Hardliner-Weselsky: „Manager sollten die Weichen mit nacktem Hintern auftauen“

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Die Deutsche Bahn steht nach dem Winter-Chaos am Leipziger Bahnhof weiter heftig in der Kritik. Zweifel gibt es unter anderem daran, dass sämtliche Weichenheizungen funktioniert haben. Heftige Kritik kommt zudem von Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL).

Die Deutsche Bahn steht nach dem Winter-Chaos am Leipziger Bahnhof weiter heftig in der Kritik. Tausende Reisende mussten am Wochenende stundenlang auf ihren Anschluss warten, auch danach kam es zu Verspätungen. Man könne sich für die Unannehmlichkeiten, die Fahrgästen am Wochenende erdulden mussten, nur entschuldigen, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Derzeit sei man immer noch dabei, die Ursachen zu erkunden.

Laut bisherigen Informationen der Bahn haben alle Weichenheizungen funktioniert. Das allerdings bezweifeln jedoch einige – darunter auch ehemalige Bahnmitarbeiter –, die sich an die Leipziger Volkszeitung gewandt haben. So sollen Weichenheizungen viel zu spät eingeschaltet worden sein. Aus Kostengründen habe man im Gleisbereich zwischen der Berliner Straße und der Rackwitzer Straße sogar Weichen ohne Heizungen verbaut. Dieser Bereich sei besonders sensibel, da hier die Züge zur Messe sowie in Richtung Halle, Bitterfeld und Berlin verkehren. Zudem seien Einsatzkräfte zu spät informiert worden.

Die Bahn bestreitet das. Im besagten Bereich würde gebaut. Seit 2016 würden aber selbst Bauweichen mit Heizungen ausgestattet, so der Sprecher. „Sollte die Heizung aus bestimmten Gründen abgeschaltet sein, muss jemand vor Ort sein, um sie störungsfrei zu halten.“

Er habe mit Wut und Scham von dem Chaos am Wochenende während einer Tagung in der Schweiz erfahren, sagte Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). „Bei Schneehöhen von zwei Metern und eisigen Winden hätte ich verstanden, wenn die Eisenbahn als letztes Verkehrsmittel aus dem Rennen geht. Aber wir hatten am vergangenen Wochenende zehn bis 15 Zentimeter Schnee. Extremfälle sehen anders aus“, so der in Leipzig lebende Gewerkschafter.

Dass einige Weichen im Leipziger Bahnhof nicht funktionierten, wundert GDL-Chef Weselsky nicht. Er habe ebenfalls Kenntnis davon, dass beim Umbau des Bahnhofs in einigen Bereichen Weichen ohne Heizung eingebaut worden seien. „Da stellt sich mir die Frage, ob wir in Afrika Eisenbahn betreiben oder in einem Land, wo es auch Winter mit Frost und Schnee geben kann.

Die Manager, die das Sparchaos zu verantworten haben, sollten die Weichen mit nacktem Hintern auftauen.

Ferner kritisierte Weselsky, dass es an sensiblen Orten entlang der Gleise kaum noch Personal gibt, das bei Schnee und Kälte die Infrastruktur in Ordnung halte. „Dass ein Fahrdienstleiter von Leipzig aus Weichen in Bad Schandau bedient, ist normalerweise nicht außergewöhnlich. Problematisch wird es allerdings bei einer Störung.“ In der Vergangenheit seien in der Fläche Bahnhöfe und Stellwerke besetzt gewesen, so waren Kräfte schnell vor Ort und konnten Weichen in Ordnung bringen. „Heute setzt sich der Stördienst der DB zig Kilometer entfernt bei einer Störung ins Auto und steht genauso im Stau wie andere Autofahrer auch. Damit hebeln wir die Systemvorteile der Bahn komplett aus“, kritisierte er.

Das System Eisenbahn habe von den drei ihm zugesprochen Eigenschaften – sicher, zuverlässig und pünktlich – zwei verloren. „Denn bei Naturereignissen stellt die Bahn den Betrieb ein, ob punktuell wie am vergangenen Wochenende oder flächendeckend wie beim letzten Sturm Friederike.“

Für den Gewerkschafter ist das System Eisenbahn störanfällig wie nie. Als Ursache macht er die Sparwut und ein unfähiges Management bei der Bahn aus. Mit der Privatisierung der Bahn sei die Infrastruktur stark zurückgebaut worden. Der Verkehr in der Fläche sei den „Erbsenzählern“ ebenso zum Opfer gefallen wie Anschlüsse zu Güterverkehrs-Kunden. Als „regelrecht töricht“ bezeichnet er den Abbau von Überholstrecken. Als Folge können heute Güterzüge mit einer Länge von 750 Metern nicht mehr auf freier Strecke von Fernzügen überholt werden.

Statt in die Funktionsfähigkeit des Eisenbahnverkehrs zu investieren würden heute Unmengen an Gelder in Digitalisierung und in andere Leuchtturmprojekte versenkt. „Auf manchen Zügen gibt es keine funktionierende Kaffeemaschine, aber die Vorstände der Bahn wollen, dass die Züge möglichst bald vollautomatisch fahren.“ Das müsse unterbunden werden.

Der GDL-Chef forderte eine Bahnreform. Der Hebel bei der Infrastruktur müsse schnell umgelegt werden. Die beiden Aktiengesellschaften Netz und Station & Service sowie die DB Energie sollten zusammengeführt werden. „Kein Menschen braucht drei Vorstände für ein und dasselbe. Infrastruktur muss als Ganzes betrieben werden.“ Zugleich müsse der Bereich von der Verpflichtung entbunden werden, Gewinn zu erzielen. „Die Bahn ist ein Subventionsbetrieb und erhält jährlich drei Milliarden Euro. Davon zu sprechen, Gewinn in Höhe von 500 oder 700 Millionen Euro zu erzielen, ist doch lächerlich.“ Eisenbahnverkehr sei Daseinsfürsorge. Das beinhalte auch, dass man zügig wieder mehr Personal an sensiblen Stellen aufgebaut. (red/Andreas Dunte,lvz)

 

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