WIRKLICH! FLUGHAFEN BER GEHT AN DEN START, UND MIT IHM DIE DEUTSCHE BAHN

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Berliner haben Nerven. Oder Humor. Oder beides? Zum 31. Oktober 2020 sollen auf dem neugebauten Flughafen Berlin-Brandenburg BER nach nur 13 Jahren Verzögerung erstmals Flugzeuge mit Passagieren landen. Dazu prangen jetzt auf dem Berliner Hauptbahnhof aufmunternde Plakate mit der Aufschrift: „Berlin kann auch schnell!“

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Berlin? Flughafen? Schnell??? Des Betrachters Aufmerksamkeit ist dem kryptischen Plakat gewiss. Geworben wird für den „Berlin City – BER Flughafen-Express“, der – was sonst? schnell! – den Anschluss zu den Fliegern liefern wird. Grafiken und Tabellen der Deutschen Bahn geben näheren Aufschluss. Zur Anbindung des neuen Hauptstadt-Flughafens wurden eigens zwei neue Bahnhöfe gebaut: der unterirdische barrierefreie Flughafenbahnhof, direkt unter dem Terminal – und der Bahnhof Waßmannsdorf. Die Station zwischen dem alten Bahnhof Schönefeld und dem neuen BER bindet den Schönefelder Ortsteil ab sofort an das S-Bahnnetz an. Der neue Flughafenbahnhof heißt nun offiziell „Flughafen BER – Terminal 1-2“.

Aber da war doch mal ein Flughafen namens Schönefeld? Gewiss, und den gibt es weiterhin, als Teil des neuen Gesamtobjekts. Er firmiert jetzt als Terminal 5, und der bisherige Bahnhof Berlin-Schönefeld Flughafen darf sich über die Neubenennung „Flughafen BER – Terminal 5“ freuen. Halten werden am BER künftig auf insgesamt sechs Gleisen Regional- und Fernzüge sowie die Berliner S-Bahn. Den Fahrkartenverkauf besorgen das täglich von 7 bis 22 Uhr geöffnete DB-Reisezentrum mit vier Schaltern sowie 20 Automaten der DB Regio, bei denen zunächst wochentags zwischen 9 und 17 Uhr zwei Service-Guides die Fahrgäste durch den Tasten- und Tarifdschungel geleiten werden.

Über die Anreisekosten zum Berliner Airport per Bahn kann man nicht meckern. Benötigt wird nur ein Einzelfahrausweis ABC für derzeit 3,60 Euro. Damit lassen sich S-Bahn-Züge der Linien S45 und S9 nutzen, welche im Zehn-Minuten-Takt am BER halten werden. Genutzt werden können auch die Regionalbahnlinien RE7, RB14 und RB22 sowie der Flughafenexpress FEX. Diese bieten tagsüber viermal stündlich vom BER Terminal 1-2 schnelle Verbindungen zwischen Berlin Hbf beziehungsweise Ostkreuz und dem BER.

Eine Anfahrt vom Berliner Hauptbahnhof wird mit 30 Minuten Fahrtzeit angegeben, Berlin Südkreuz mit 20, Ostkreuz sogar nur mit 15 Minuten. Berlin-Spandau und Potsdam liegen gleichauf mit 50 Minuten Fahrtzeit zum BER. Für die Potsdam-Anbindung wird der zuschlagpflichtige BER 2-Schnellbus eingerichtet, vom Berliner Rathaus Steglitz verkehrt zudem der BER1-Bus. Für den Übergang zwischen Schönefeld-Alt (Terminal 5) und BER-neu (Terminal 1-2) müssen 30 Minuten eingerechnet werden, wozu am besten die öffentlichen Angeboten genutzt werden sollten. Es empfiehlt sich jedenfalls, genau zu prüfen, welchen Terminal man denn erreichen will.

Zwar verzichten Politiker und Flughafenleitung angesichts der wenig erbaulichen Bau-Vergangenheit auf eine Flughafeneröffnung mit Pomp und Glorie, das wäre auch angesichts der Pandemie kaum vertretbar. Doch immerhin fand der Vorsitzende der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH Dr. Engelbert Lütke Daldrup positive Worte über seinen neuen Arbeitsplatz: „Mit dem leistungsfähigen Bahnhof direkt unter dem Terminal 1 verfügt der BER über ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen anderen großen deutschen Flughäfen. Die Möglichkeit, mit dem Aufzug vom Bahnsteig in die Check-In-Halle zu gelangen, ist in Deutschland einmalig. Die Bahnfreundlichkeit des BER setzt Maßstäbe für umweltbewusstes Reisen.“

Zum Anschluss des Flughafenbahnhofs an das Streckennetz der Deutschen Bahn wurden 18,5 km Strecke für den Fern- und Regionalverkehr und 8,6 km für die S-Bahn gebaut. Die Gesamtinvestitionen für Bahnhöfe und Zulaufstrecken betrugen 675 Millionen Euro. Die derzeitige Prognose für den Flughafenbahnhof geht von etwa 125.000 Reisenden täglich aus. Das Objekt ist komplett barrierefrei, es gibt Treppen und Fahrtreppen an jedem Bahnsteig. Die Bahnsteiglänge für die S-Bahn beträgt 152,5 Meter bei einer Bahnsteigbreite von etwa 11 Metern. Der Bahnsteig der Fernbahn ist 405 Meter lang – mehr als genug für einen ICE.

Fernbahn? Ja, auch die Intercity-Linie 17 Warnemünde – Berlin – Dresden soll hier demnächst halten, im Zwei-Stunden-Takt. Damit wären Rostock in zweieinhalb Stunden und Dresden in etwas über 90 Minuten angebunden. Flughafenchef Dr. Engelbert Lütke Daltrup nutzte die Feiertagslaune, um Politik und DB die zusätzliche Anbindung des BER durch ICE-Züge schmackhaft zu machen: „Eine solche Verbindung würde große strategische Vorteile bringen“ und vielleicht so manchen Inlandsflug vermeiden helfen.

Doch diesen Überschwang bremste stellvertretend für die öffentlichen Gebieter der Deutschen Bahn ihr Berliner Generalbevollmächtigter Alexander Kaczmarek. Wenn die IC-Linie angenommen werde, sei Mitte bis Ende der 2030er Jahre ein Halt des ICE Wien – Prag – Berlin auch am BER denkbar. Hierzu müsse aber erst die in Planung befindliche Hochgeschwindigkeitsstrecke Prag-Dresden in Betrieb gehen.

Das Faktenblatt der DB zum neuen Berliner Mobilitäts-Drehkreuz wartet übrigens mit einer verblüffenden Aussage auf. „Bauzeit: Februar 2007 – 30. Oktober 2011“ heißt es ganz am Ende. Und wieder reibt sich der Beobachter die verschlafenen Augen: Wie bitte? Und die vielen Verzögerungen? Aber nein, alles ist korrekt, da geht es ja um die Bauzeit des DB-Bahnhofs! Schließlich, so vielleicht der süffisante Hintergedanke, anders als die Airport-Baumeister kann doch DB schnell und pünktlich! Naja, mag man leicht irritiert murmeln, abgesehen von Stuttgart… aber das ist ja eine andere Geschichte. Jedenfalls, wie konstatierten wir doch zu Beginn? Berliner haben Humor!

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