SPD BERLIN: ERINNERUNG AN DEN DEUTSCH-POLNISCHEN BAHNHOFS-GÄNSESTALL

in Bahnmarkt Europa von

Den 80. Jahrestag des Beginns des 2. Weltkriegs nahmen die AG Polen und der Fachausschuss Mobilität der Berliner SPD zum Anlass, mit dem Zug in die Vergangenheit zu fahren.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Kaum ein deutscher Zugreisender weiß heute, warum auf der Strecke von der deutsch-polnischen Grenze nach Posen/Poznań in kurzem Abstand zwei Bahnhöfe mit ähnlich klingendem Namen passiert werden: Zbąszynek und Zbąszyn. Letzterer war bis zum Ende des 1. Weltkriegs ein wichtiger Bahnknotenpunkt im Deutschen Reich, die Stadt hieß Bentschen. Doch mit der Wiedergeburt des polnischen Staates im Versailler Vertrag wurde die Grenze zu Deutschland direkt westlich von Bentschen gelegt. Polen baute den Bahnhof nach eigenen Bedürfnissen als Grenzbahnhof um, Deutschland musste sich einen komplett neuen Bahnhof im Westen der Grenze mitsamt einer Stadt errichten – Neu Bentschen. Nach 1945 kamen beide Städte zu Polen.

In den Wochen vor dem deutschen Überfall auf Polen und somit dem Beginn des 2. Weltkriegs waren die Bahnhöfe Ort dramatischer Geschehnisse, berichtete den Berliner Geschichtsreisenden am historischen Ort, dem Bahnhof Neu Bentschen, der Leiter der Polen-AG Dr. Jürgen Murach: “Schon Wochen vor Kriegsbeginn nutzten Geheimagenten des Deutschen Reichs die Korridorzüge von Deutschland nach Ostpreußen, um das Gelände auszukundschaften. Wenn ein Krieg beginnt, versucht die überfallene Seite, die Brücken zu sprengen, und die andere Seite, also die deutsche Wehrmacht, hat versucht, die Sprengungen zu verhindern. Das ist bei der Korridorstrecke über die Weichsel-Brücke nicht gelungen, die polnischen Soldaten konnten sie sprengen. Zwischen Bentschen und Neu Bentschen kam es zu keiner Sprengung, aber die feindlichen deutschen Truppen konnten im Bahnhof Zbąszyn über einen Tag aufgehalten werden. Die polnischen Soldaten haben unter schwierigsten Bedingungen tapfer gekämpft. Sie waren nur mit Fahrrädern und Waffen ausgestattet. Die Deutschen waren hoch motorisiert.”

Es gibt immer noch Erstaunliches zu berichten, so Murach: “Die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza hat kürzlich herausgearbeitet, dass auf polnischer Seite 9 000 Deutsche gekämpft haben, die der deutschen Minderheit in Polen angehörten. Das ist schon bemerkenswert.” Neu Bentschen war in der Zwischenkriegszeit mit 1500 Einwohnern eine Kleinstadt, doch das bis heute erhaltene Bahnhofsgebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit und die Eisenbahnersiedlungen waren architektonische Perlen.

Murach: “Es gab ja auch hoffnungsvolle Zeiten einer Tauwetter-Periode Ende der zwanziger Jahre. In Neu Bentschen ist ja ein hochmoderner Bahnhof für den wirtschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und Polen und auch für den Personenverkehr entstanden.” Dazu diente ein schmuckes Gebäude, das auf dem mittleren Bahnsteig bis heute vorbildlich restauriert steht und exakt wie damals aussieht – nur dass das deutsche Schild “Zollabfertigung” fehlt. Und – kaum denkbar in heutigen Zeiten – auf dem Zollbahnsteig gab es einen Gänsestall, da Polen mit Deutschland damals regen Handel mit lebenden Gänsen betrieb…

Ein unrühmliches Kapitel war 1938 die sogenannte Polenaktion. An sie erinnert heute an der Bahnhofswand in Zbąszynek eine große Gedanktafel. Mit dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich befanden sich etwa 20.000 dort lebende polnische Juden in deutschem Einflussgebiet. Polen wollte verhindern, dass diese massenhaft nach Polen zurückkehrten, und beschloss zu einem Stichtag die Ungültigkeit der polnischen Pässe all jener fünf Jahre und länger im Ausland lebenden Juden, die sich nicht vorher im polnischen Konsulat im Ausland einen Sichtvermerk holten. Deutschland kam den möglichen Folgen dieses Beschlusses zuvor und deportierte vor Ablauf der polnischen Frist etwa 17.000 polnische Juden direkt an die polnische Grenze. Ein Teil von ihnen wurde durch Polen in Zbąszyn unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert.

Was sagt der Sozialdemokrat Dr. Murach Deutschen, die von Weltkrieg und deutscher Schuld nichts mehr hören wollen, und Polen, die immer noch tiefe Skepsis gegen Deutsche hegen? “Beides ist falsch”, so Murach. “Wichtig ist, dass man den Austausch intensiviert, die Zusammenarbeit intensiviert sowohl in der Kultur als auch im Jugendaustausch. Das baut am besten Vorurteile ab.”

Mehr Austausch soll schon mal der Zugfahrplan für 2020 bringen. “Die erste Verbesserung wird es im Sommer nächsten Jahres geben, dann ist die Bahnstrecke von Posen nach Warschau saniert”. berichtet Murach. “Die Züge fahren dann über eine Stunde schneller, und es wird auch ein zusätzliches Zugpaar zwischen Berlin und Warschau eingeführt. Die PKP Intercity hat zugesagt, dass es bis 2023 einen Zweistundentakt zwischen Berlin und Warschau geben soll. Zum Fahrplanwechsel 2019/2020 wird es eine neue Frühverbindung von Stettin nach Berlin geben, schon vor sechs Uhr. Und was wichtig ist, auch eine Spätverbindung nach 22 Uhr 30. Nach Breslau sind auch Verbesserungen angekündigt, aber erst im Dezember 2021. Dann haben die DB und PKP zugesagt, dass es wieder einen Intercity vom Berlin nach Krakau tagsüber über Breslau geben soll.”

 

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