UBS: WEGEN CORONA – MEHR HIGHSPEEDZÜGE, WENIGER FLUGZEUGE

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Wegen der Viren-Pandemie schrumpft drastisch der Flugverkehr, Flugzeughersteller verlieren Milliardenaufträge, die Schweizer Großbank UBS prognostiziert für „Nach-Corona“ einen Boom bei Hochgeschwindigkeitszügen.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Jetzt greift die deutsche Lufthansa durch: Sie stellt den Flugbetrieb ihrer erst 2002 gegründeten Tochter Germanwings komplett ein. Der Billigflieger war seit einigen Jahren ausschließlich für die Tochter Eurowings im Einsatz gewesen. Auch dort sollen wie bei der Muttergesellschaft außerdem Flugzeuge am Boden bleiben, weil sie bei stark geschrumpfter Nachfrage nach Flugreisen derzeit nicht gebraucht werden. Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr hatte schon bei der Bilanzvorlage am 19. März einschneidende Veränderungen für Branche und Konzern angekündigt: “Wir haben eine kleinere Lufthansa-Gruppe vor uns.”

Dennoch glaubt der Milliardär Hermann Thiele weiter an den Flugkonzern, berichtete DIE WELT. Thiele ist Inhaber des Weltkonzerns Knorr-Bremse und seit 2019 auch Mehrheitsanteilseigner des Bahninfrastrukturunternehmens Vossloh. Anfang März kaufte er sich ein größeres Aktienpaket der Lufthansa. Nun hat er es auf zehn Prozent aufgestockt und ist damit der größte Einzelaktionär.

Die Schweizer Großbank UBS geht In einer 118 Seiten starken Analyse davon aus, dass eine Mischung aus Corona-Krise und Klimawandel dazu führen könne, dass innerhalb der EU sowie in China mehr Flugreisen auf die Bahn verlagert werden und Hochgeschwindigkeitszüge an Bedeutung gewinnen. Die Studie trägt den Titel “Zug oder Flug? Das Reisenden-Dilemma nach Covid-19 und vor dem Hintergrund der Sorgen um den Klimaschutz”. Darin berichtet die Bank über ihre repräsentative Umfrage unter 1000 Personen, der zufolge Geschäftsreisende in der EU nunmehr bereit seien, sich bis zu vier Stunden in einen Zug zu setzen. Im Privatbereich läge diese Toleranzgrenze inzwischen sogar bei fünf bis sechs Stunden. Damit wachse bei Strecken bis zu 1000 Kilometern Entfernung gegenüber Flugreisen die Wettbewerbsfähigkeit schneller Züge. Vor allem in Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien und China könnten sich die Investitionen in Hochgeschwindigkeitszüge fortsetzen.  So erachten die UBS-Experten es für möglich, dass der Flugverkehr in Europa entgegen früherer Prognosen gar nicht mehr wachse.

Im eigenen Unternehmen lebt die UBS diesen möglichen Trend bereits vor, berichtet die Webseite verantwortung-leben.ch: Die Großbank habe für Geschäftszwecke zurückgelegte Flugkilometer global von einer Milliarde (2007) auf 515 Millionen (2018) halbiert und kompensiere seit 2007 100 Prozent der Emissionen, die durch Flüge entstehen. Allerdings beließ die UBS in einer Einschätzung vom 12. April 2020 die Einstufung für Airbus auf “Buy”. Die Flugzeugflotten dürften wegen der Corona-Krise noch länger am Boden bleiben, schrieb Analystin Celine Fornaro. Daher senkte die Expertin für Airbus zwar ihre Annahmen zu den Auslieferungen für die Zeit zwischen 2020 und 2024 um im Schnitt 21 Prozent. Dennoch dürfte der Konzern die Krise besser überstehen als seine Wettbewerber.

Nach Einschätzung der UBS-Analysten werden demnächst jährlich 196 Flugzeuge weniger für den Verkehr innerhalb Europas, den USA und China benötigt – über ein Drittel weniger als bislang in den Langfristprognosen von Airbus und Boeing erwartet. Auch der Dachverband der Fluglinien IATA erwartet, dass im zweiten Quartal 2020 weltweit 70 Prozent weniger Passagiere fliegen. Nach der Corona-Krise werde „die Luftfahrt anders aussehen“, wird Airbus-Chef Guillaume Faury zitiert. Dennoch bemüht sich die Airbus-Führung, auch in schwierigen Zeiten alles richtig zu machen. Imagefördernd bringt die Fluglinie Antiviren-Schutzmasken von Fernost nach Europa und hält sich mit dem Ruf nach stützendem Staatsgeld zurück, während in den USA die Boeing-Leitung schon lautstark Staatshilfe forderte.

Den Herstellern von Hochgeschwindigkeitszügen und Ausrüstung für Bahn-Infrastruktur sagt die UBS-Studie hingegen einen Boom voraus. In einer Grafik für Europa und China  bleiben nur Eisenbahnlieferanten und Betreibern bei Positionen wie Umsatzsteigerung und EBIT-Marge Abwärtspfeile erspart. Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass schon jetzt Großunternehmen wie die Deutsche Bahn nicht alle freien Arbeitsplätze mit Personal besetzen können. So sei zu erwarten, dass der Bahnsektor viele im Flugbereich frei werdende Beschäftigte aufnehmen könne.

Derweil vermeldet das deutsche Statistische Bundesamt Erfreuliches von der mentalen Corona-Kampfesfront. Erstmals lag der Absatz von Toilettenpapier im Einzelhandel 29 Prozent unter dem Durchschnittswert der sechs Monate von August 2019 bis Januar 2020. Eine Woche zuvor waren noch 46 Prozent mehr Klopapier verkauft worden als im Sechs-Monats-Schnitt.

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