Interview: „Die Schuld liegt bei der Regierung!“

in Bahnmarkt Europa von

Die britische Regierung preist den Wettbewerb im Bahnwesen an, mischt sich aber ständig in unternehmerische Entscheidungen ein. Durch schwankende Planvorgaben der Regierung ist das britische Bahnwesen deutlich übersteuert. 

bahn manager Magazin: Was sind nach Ihrer Einschätzung die wesentlichen Charakterzüge des heutigen Bahnsystems in Großbritannien?
Jon Shaw: Das britische Eisenbahnsystem wurde sehr kompliziert gemacht. Früher gab es nur British Rail, eine Firma. Sie besaß alle Gleise und alle Züge. Sie entschied, welche Dienste sie ausführen wollte. Aber dann, in den neunziger Jahren, wurde beschlossen, die Eisenbahn zu privatisieren. Aber sie taten es auf eine Art und Weise, die den Wettbewerb fördern sollte: den Wettbewerb zwischen Bahnbetreibern, zwischen den Bahnmaterialgesellschaften – also denjenigen, die die Züge vermieten -, den Wettbewerb zwischen Infrastruktur- und Wartungsunternehmen und den Wettbewerb zwischen den Eisenbahnbauunternehmen. Das bedeutete, dass sie British Rail in etwa hundert verschiedene Unternehmen aufteilten, von denen jedes sein eigenes Ding machte. Und das bedeutet jetzt, dass es hundert verschiedene Profitcenter gibt, alle möglichen Verträge zwischen jeder einzelnen Firma, und so ein Betrieb ist teuer. Es ist eine komplizierte Struktur. Wenn zum Beispiel mein Zug zu spät kommt – ich betreibe einen Zug, mein Zug ist verspätet – dann muss ich die Zugbetreiber anderer Züge bezahlen, die sich durch mich verspäten, muss ich an Network Rail bezahlen, die Firma, die die Strecke verwaltet, weil ich die Infrastruktur schlecht nutze. Doch wenn jemand meinen Zug verspäte, müssen sie mich bezahlen, weil ich den Kunden bezahlen muss, wenn sie durch mich zu spät kommen. Sie müssen dann auch den anderen Eisenbahngesellschaften zahlen.

Das ist äußerst verwirrend. Wer blickt da noch durch?
Es gibt Armeen von Anwälten, also Armeen von Verwaltern, die all diese äußerst schwierigen Dinge ausarbeiten. Dann entscheidet die Regierung, der Network Rail gehört, dass sie mehr Menschen auf die Schiene bringen will. Also will sie in die Eisenbahn investieren. Aber es ist inzwischen sehr teuer geworden, in die Eisenbahn zu investieren. Der Grund dafür ist, dass wir, weil wir lange gar nicht investiert haben, Planungs- und Herstellungskapazitäten verloren haben, die Fähigkeiten zur Projektleitung und andere Kenntnisse, die Sie benötigen, um neue Infrastrukturen zu bauen. Also es wird entschieden, dass sie investieren wollen, und dann versuchen sie natürlich, zu viel auf einmal zu machen. Wir haben nicht die Fähigkeit, all diese Dinge gleichzeitig zu tun, und so steigen die Projektkosten. Und dann sagt der Minister: Oh, das ist zu teuer. Wir werden das abbrechen, wir hören damit auf. Und dann wird das Projekt auf halbem Wege gestoppt. Also kaufen sie neue Züge für zu elektrifizierende Linien, doch plötzlich werden diese Linien nicht elektrifiziert! Und dann werden Dieselmotoren in fabrikneue Elektrozüge eingebaut.

Könnten Sie die Elektrozüge nicht verkaufen und stattdessen neue Dieselzüge anschaffen?
Nur theoretisch. Wir haben ja diese Unternehmen, welche Eigentümer der Züge sind und diese den EVUs vermieten, leasen. In letzter Zeit wurden in Großbritannien so viele neue Züge gekauft, was ja großartig ist! Aber durch die politischen Wendemanöver gibt es jetzt zu viele Züge bestimmter Typen. Wir haben zu viele Elektrozüge und nicht genug elektrische Bahnstrecken. Und wir haben nicht genug Dieselzüge für zu viele Trassen, welche diese Züge benötigen. Es ist alles sehr seltsam.

Also fehlt es an ordentlicher Planung?
Ich denke, der große Fehler, den wir in Großbritannien machen, ist die Schuld der Regierung. Die Regierung möchte als Förderer des Wettbewerbs gesehen werden, aber sie mag auch die Kontrolle. Bis zu einem gewissen Grad ist das in Ordnung, denn sie zahlt fünf, sechs Milliarden Pfund pro Jahr an Subventionen. Aber Politiker sind weder Planer noch Geschäftsleute. Doch das scheint mir notwendig – es ist notwendig, einen guten Plan zu haben und einen guten Geschäftssinn zu haben, wenn Sie ein privatisiertes Eisenbahnsystem haben wollen. Und da liegt das Problem. Sie schaffen es also nicht, sich an den eigenen Plan zu halten, und sie können die Unternehmer der Bahnbranche auch nicht einfach ihre Arbeit machen lassen. Das ist das Problem. Die EVUs stoßen vieles an, sie bauen, investieren in einen besseren Service für die Fahrgäste. Aber die Regierung hält sich nicht lange genug an einen Plan, damit die EVUs ihn auch realisieren können. Und dann beklagt sich die Regierung immer, dass die Dinge zu viel kosten. Das liegt aber gerade daran, dass wir keinen langfristigen Plan haben. Und wenn es eng wird, liebt es der Transportminister zu verwirren.

Über Prof. Dr. Jon Shaw: Lehrt und forscht an der University of Plymouth. Seit den 90er Jahren verschiedene Veröffentlichungen zur Privatisierung des britischen Bahnwesens, zu integriertem Ticket- Angeboten und anderen Bereichen von Transport und Mobilität.

 

 

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