SBB-BILANZKONFERENZ: SCHEIDENDER BAHNCHEF MEYER LEGT POSITIVE BILANZ VOR

in Bahnmarkt Europa von

Zu einer Rückschau auf 13 Jahre Amtsführung des scheidenden Vorsitzenden Andreas Meyer, durchaus mit einer sprichwörtlich-wehmütigen „Träne im Knopfloch“, wurde die jährliche Bilanzmedienkonferenz der Schweizerischen Bundesbahnen SBB am 10. März 2020 in Bern.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Gemäß einer Empfehlung des Schweizer Bundesamts für Gesundheit begann die Konferenz eine Stunde später als geplant, damit die Journalisten außerhalb der Hauptverkehrszeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen konnten. So soll der Verbreitung des Corona-Virus entgegengewirkt werden. Demonstrativ begrüßten sich SBB-Chef Meyer und die Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar per Ellbogen-Kick und nicht per Handschlag.

Die Corona-Prävention beherrschte auch die Fragen der Journalisten. Meyer bestätigte, dass geprüft werde, an Fahrkarten- und Informationsschaltern das SBB-Personal durch eine durchsichtige Plexiglas-Scheibe vom Kundenbereich zu trennen. Im Tessin würden jede Nacht Züge komplett desinfiziert. Die SBB stelle dem Werkstatt- und Büropersonal Desinfektionsmittel zur Verfügung. Es sei aber unmöglich, jetzt jedem Reisenden solche Mittel bereitzustellen. An Bord von Zügen könnten auch Bundesbehörden aus Italien einreisende Passagiere kontrollieren. Es seien aber derzeit keine Einschränkung des Reiseverkehrs und keine eigenmächtigen Auswahlverfahren für Reisende geplant. Andreas Meyer:

„Kunden zurückweisen, das geht im öffentlichen Verkehr nicht!“

Dritter Vortragender in der Runde war der CFO der SBB Christoph Hammer. Dieser erklärte, die 32 größten Bahnhöfe der Schweiz hätten ihren Drittumsatz auf 1,6 Milliarden Schweizer Franken gesteigert. Insgesamt zeigte die Sparte Immobilien aber keine Umsatzsteigerung, weil strategiegemäß nur wenige Immobilien verkauft worden seien. Der Güterverkehr schloss leicht positiv ab, aber nur dank außerordentlicher Einmaleffekte. Da im Wege zu mehr Wettbewerb im Schienengüterverkehr staatliche Subventionen zusammengestrichen werden, seien zur Positionshaltung weitere Anstrengungen nötig.

Hammer erklärte auch die Abrechnungsmethoden im Konzern mit der Aufschlüsselung auf eigenwirtschaftliche sowie abgeltungsberechtigte Tätigkeiten. Die zweite Kategorie betrifft den Personen-Regionalverkehr sowie Ausgaben für die Bahninfrastruktur und Energie, bei denen die Haushalte des Bundes und der Kantone wesentliche Einnahmequellen sind. Deshalb werden auftauchende Gewinne dieser Bereiche zur Optimierung des Kostendeckungsgrads sowie zur Stärkung der Reserven verwandt. Zum eigenwirtschaftlichen Bereich zählen Immobilien, Güter- sowie Personenfernverkehr. Hier werden Gewinne zum Schuldenabbau sowie für Verbesserungen der Servicequalität, der Preise und für Innovationen eingesetzt.

In seinem Rückblick über 13 Jahre Amtszeit zeichnete SB-Chef Andreas Meyer eine vorwiegend positive Bilanz, verschwieg aber auch negative Ereignisse nicht wie die Lieferprobleme bei dringend benötigten Doppelstockwagen, technische Mängel an Zügen oder „die eine oder andere Personalentscheidung, die nicht so gut gegangen ist“. Er danke der Verwaltungsratspräsidentin für ihre Unterstützung trotz solcher Fehler. Frau Ribar unterstrich im Gegenzug: „Wir haben toll zusammengearbeitet, wir haben sehr, sehr viel zusammen bewegt.“ Zu den großen Verdiensten Meyers gehöre, dass er der SBB nach deren Heraustrennung aus der öffentlichen Verwaltung 1991 einen neuen Weg als modernes Unternehmen mit starken internationalen Verbindungen gewiesen habe: „Er hat diese Strategie zusammen mit seinen Kollegen und den Mitarbeitern entwickelt und der SBB diese Vision gegeben, die wir jeden Tag leben.“ „Kulturelle Transparenz“ im Unternehmen habe Meyer befördert, die SBB als Mobilitätsunternehmen etabliert, welches „die gesamte Schweiz zusammenhält“. Und: „Über all dem steht etwas, wofür Andreas immer gekämpft hat – die integrierte Bahn.“ Fahrbetrieb und Infrastruktur gehörten zusammen. Es sei Meyers Verdienst, dass es dabei in der Schweiz geblieben sei.

Auf Nachfrage eines frankophonen Journalisten erklärte Meyer in elegantem Französisch, dass sich das finanzielle Ergebnis des Unternehmens vor allem aus zwei Gründen geringer darstelle als erwartet: Es habe Ticketpreissenkungen in Höhe von 40 Millionen Schweizer Franken zu Gunsten der Kunden gegeben, weil diese unter mangelhaftem Service zu leiden hatten. Zum anderen habe es Sonderzahlungen an die Belegschaft in Höhe von 25 Millionen Franken gegeben, weil diese „das Unmögliche möglich machten“, Zug- und Personalmangel auszugleichen.

Freuen dürfen sich die Kundinnen und Kunden der SBB auch in 2020. Verkündet wurde, dass sie „zum dritten aufeinanderfolgenden Mal von Sparbilletten“ profitieren könnten. Der Umfang beträgt mindestens 100 Millionen Franken. Das entspricht dem Niveau des Vorjahres.

„Die ermässigten Sparbillette mit Rabattstufen bis zu 70 Prozent haben eine positive Wirkung auf die Kundenlenkung“, heißt es bei der SBB: „So wechselten rund 1,5 Millionen Kundinnen und Kunden von stark auf schwach ausgelastete Züge; dies sind rund 85 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.“ Zudem hätten rund ein Drittel aller Sparbillett-Kunden ohne den attraktiven Rabatt die Fahrt nicht oder mit dem Auto angetreten.

Das bahn manager-Video über die Medienkonferenz findet sich unter dem LINK

Nachfolger Andreas Meyers wird zum 1. April 2020 Vincent Ducrot. Bahn manager wird ein Exklusivinterview bekommen, nachdem sich der neue SBB-Chef eingearbeitet hat.

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