Firmen weiterhin gegeneinander konkurrieren. Doch dem Staat als Miteigentümer beider Firmen könnte seitens der Mitbewerber ein Interessenkonflikt vorgeworfen werden. Es wären also juristisch gut durchdachte Varianten zu diskutieren, die sicher von der Konkurrenz eingehend analysiert würden.

Cluster Luxtorpeda 2.0

Im März 2017 wurde zur Modernisierung der polnischen Bahnbranche das Cluster “Forum für verantwortungsvolle Entwicklung Luxtorpeda 2.0” geschaffen. Mitglied wurden u.a. PESA, Siemens, PKP Intercity und DB Cargo, nicht aber NEWAG, Alstom, Stadler oder Bombardier. Mitte September 2017 verkündete der Produzent FPS H. Cegielski die Zusammenarbeit mit dem EVU Przewozy Regionalne bei der Entwicklung eines neuen Diesel-Elektro-Hybridzugs mit dem Namen “Plus”. Diesen Februar vereinbarten PKP Intercity und das staatliche Nationale Zentrum für Forschung und Entwicklung (Narodowe Centrum Badań i Rozwoju NCBiR) eine enge Zusammenarbeit im Rahmen des Programms Luxtorpeda 2.0. Entwickelt werden sollen neue Züge mit Höchstgeschwindigkeit 230 km/h. Wem die Herstellung der gemeinsam entwickelten Züge übertragen werden soll, ist nicht festgelegt.

Nach eigenen Angaben sind bei NEWAG 1.800 und bei PESA 3.500 Mitarbeiter beschäftigt.

zur Startseite