SNCF: ERSTER AUTONOMER ZUG BEI PARIS. BAHNCHEF PEPY GEHT

in Bahnmarkt Europa von

Rundum positiv bewertet Frankreichs Staatsbahn SNCF die ersten Fahrten eines autonomen Zuges im Raum Paris, zugleich gibt Bahnchef Guillaume Pepy seinen Amtsrücktritt zum Jahresende bekannt.

von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager 

“Ferngesteuerter Zug”, “Zugdrohne” – mit diesen Attributen berichtete die SNCF Anfang Juli über Zugfahrten, die bereits im April 2019 stattfanden. Ein Corail-Wagen war als mobiles Labor ausgebaut worden, weitere Bestandteile des Zuges waren ein Flachwagen und zwei Lokomotiven. Sie pendelten auf der vier Kilometer langen Strecke zwischen Villeneuve-Saint-Georges (Val-de-Marne) und Juvisy (Essonne) und wurden von einer einige Kilometer entfernt gelegenen Kontrollstation in Vigneux-sur-Seine (Essonne) gesteuert.

Die SNCF spricht von einem „großen Schritt“ in der Entwicklung autonomer Züge: “Dieses erfolgreiche Experiment hat die technische Machbarkeit der Fernsteuerung auf der Schiene gezeigt.” An der Lokomotive installierte Kameras gaben dem Zugführer in der Kontrollstation Sicht auf die Strecke, um angemessene Brems- und Beschleunigungsbefehle zu geben. Die Daten wurden über Satellit und ein privates LTE-Mobilfunknetz im 4G-Standard übertragen. “Dies ist eine großartige Premiere für das Schienensystem. Dieses erfolgreiche Experiment ist ein grundlegender Schritt für die Realisierung des Zuges von morgen”, freute sich Luc Laroche, Projektleiter bei der SNCF.

Vollständig automatisierte Güterzug- und TER-Prototypen sollen bei der SNCF 2023 funktionsfähig sein, bevor der reguläre Einsatz 2025 beginnt. Den Nutzen sieht die SNCF in verbesserter Regelmäßigkeit mit „einer harmonisierten und optimierten Verkehrsgeschwindigkeit“, einem reduzierten Energieverbrauch und einem besseren Umgehen “mit dem Unerwarteten”. Es könnten mehr Züge in engen Abständen auf die Strecken gebracht werden. Kooperationspartner der SNCF sind das technische Forschungsinstitut Railenium mit Sitz in Valenciennes, der Hersteller von elektronischen Systemen ACTIA, CNES und Thales.

Hand in Hand mit der Erprobung und Einführung neuer Technologien geht bei der SNCF planmäßig die Trennung von allen Aktivitäten, die nicht mit der Schiene verbunden sind. Verkauft wurden bereits die Busgesellschaft Ouibus und die Privatchauffeur-Plattform LeCab (an Snapcar). Jetzt war die Mitfahrzentrale IDVroom dran, neuer Eigentümer wurde Klaxit. Die neuen Lenker wollen das StartUp zu einer Plattform für aktive Fahrgemeinschaften ausbauen.

Damit wäre das siebenjährige neue Mobilitätsangebot beendet, das von SNCF-Präsident Guillaume Pepy initiiert worden war. Offenes Geheimnis ist in französischen Branchenkreisen, dass der Versuch, in allen möglichen Mobilitätsbereichen Angebote zu generieren, Millionen Euro versenkte, ohne Gewinne zu erzielen. Allein Ouibus häufte seit 2012 ein Defizit von 190 Millionen Euro an. “Mit unserer App „SNCF Personal Assistant“ haben wir eine Plattform geschaffen, auf der alle Mobilitätsangebote zusammengefasst sind. Jetzt überlassen wir die Verwaltung dieser Lösungen spezialisierten Unternehmen“, erklärte ein SNCF-Sprecher die Abkehr seines Unternehmens von der mobilitätspolitischen Omnipotenz.

Zum 1. Januar 2020 soll der Umbau der SNCF in Hinblick auf dann zugelassenen erhöhten Wettbewerb auf der Schiene abgeschlossen sein – ein guter Moment für den seit 2008 amtierenden SNCF-Chef, um sein Ausscheiden aus dem Amt zum Jahresende anzukündigen. “Der SNCF und ihren Kunden zu dienen, ist der bestmögliche Job, und ich hatte die Möglichkeit, elf Jahre lang für mein Land diese Aufgabe zu erfüllen”, erklärte Pepy in einem Artikel für die Finanzzeitung Les Échos, “aber ich möchte die Aufgabe nicht weiter ausfüllen.”

Die Ägide Pepy ist vor allem von Erfolgen geprägt. Massiven Streikwellen zum Trotz schaffte es der Bahnchef, mit beherzten Reformen das Verkehrsunternehmen zu modernisieren, lange vernachlässigte Investitionen in Infrastruktur und Rollmaterial in Gang zu bringen und einen Technologieschub voranzutreiben. Mit der Marke Ouigo wurde der Fernverkehr als komfortables Transportmittel zu günstigen Ticketpreisen neu definiert. Heute befördert die SNCF täglich 9 Millionen Menschen in 17.000 Zügen – ein deutlicher Sprung nach vorne gegenüber den Vorjahren.
Kein Wunder, dass manche französische Medien inzwischen den Bahnchef Pepy mit nostalgischem Augenschlag als “Transport-Ikone” betrachten. Weitere Bahnhöfe wie in Nantes, Rennes und Nîmes werden zu “Bahnhöfen der Zukunft” modernisiert, 33 Prozent der Umsätze werden im Ausland generiert, so Pepy: “Wir sind mit zwei Großaufträgen in der Zielgeraden: der Metro von Buenos Aires und der RER von Toronto.”
Nur eines bedauert der scheidende Bahnchef: „Nicht gelungen ist mir wie auch all meinen europäischen Kollegen, das “Bahn-Bashing” zu besiegen. Unsere Haupteisenbahnen in Europa leiden unter diesem ungerechten und blinden Phänomen. Anderswo auf der Welt ist unser Service gewünscht.”

Nachfolger von Guillaume Pepy könnte unbestätigten Meldungen zufolge der 1965 geborene Jean Castex werden. Der “énarque” – so werden in Frankreich Abgänger der Elite-Verwaltungshochschule ENA genannt – wird in der Nähe der Netzwerke von Nicolas Sarkozy eingeordnet, dessen stellvertretender Generalsekretär er am Elysee-Palast gewesen war. Castex soll auch eng mit dem derzeitigen Generalsekretär des Elysee Alexis Kohler verbunden sein. Castex ist derzeit Ministerdelegierter für große Sportveranstaltungen und Bürgermeister der Gemeinde Prades in den Pyrenäen. In der Regierung von Edouard Philippe war er für das Amt des Innenministers im Gespräch gewesen, doch dann kam ein anderer Kandidat zum Zug.

zur Startseite