„WIR HABEN EIN EINZIGARTIGES EISENBAHNNETZ!“

in Bahnmarkt Europa von

EIN GESPRÄCH ÜBER DIE LANGZEITPLÄNE DER RUSSISCHEN STAATSBAHNEN, ÜBER MAßNAHMEN GEGEN HOOLIGANS, DIE ÖFFNUNG FÜR PRIVATE EISENBAHNVERKEHRSUNTERNEHMEN SOWIE AUTONOM FAHRENDE ZÜGE.

bahn manager Magazin: Was sieht das Langzeit-Entwicklungsprogramm (LEP) der Russischen Eisenbahnen bis 2025 vor?

Oleg Belozerov: Güterverkehr innerhalb von 7 Tagen aus dem Fernen Osten zu den westlichen Grenzen Russlands, vierfaches Wachstum des Containerverkehrs, die Erhöhung der Durchlässigkeit der Strecken von BAM und Transsib auf 180 Millionen Tonnen, Kapazitätssteigerung der Bahnverbindungen zu den Meereshäfen, Entwicklung von Hochgeschwindigkeits- und Höchstgeschwindigkeitszügen zwischen den russischen Großstädten.

Die Realisierung des LEP wird erlauben, unseren Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt fast zu verdoppeln auf bis zu 9,1 Billionen Rubel im Jahr 2025. Dies wird die Bedingungen für die Entwicklung der damit verbundenen Branchen schaffen – des Marktes der EVUs, der Hersteller von Schienenfahrzeugen.

Egal, wie groß Vertreter anderer Wirtschaftssektoren ihre Pläne anlegen – wenn sie nicht unsere Möglichkeiten berücksichtigen, wird niemand irgendwohin fahren, das ist ganz klar. Wir haben einen langen Investitionszyklus von drei bis sieben Jahren. Wir müssen versuchen, Technologie und Produktionsprozesse zu verbessern, um für die Wirtschaft kein Flaschenhals zu sein.

Im Güterverkehr setzen Sie weiter stark auf die Kohle?

Kohle ist der Großteil der Fracht, die wir transportieren. Ihr Anteil an der Gesamtbelastung des Netzes beträgt fast 28 Prozent und im Frachtverkehr – etwa 40 Prozent. Der Kohleverbrauch wächst weiter. Das bedeutet, dass unsere Prognosen und Investitionen in die Entwicklung der Hauptrichtungen für den Export von Waren gerechtfertigt waren. Als wir unser langfristiges Programm aufstellten, gingen wir von Expertenprognosen sowie spezifischen Zahlen aus, welche die russischen Produzenten zu Grunde legten.

Letztes Jahr haben wir 359 Millionen Tonnen Kohle transportiert. Dies ist ein historischer Rekord. Nach unseren Prognosen soll die Zahl bis 2025 auf 500 Millionen Tonnen steigen, das heißt, es ist ein gewaltiges Wachstum geplant. Derzeit gibt es gewisse Begrenzungen, die nicht bei RŽD liegen, sondern in ungenügenden Umschlagskapazitäten in den Häfen. Deshalb entwickeln wir neue Richtungen. Wir fahren über Finnland, über Kaliningrad, durch Polen. Wir setzen auf die Entwicklung des Murmansker Hafens. Vielleicht schicken wir eine bestimmte Menge Kohle durch Aserbaidschan und Georgien in die Türkei.

In letzter Zeit wurde die Schaffung sogenannter schwarzer Listen diskutiert, auf welche ähnlich dem Luftverkehr Reisende gesetzt werden, die im Zugverkehr negativ aufgefallen sind?

Im vergangenen Jahr haben wir bereits gesetzgeberische Unterstützung erhalten, um die Strafe für Hooligans auf der Schiene zu verschärfen. Erste Vorschläge wurden vorbereitet, aber es gibt eine Reihe von Nuancen, die berücksichtigt werden müssen. Manchmal ist der Schienenverkehr das einzige Transportmittel, und die betreffende Person hat keine andere Alternative. Der Beförderer kann den Passagier in diesem Fall nicht ablehnen. Solche Situationen müssen gesetzlich geregelt werden. Im Allgemeinen schlagen wir vor, dass im Falle eines Verstoßes gegen bestimmte Regeln eine Person während eines Jahres auf der sogenannten schwarzen Liste stehen sollte. Nach einem Jahr sollten die Einschränkungen aufgehoben werden.

Sie sprachen eben vom ’Markt der EVUs’. Heißt das, Sie sehen eine Öffnung des Bahnverkehrs für private Zugbetreiber vor?

Es gibt keine Beschränkungen für die Anzahl der privaten Unternehmen bei der Beförderung von Reisenden. Eine andere Sache ist, dass dieser Prozess nicht vollständig geregelt ist. Wir haben ein einzigartiges Eisenbahnnetz. Auf denselben Gleisen fahren sowohl Personen- als auch Güterzüge. Solche Intensität des Bahnverkehrs wie in Russland gibt es sonst nirgendwo in der Welt.

Dementsprechend ist der Prozess des Transportmanagements sehr komplex, und es ist notwendig, die Beziehungen zwischen den Teilnehmern klar zu beschreiben. Was passiert, wenn ein Zug havariert? Wer wird ihn aus dem Verkehr nehmen und wohin? Der Grundsatz „Wettbewerb um des Wettbewerbs willen“ wird nicht zu Effizienz und geringeren Kosten führen, sondern im Gegenteil zusätzliche Probleme schaffen. Infolgedessen wird es Chaos geben, das vor allem den Reisenden schädigt. Zusammen mit dem Rat der Verbraucher und denjenigen, die möglicherweise Passagiere befördern könnten, haben wir uns deshalb verabredet, dass wir zuerst ein Modell erstellen und die Verantwortlichkeiten aller Parteien klar definieren müssen.

Der Konzern Siemens ist traditionell bei vielen Investitionsprojekten im Streckenbau, bei der Elektrifizierung zum Beispiel, Partner der RŽD. Gibt es aktuell interessante Projekte mit diesem Unternehmen?

NIIAS (das „Wissenschaftliche Forschungs- und Projektinstitut für Informatik, Automatisierung und Kommunikation Im Eisenbahnverkehr“ mit Sitz in Moskau, d.Red.) hat zusammen mit Siemens am Bahnhof Lužskaja ein Projekt zur führerlosen Kontrolle von Güterlokomotiven durchgeführt. Dort gibt es praktisch keinen Menschen, alles steuert die Automatik. Wir diskutierten bereits die Technologie unbemannter Züge mit den Unternehmen „Ural-Lokomotiven“ und „Transmashholding“. Jetzt analysieren wir, wo sie eher angewendet werden kann. Aus unserer Sicht ist es optimal, dies unter städtischen Bedingungen zu tun, da im Falle von Störungen diese in der Stadt schnell beseitigt werden können, anders als etwa auf der Transsib.

Bedeutet der Fortschritt in der Digitalisierung auf Dauer eine Reduzierung der Mitarbeiterzahl?

Ich habe immer gesagt, dass das wertvollste Kapital des Unternehmens die Menschen sind. Die Digitalisierung wird bestimmte Prozesse verbessern, doch dieser Prozess muss von Personen beaufsichtigt werden. Aus meiner Sicht ist es richtiger, die Anzahl der Menschen nicht zu reduzieren, sondern sie fortzubilden in neuen, nicht weniger interessanten Fachrichtungen. Technologische Prozesse ändern sich, deshalb müssen wir ständig lernen.

Ich selbst eingeschlossen. Bei uns ist die Arbeitsproduktivität 2017 um mehr als 9 Prozent gewachsen. Dies ist das Ergebnis der Arbeit der Belegschaft, ein ausgezeichnetes Ergebnis. Das ermöglicht, die Transportleistungen zu erhöhen und die Wirtschaft zu verbessern.

Oleg Belozerov: Seit 2015 Präsident der Russischen Eisenbahnen RŽD. Der Absolvent der Universität St. Petersburg (Wirtschaft und Industrieplanung) leitete bis 2009 die Föderale Straßenagentur und war bis zur Übernahme der Leitung der RŽD Stellvertretender sowie Erster Stellvertretender Transportminister der Russischen Föderation.

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