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 Ein angeregtes Gespräch mit Anette Szymkowiak, BID-Portfolio Lead bei Bombardier Transportation, über den Schienenpersonennahverkehr und ihren beruflichen Werdegang in der Eisenbahnbranche. 

Martina Löbe (ML): Anette, wir kennen uns seit 2008. Da war ich gerade mit dem Vordiplom fertig und wurde Praktikantin bei dir in der Abteilung. Das war bei DB Regio in Frankfurt/Main. Für mich der Wegweiser in die Branche des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV). Wodurch wusstest du, dass du im SPNV dein Brot verdienen willst?

Anette Szymkowiak (AS): Das war eher Zufall. Ich war bei der Deutschen Bahn bereits in der Holding beschäftigt, im Konzernmarketing, insbesondere zu den Themen Markenmanagement und Markenschutz. Über diese Tätigkeit habe ich zunehmend Kontakte zu DB Regio entwickelt und habe dadurch das Ausschreibungsgeschäft im Regionalverkehr kennengelernt. Mir ist dann klar geworden, dass der SPNV für mich zu einem der spannendsten Bereiche bei der Deutschen Bahn gehört, und dass ich in diesem Bereich arbeiten möchte.

ML: Weshalb?

AS: Mein Wechsel zu DB Regio erfolgte im Frühjahr 2008, zu einem Zeitpunkt, als die ersten Ausschreibungen samt der zugehörigen Betriebsaufnahmen erfolgreich verlaufen, aber trotzdem noch viele Fragen offen waren. Die Aufgabenträger freuten sich über niedrigere Zugkilometerpreise gegenüber vorher und ein in vielerlei Hinsicht verbessertes Verkehrsangebot. Der Wettbewerb im Nahverkehr auf der Schiene hatte sich etabliert, es gab die ersten Wettbewerber zu DB Regio.

In der Anfangsphase des Wettbewerbs wurden – verständlicherweise – zunächst die kleinen und peripheren Netze ausgeschrieben. Anfang der 2000er wurden dann sukzessive auch die bedeutenderen und nachfragestärkeren Linien in den Wettbewerb gegeben. Die Ausschreibungen wurden zunehmend komplexer, und die Aufgabenträger wurden ideenreicher, um den Wettbewerb weiter zu fördern. Im Ergebnis half das den Wettbewerbern der DB, sich zunehmend im Markt zu etablieren. Hinsichtlich der Quote gewonnener Ausschreibungen war dann das Jahr 2008 eines der herausforderndsten Jahre für DB Regio. Es war eine spannende Phase, geprägt von einer hohen Dynamik; in der Branche und damit auch innerhalb von DB Regio. Mit jeder Ausschreibung kam etwas Neues, meine KollegInnen waren gefordert und mussten trotz aller Anstrengungen immer wieder den Verlust von Verkehrsverträgen verdauen. Die Leistungen der KollegInnen als Ergebnis dieses Veränderungsdrucks waren enorm.

Daneben hat mich das Thema Mobilität von Menschen schon immer gereizt: Die zunehmenden Reiseweiten, der drohende Verkehrskollaps, die notwendige Entlastung der Städte vom motorisierten Individualverkehr.

ML: Ich habe den Eindruck, du hast gerade noch einen Gedanken. Möchtest du ihn mit mir teilen?

AS: Vielleicht liegt mein Werdegang auch in der Eisenbahntechnik und der noch kindlichen Freude daran begründet (lacht). Wie so viele in meiner Generation hatte auch ich einen Eisenbahner in der Familie.

ML: Jetzt bist du bei Bombardier Transportation als Bid Portfolio Lead tätig. Was ist deine Aufgabe?

AS: Ich bin zentrale Ansprechpartnerin für alle internen und externen Angebotsprozesse bezüglich der Fahrzeugkomponenten für die Produktfamilie Main Line Single Deck. Man könnte auch sagen, ich sitze an den Schnittstellen. Auch in einer Treiberrolle und in enger Zusammenarbeit mit dem Chief Engineer angelegt.

ML: Du hast ursprünglich Rechtswissenschaften studiert. Dein Werdegang erscheint auf den ersten Blick nicht typisch für eine Juristin. Wie würdest du deine berufliche Laufbahn beschreiben?

AS: Auf den ersten Blick vielleicht eher ungewöhnlich. Andererseits, als Juristin hast du so viele Möglichkeiten. Bei der Deutschen Bahn habe ich viele Juristen kennengelernt, die nicht in den klassischen Juristenrollen arbeiten. Insofern ist es auf den zweiten Blick auch wieder nicht ungewöhnlich.

ML: Ich habe selbst Erfahrungen beim Schienenfahrzeughersteller und Eisenbahnverkehrsunternehmen sammeln können. In deinem Fall sind Deutsche Bahn und Bombardier beides Großkonzerne. Wo liegen für dich die größten Unterschiede?

AS: Nun, ich denke der Unterschied liegt insbesondere in den unterschiedlichen Betätigungsfeldern der Unternehmen. Aus hoher Flughöhe betrachtet erbringt die DB Regio Verkehrsdienstleistung, also im Wesentlichen eine immaterielle Leistung. Die Kernaufgabe von Bombardier ist – ganz allgemein gesprochen – die Entwicklung und Produktion von Zügen, ergänzt durch das Instandhaltungsgeschäft. Somit ist Bombardier deutlich stärker ingenieurgeprägt. Das merkt man im täglichen Arbeiten, z. B. bei der Sprache und den Herangehensweisen.

ML: Als wir 2008 zusammengearbeitet haben, hast du mir wichtige Impulse auf meinen beruflichen Weg mitgegeben. Was empfiehlst du BerufseinsteigerInnen und jungen Menschen heute?

AS: Vernetzt euch! Für Männer erscheint mir das schon selbstverständlich zu sein. Bei Frauen ist das häufig noch nicht stark genug ausgeprägt. Deshalb finde ich Euer Engagement als Netzwerk „Women in Mobility“ klasse.

Bleibt euch selbst treu! Auch wenn das bedeutet, dass man erst einmal Widerstände überwinden muss und vielleicht auch mal aneckt.

Seid authentisch! Bedeutet: Steckt euch nicht in Schubladen, um einem bestimmten Bild zu entsprechen, welches Andere definiert haben.

Insbesondere an Frauen gerichtet möchte ich sagen: Geht euern Weg! Seid dabei nicht frustriert, wenn es ein paar Anläufe braucht, die gläserne Decke zu durchbrechen.

Und nicht zu vergessen: Sucht euch einen Ausgleich zu euren beruflichen Aufgaben. Je herausfordernder der Job ist, umso wichtiger ist der Ausgleich außerhalb davon. Ich selbst gehe einerseits gerne in die Oper, und andererseits bin ich gerne in der Natur unterwegs.

ML: Du sprichst die Bedeutung des Lebens außerhalb der Arbeit an. Den Faden weitergesponnen, was sollte aus deiner Sicht mehr getan werden?

AS: Ich würde mir wünschen, dass Arbeitgeber die Bedeutung der Familie noch höher bewerten, in deren eigenem Interesse, mit Blick auf den Erfolg. Und zwar ganz konkret dahingehend, dass bspw. auch Männern mehr Wertschätzung und Unterstützung entgegengebracht wird, die sich um ihre Familie kümmern wollen oder auch müssen.

Dazu gehört grundsätzlich deutlich mehr Flexibilität und Mut, z. B. Teilzeitlösungen anzubieten, egal für welches Geschlecht. Das gilt aus meiner Sicht insbesondere auch für „KollegInnen in Führungspositionen“.

ML: An wen gibst Du das Bändchen der Women in Mobility weiter?

AS: An Johanna Drach, eine ehemalige Kollegin, die als Projektleiterin bei DB Regio in Frankfurt im Bereich Vergabemanagement tätig ist.

ML: Weshalb Johanna Drach?

AS: Johanna ist eine junge, sehr gute, engagierte und dem Neuen gegenüber aufgeschlossene Kollegin, die ich in ähnlicher Weise wie Dich in ihrer Entwicklung begleiten konnte. Eine passende Gelegenheit für ein Wiedersehen mit ihr.

ML: Ich danke dir herzlich für das Gespräch.

Über Martina Löbe: Bei der DB Netz AG im Regionalbereich Ost für die Strategie und Konzeption der Betriebszentrale S-Bahn Berlin tätig. Sie ist außerdem Co-Gründerin von Women in Mobility Berlin.

Photography: © michel-koczy.com

Women in Mobility: Die Women in Mobility engagieren sich für eine bessere Sichtbarkeit von Frauen der Mobilitätsbranche und bieten allen Frauen eine Plattform zum Netzwerken, für gemeinsame Projekte, Kooperationen und Austausch – ganz gleich, ob Studentin oder Führungskraft. 

 www.womeninmobility.de

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