WIRD DEUTSCHE BAHN-ARRIVA UNTER WERT VERKAUFT?

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Zum Stopfen aktueller Finanzlöcher erwägt der Vorstand der Deutschen Bahn (DB), seine Auslandstochter ARRIVA zu verkaufen, doch offenbar bieten Interessenten nur drei statt der erhofften vier Milliarden Euro.

Von Hermann Schmidtendorf, Redaktion bahn manager

Am 3. Mai um 12 Uhr wollte die DB die Bieterliste für Interessenten am Kauf der Auslandstochter Arriva schließen. 2010 hatte die DB das Unternehmen für etwa 2,8 Milliarden Euro übernommen und dann kräftig ausgebaut. Vor allem durch Zukäufe verdoppelten sich Umsatz und Ergebnis (Ebit) auf 5,4 Milliarden respektive 300 Millionen Euro nahezu. Das Unternehmen ist profitabel, wird jedoch durch etwa eine Milliarde Euro finanzieller Verpflichtungen durch Restrukturierungskosten und Abschreibungen belastet. Derzeit betreibt Arriva mit 53.000 Beschäftigten in 14 europäischen Ländern 17.000 Busse und 1.100 Nahverkehrszüge.

Doch die Interessenten – vor allem Finanzinvestoren – wollen nur drei statt der von der DB erwarteten vier Milliarden Euro für die laut DB-Chef Rüdiger Lutz “schöne Tochter” zahlen, berichten übereinstimmend mehrere Medien aus DB-Insiderkreisen.In der Jahresbilanz des DB-Konzerns ist Arriva abzüglich der Schulden mit 2,5 Milliarden Euro bewertet. Würde Arriva also nach den derzeit von Interessenten gebotenen Konditionen veräußert, wäre das ein Verkauf unter Wert. Den Spendierwillen der Interessenten trüben vor allem

– die Unternehmensstruktur. Etwa 60 Prozent des Umsatzes erzielt Arriva in Großbritannien, wo das Unternehmen auch im nordenglischen Sunderland ansässig ist

– der weiterhin in Form und Auswirkung unklare Brexit.

Schon einmal, 2016, hatte die DB-Führung einen Arriva-Verkauf erwogen und verworfen – wegen des drohenden Brexit. Was sich verändert hat, ist nicht die objektive Lage, sondern allein der Finanzhunger des deutschen Schienen-Champions, der von einem Finanzbedarf von 5 Milliarden Euro spricht, sich aber nicht über die fast schon erreichte Grenze von 20 Milliarden Euro verschulden will.

Eine endgültige Entscheidung soll die DB bis September fällen. Möglich scheinen auch ein Teilverkauf und ein teilweiser Börsengang. Warum jedoch, so fragen Beobachter, wird nicht der Verkauf oder Börsengang der Logistik-Tochter DB Schenker prioritär geprüft? Dies hätte nur Vorteile:

– Die Gesellschaft hat den Sitz in Deutschland, ein britischer Brexit würde sie also nur so weit belasten wie alle anderen international tätigen Unternehmen auch

– Schenker ist wie Arriva profitabel, hat aber – anders als diese – überhaupt nichts mit Schienenverkehr zu tun. Der Gütertransport findet vielmehr vorwiegend per Lastkraftwagen und Flugzeug statt, teilweise in direkter Konkurrenz zum Güterschienenverkehr der DB. Dennoch, so DIE ZEIT, sei die verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und zugleich Aufsichtsrätin der DB Lühmann weiter strikt dagegen, Schenker anzutasten: “Sicher sei es Irrsinn, wenn sich die Lkw-Spedition von Schenker und der Güterverkehr der Bahn zum Teil gegenseitig Konkurrenz machten, sagt Kirsten Lühmann. Die SPD-Verkehrsexpertin hofft daher immer noch, dass Deutsche Bahn und Schenker-Lkw einmal im intermodalen Verkehr zusammenarbeiten werden. Siebzehn Jahre nach der Schenker-Übernahme halten das die meisten Bahn-Experten aber für unwahrscheinlich.”

Soweit DIE ZEIT. Diese zitiert auch Wirtschaftsstaatssekretär Oliver Wittke (CDU), für den DB Schenker offenbar keine heilige Kuh mehr ist: “Der Vorstand wird bei der nächsten Aufsichtsratssitzung auch darzustellen haben, warum man Arriva und nicht Schenker verkauft.” Fragt sich, ob Frau Lühmanns Meinung auch die der gesamten SPD-Bundestagsfraktion ist? Schließlich betonen die DB-Vorsitzenden seit dem Auftauchen finanzieller Schieflagen unisono, sie wollten sich auf das “Brot-und Butter-Geschäft” konzentrieren, den Bahnverkehr in Deutschland. Damit hat das Logistikunternehmen Schenker nun wirklich nichts zu tun. Aber auch andere Straßenaktivitäten der DB sollten tabulos auf den Prüfstand: Pkw-Verleih, Experimente mit autonomem Fahren von Bussen und anderen Straßenfahrzeugen, dazu so exotische DB-Investments wie Weltraum-Satelliten-Forschung, Arbeiten an Flugdrohnen… Solange der Werbeslogan vom “integrierten Mobilitykonzern DB” nicht abdankt, haben “Brot und Butter” womöglich zu wenig Aufmerksamkeit?

Auch Frankreichs Staatsbahn-Lenker Guillaume Pepy hat Finanzsorgen. Doch er trennt sich von Car Sharing und Mitfahrzentralen. Partnerallianzen ja, selber durchführen nein, ist das logisch scheinende Motto, die französische Version quasi als “Baguette- und Butter-Geschäft”. Warum ist der DB-Vorstand weiter so inkonsequent, warum gibt der Eigentümer Bund keine klaren Richtlinien?

Vorgebracht wird von Arriva-Kritikern, dort sei der Gewinn nicht so berauschend wie erwünscht, und es müsse schließlich auch dort investiert werden. Aber kann es sein, dass ein Teil der möglichen Gewinne durch von der DB auferlegte “Restrukturierung” sprich Bürokratisierung erzeugt wird? Bis zum Verkauf von Arriva an die DB war der Autor dieser Zeilen in einer europaweit agierenden Arriva-Tochter persönlicher Assistent des als “Director Technics Europe” firmierenden Vorstandsmitglieds, bezahlt aus dessen persönlichem Firmenetat. Mehr “lean government” ging nicht. Derart flache Strukturen waren mit verantwortlich für den Erfolg von Arriva in Deutschland, die deutschen Firmenanteile wurden dann an die italienische Staatsbahn verkauft und florieren als Netinera weiter prächtig. Vielleicht sollte auch ein Hierarchieabbau bei der DB generell beherzter angefasst werden?

Frankreich und Italien verkünden, ihre internationalen Personenverkehrstöchter weiter auszubauen – dort käme wohl niemand auf die Idee, ein Unternehmen wie Arriva zu veräußern. Auch Polen brauchte 2013 Geld, doch 50 Prozent der Aktien des staatlichen Güterverkehrsunternehmens PKP Cargo plus eine “goldenen Aktie” verblieben in Staatshand. Könnte das nicht ebenso ein Modell für Arriva und Schenker sein wie der Teilverkauf z.B. nur des britischen Arriva-Anteils? Dem DB-Vorstand und dem Eigentümer ist zu wünschen, dass bei der Suche nach Geld für die DB möglichst viele Varianten sorgfältig geprüft werden.

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