ÖZDEMIR: “IN DER SCHWEIZ HAT DIE BAHN IMMER VORFAHRT, DAS BRAUCHEN WIR AUCH!”

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Auf einem Parlamentarischen Abend der Parlamentsgruppe Schienenverkehr im Deutschen Bundestag berichtete der Direktor des Schweizer Bundesamts für Verkehr Dr. Peter Füglistaler über Bahninvestionen in seinem Land, Gruppenvorsitzender Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) gab bahn manager ein Exklusivinterview.

Von Hermann Schmidtendorf, Redaktion bahn manager

bahn manager Magazin: Herr Özdemir, Sie sind heute in offizieller Funktion hier als Vorsitzender der Parlamentsgruppe Schienenverkehr im Deutschen Bundestag, und die Teilnehmerliste ist so lang wie lange nicht mehr. Kann man sagen, die Schiene ist jetzt in?

Özdemir: Ich glaube, keiner traut sich heute mehr, die Schiene als ein unwichtiges Verkehrsmittel zu behandeln und so zu tun, als ob die Schiene quasi irgendwie für die ist, die sich keinen SUW leisten können. Da hat sich etwas geändert. Es gibt jetzt nicht mehr das Erkenntnisproblem. Jetzt geht es um Anwendungsproblem. Es muss auch was daraus folgen. Wir wollen es auf der Straße beziehungsweise auf der Schiene sehen, dass die Finanzierung jetzt auch steht, und zwar dauerhaft, dass die Entscheidungen schnell getroffen werden. Es gibt jetzt kein Problem mehr der Erkenntnis, jetzt geht es um die Umsetzung, und zwar schnell wieder.

bahn manager: Der Betriebsratsvorsitzende der DB Netz AG hat heute auf einer Pressekonferenz geträumt von Schweizer Verhältnissen, und Sie haben hier einen führenden Vertreter des Schweizer Bahnwesens als Redner eingeladen. Sie haben offenbar das Gespür, was jetzt gerade passend wäre?

Özdemir: Das ist quasi das Mekka, wo Milch und Honig fließen, für alle Bahnfreunde oder Pufferküsser, wie man es nennen möchte, da schaut man auf die Schweiz. Das, was Kopenhagen oder Amsterdam für die Fahrradfahrer ist, das ist die gesamte Schweiz für alle Freunde der Bahn. Da steht die Finanzierung, da gibt es einen breiten politischen Konsens egal, wie die Wahlen ausgehen. Die Bahn hat immer Vorfahrt, und das macht sich natürlich dann auch im Personenaufkommen bemerkbar, macht sich bemerkbar, wenn es um die Frage geht, Güter auf die Schiene und nicht auf die Straße, und das brauchen wir hier auch. Ich träume eigentlich davon, dass ich, wenn ich als Ausschuss-Vorsitzender eine Schweizer Delegation empfange, nicht mehr das Gefühl habe, die Erste Welt besucht die Dritte Welt. Wir sind leider nicht die erste Welt bei der Bahn. Nach Bahnreform, nach Tausenden von Kilometern, die wir stillgelegt haben, nachdem systematisch eine angemessene Finanzierung der Bahn nicht vorgenommen wurde, Bahnknoten nicht saniert wurden, haben wir leider nicht die Infrastruktur, die einem modernen Industrieland entspricht.

bahn manager: Wie ist denn derzeit der Debattenstand in diesem Bereich, weil die Summen, die sind ja horrend, die da als fehlend charakterisiert werden?

Özdemir: Nur ein Beispiel. Wenn man es mit der Digitalisierung ernst meint, dann muss man eigentlich 1,5 Milliarden Euro on top jetzt ausgeben, es passiert aber leider nicht.

Die Debatten des Parlamentarischen Abends, die Ausführungen der Deutsche Bahn-Betriebsratsvorsitzenden vom gleichen Tag sowie die Stellungnahmen des Schweizer Gastreferenten, der bahn manager ein ausführliches Interview gab, werden in weiteren Online-Berichten sowie in den Ausgaben 3/2019 und 4/2019 des bahn managers ausführlich dargestellt werden. Das Özdemir-Interview ist als Video auf unserer Bewegtbild-Plattform zu sehen VIDEO

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