SO VIELFÄLTIG WIE BERLIN – DIE INNOVATIONSLABS DER MOBILITÄTSBRANCHE

in Schwerpunkt von

Berlin gilt als eine der innovativsten Städte Deutschlands. Die Start-Up-Szene tummelt sich in der Stadt, Onlineplattformen wie Amazon testen hier neue Services wie Fresh, bevor sie am Markt ausgerollt werden und der IOT (Internet of Things) HUB der Bundesregierung befindet sich hier.

Hinzukommen unzählige Co-Working Spaces, in denen neue Arbeitsmodelle gelebt werden können. Kein Wunder also, dass sich auch Innovationsschmieden der großen Mobilitätsanbieter hier angesiedelt haben. Für viele Unternehmen sind Labs der erste Schritt in die Digitalisierung. Und so vielfältig wie die Digitalisierungsstrategien sind, so vielfältig sind auch die Aufgabenstellungen und Ziele in diesen Labs.

So steht zum Beispiel in der DB Mindbox die Gründerförderung im Zentrum. Mittlerweile seit drei Jahren befindet sich der Co-Working Space auf 720qm in den S-Bahn-Bögen der Jannowitzbrücke. Zusammen mit Startups arbeiten zehn DB Mitarbeiter als Startup Manager an innovativen Technologien, digitalen Anwendungen und Lösungen für Bahnkunden, die die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs weiter erhöhen sollen. Das Themenspektrum reicht von Instandhaltungsservices bis hin zu Personal und Marketing.

Die Startups werden 100 Tage lang dabei unterstützt, ihre Anwendung auf den Markt zu bringen. Dazu können sie die Co-Working Arbeitsplätze nutzen, erhalten Coachings und Mentorings wie bspw. Pitch-Trainings und können Live-Tests ihrer Prototypen durchführen.

Darüber hinaus erhalten sie ein Startkapital von 25.000 Euro sowie den Zugang zum DB-Netzwerk mit seinen Kunden, Experten, Daten und Märkten. Nicht nur für die Gründer ist das attraktiv, sondern auch für die Deutsche Bahn: Bisher haben sich weit über 1.000 Startups aus rund 30 Ländern für das Programm beworben. Mehr als 60 dieser Startups haben bereits eine Förderung erhalten, und mit rund 30 arbeitet die DB an konkreten Neuerungen rund ums Bahnfahren.

Zusätzlich dazu werden die Möglichkeiten der sog. Open Innovation und Development Szene genutzt. Regelmäßig finden in der DB Mindbox Hackathons statt, bei denen Entwickler, Mitarbeiter und Bahnfans zusammenkommen, um gemeinsam neue Lösungsansätze für verschiedenste Mobilitätsanforderungen zu finden.

Dazu werden Datensätze genutzt, die die DB seit 2015 unter freier Lizenz auf dem DB Open Data Portal zur Verfügung stellt. Sowohl die Hackathons als auch die Pitch-Veranstaltungen des Startup Programms sind öffentlich zugänglich, so dass die gesamte Bahnbranche profitieren kann, indem Themen gemeinsam weiter vorangetrieben werden können.

Wenden wir den Blick auf die Automobilbranche, sticht sofort das VW Digital Lab an der Stralauer Allee ins Auge. In den ehemaligen Fernsehstudios von MTV arbeiten heute rund 60 Mitarbeiter an Softwarelösungen für die VW Group, also über den gesamten Konzern hinweg. Das Lab ist nur eines von mehreren, die das Unternehmen aufgesetzt hat, um digitale Lösungen zu entwickeln. Seit 2016 arbeiten hier Entwicklerteams im sog. Pair-Programming zusammen. D.h. zwei Entwickler arbeiten gleichzeitig und gleichberechtigt an einer Aufgabe – einer schreibt den Code, während der andere parallel die Qualitätssicherung durchführt. Im Team werden quasi in Echtzeit Entscheidungen getroffen, und sollte ein Mitarbeiter ausfallen, so braucht es keine lange Einarbeitung.

Das gesamte Lab ist nach dem Lean Startup-Ansatz aufgebaut, angefangen beim optionalen gemeinsamen Frühstück über das tägliche Stand Up aller Mitarbeiter, um für die Teams relevante Informationen auszutauschen oder Hilfestellung geben zu können, bis zu den einzelnen Teams, welche die am Tag anstehenden Arbeitspakete für alle erläutern bis zum Feierabend um 17h.

Aufgrund des Pairings herrschen klare Arbeitszeiten. Disziplin und Transparenz werden an allen Stellen großgeschrieben. Die aus Entwickler, Designer und Produktmanager bestehenden Teams zeigen den Status ihres Produktes an ihrer Teaminsel für alle sichtbar. In sog. Retros wird jeweils teamintern besprochen, was in der Woche gut gelaufen ist und wo Verbesserungspotential ist. So lernen alle voneinander.

Mein regelmäßiger Arbeitsplatz befindet sich in der Factory Berlin. Hierbei handelt es sich um eine Gemeinschaft von etwa 3.500 internationalen Innovatoren aus unterschiedlichsten Fachbereichen: Vom Yogalehrer über agile Coaches bis hin zu Blockchain Experten.

Die Mitglieder bewerben sich mit ihren Fähigkeiten und ihrem Know-how um eine Mitgliedschaft. Die Welt ein bisschen besser zu machen ist ihr gemeinsames Ziel. Hauptgedanke der Factory ist es, möglichst unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, um die Stärken der unterschiedlichen Experten zu verknüpfen und durch querdenken sowie das Ändern des Blickwinkels etwas Neues zu schaffen.

Die Siemens Mobility hat dort im November 2017 ein Innovation Hub und Projekt Lab eröffnet. Ein etwa 45qm großer Raum mit zwei großen Schreibtischen und je sieben Sitzplätzen sowie viel Whiteboardfläche an den Wänden. Es ist der Raum, wo für die Organisation die digitale Transformation startet. Dazu haben insgesamt rund 20 Mitarbeiter eine Factory Mitgliedschaft erhalten, um an Innovationen für ihren Fachbereich zu arbeiten. Die Definition, wie die einzelnen Mitglieder die Factory nutzen ist ihnen, und ihren Führungskräften vorbehalten. Wichtig ist nur, dass eine Win-Win-Situation für den Fachbereich und das Lab und damit die Factory Community entsteht. So finden beispielsweise regelmäßig Kreativworkshops statt, bei denen die Factory Mitglieder moderieren und so die Kollegen für agile Arbeitsweisen begeistern.

Oder es werden zu konkreten Fragestellungen Experten aus der Community und als Partner in Projekten hinzugezogen, deren Kompetenzen im Unternehmen nicht vorhanden sind. Dabei entstehen einerseits neue Produkte und Lösungen rund um die Schieneninfrastruktur und das intermodale Reisen, hinter denen oftmals neue Geschäftsmodelle stehen oder neue Technologien rund um IoT und Blockchain, die in der Mobilitätsbranche bisher nur selten zum Einsatz kommen. Auch an cross-industriellen Angeboten wie Musik in Kombination mit Mobilität arbeiten die Teams. Andererseits haben sämtliche Mitarbeiter des Unternehmens die Möglichkeit, für sie neue Arbeitsweisen und -methoden wie Design Thinking, Lean Startup oder auch Co-Creation kennenzulernen und die Erfahrungen daraus zurück in ihre Fachbereiche zu tragen.

Dies sind nur drei Beispiele, wie ein Innovation Lab aussehen kann. Was sie gemeinsam haben: Alle sind so aufgebaut, dass sie bewusst andersartig sind als andere Unternehmensbereiche und so traditionelle Formen der Zusammenarbeit aufbrechen, und doch spiegeln sie gleichzeitig den Charakter des Unternehmens wider. So finden sich zum Beispiel in manchen Labs die gleichen Kaffeemaschinentypen oder auch Standardmöbel wie in der Unternehmenszentrale in Kombination mit kreativen Arbeitsmitteln und -methoden. Auch arbeiten in allen Innovationseinheiten Mitarbeiter aus Linienfunktionen der Konzerne, die zusammen mit Menschen außerhalb der Unternehmen bzw. neu rekrutierten Mitarbeitern etwas Neues schaffen. So wird versucht, die Identität des Unternehmens in das Lab zu tragen und umgekehrt. Inwiefern dieser Weg erfolgreich ist, hängt von der Aufgabenstellung und Zielsetzung der Innovationseinheit sowie dem Digitalisierungsreifegrad des Unternehmens ab. Es bleibt spannend zu beobachten, wie stark sich die Arbeitsweisen der Labs zukünftig auch in den Organisationen wiederfinden werden.

JULIA HOLZE: Sie ist Head of Product Marketing bei Siemens Mobility und Co-Gründerin von Feed your rebel. Ihr Herz schlägt für digitale Innovationen und Design Thinking.

zur Startseite
nach oben gehen