INTERVIEW: WE SPEAK SERVICE

in Werkstatt & Service von

VOM TRADITIONELLEN INDUSTRIEBETRIEB ZUR DIENSTLEISTUNGSUNTERNEHMUNG. BAHN MANAGER IM GESPRÄCH MIT EINEM WELTMARKTFÜHRER RUND UM DAS THEMA „RAD“.

bahn manager Magazin: GHH-Radsatz zeichnet eine lange Unternehmensgeschichte sowie einen beeindruckenden Anteil an der Geschichte der Radsatz-Fertigung.

Peter Fahl: In der Tat blickt die Gutehoffnungshütte Radsatz GmbH mittlerweile auf eine mehr als 200-jährige Unternehmensgeschichte zurück. Diese war, wie auch bei vielen anderen klassischen Industriebetrieben in der Region, eng mit der Ausbreitung des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet verbunden. So gibt es Dokumente, die belegen, dass die ersten Räder bereits im Jahr 1807 produziert worden sind. Damals allerdings noch für den Transport unter Tage. Eine Geschichte, die beispielhaft für das Ruhrgebiet war, aber heute nur noch eine nette Anekdote und Randnotiz ist.

Welche wesentlichen Veränderungen hat das Unternehmen in den letzten beiden Jahrzehnten erlebt? In welchen Marktsegmenten ist die GHH Radsatz heute aktiv?

Über die vergangenen Jahre und Jahrzehnte hat sich die GHH Radsatz unter verschiedenen Eigentümerstrukturen inzwischen als ein führender Lieferant für Räder, Radsätze und Fahrwerke für Niederfluranwendungen etabliert. In dieser Zeit haben wir uns auf die Entwicklung, Produktion und Lieferung von kundenspezifischen Lösungen für schienengebundene Fahrzeuge spezialisiert; und dies weltweit und in sämtlichen Marktsegmenten. Heute findet man unsere Produkte sowohl in Niederflurstraßenbahnen in der Rhein-Ruhr Region als auch in China oder Australien. Genauso erfüllt es uns mit Stolz, dass unsere Komponenten bei vielen europäischen Bahngesellschaften zum Einsatz kommen. Nicht zuletzt sind eine Reihe von Baureihen, so auch der ICE, mit Radsätzen aus dem Hause der GHH Radsatz ausgerüstet. So sind wir beispielsweise auch ein Schlüssellieferant für die neuen ICE4 Hochgeschwindigkeitszüge, die in den nächsten Jahren schrittweise in Betrieb genommen werden.

Welche wesentlichen Veränderungen der Markt- und Wettbewerbssituation hat das Unternehmen in den letzten Jahrzehnten erlebt?

Seit den 2000er Jahren haben sich die globalen Absatz-und Beschaffungsmärkte in zunehmendem Maße verändert. Der Märkte sind offener geworden und bestehende Kunden und Lieferantenbeziehungen wurden aufgebrochen. Gerade die Radsatzhersteller wurden mit neuen Wettbewerbern aus dem osteuropäischen und asiatischen Raum konfrontiert. Das hat auch dazu geführt, dass Räder immer mehr zu einem Schüttgut, dem sog. Commodity werden. Eklatant ist diese Entwicklung mittlerweile bei Güterwagenanwendungen. Aus diesen Segmenten hat sich die GHH Radsatz aus Kostengründen inzwischen zurückgezogen. Unsere Konzentration gilt heute der Niederflurtechnik und spezialisierten Anwendungen im Vollbahnbereich. Dort erarbeiten wir kundenspezifische Lösungen mit einem hohen Grad an Engineering. Unser zweites Standbein ist das After Market Geschäft und die Betreuung unserer Bestandskunden über die Lebensdauer ihrer Fahrzeuge. Und nicht zuletzt gewinnt der Geschäftsbereich Dienstleistungen für uns eine immer größere Bedeutung.

2017 hat das Unternehmen eine neue Servicehalle eröffnet. Wie sind die Erfahrungen nach einem Jahr (nach Eröffnung), und welche Ziele verfolgen Sie mittelfristig? Folgen weitere Servicehallen?

Die Eröffnung der Servicehalle war unser Leuchtturmprojekt; sozusagen das sichtbare Zeichen, dass es die GHH Radsatz ernst meint, mit der Transformation vom klassischen Industriebetrieb hin zu einem kundenorientierten Dienstleistungsanbieter. Unsere Idee war ja die Errichtung von unabhängigen Fertigungslinien zur präventiven und korrektiven Wartung von Losradachsen und Radsätzen. Dieser Schritt ist vollzogen und als gelungen zu bezeichnen. Jetzt gilt es, die internen Prozesse und Abläufe zu optimieren, da die Herangehensweise bei Instandsetzungen zeitlich und inhaltlich eine andere ist, als bei Serienfertigung von Neuteilen. Man muss sich vor Augen führen, dass jede Instandsetzung als individueller Kundenauftrag mit eigener technischer Spezifikation zu betrachten ist. Eine komplexe Aufgabe, da die Arbeiten sich in die engen Zeitpläne der Kunden einfügen müssen und dies ohne Qualitätsverlust und unter Erreichung einer größtmöglichen Flexibilität. Zweitens halten auch neue Entwicklungen und Trends am Instandhaltungsmarkt Einzug. So erkennen wir seit einigen Jahren den Trend weg von der Komponentenvergabe und hin zur Vergabe von großen Einheiten wie Drehgestellen und Fahrwerken. Dies geschieht zum Teil aus Platzproblemen oder mangelnder Personalkapazität; manchmal wollen Kunden aber auch einfach nur eine Schnittstelle für ihre Instandsetzungsdienstleistung in Anspruch nehmen. Auf diese Trendentwicklung wollen wir zukünftig eine Antwort geben, in dem wir uns eigene Expertise für die Instandsetzung von Drehgestellen und Fahrwerken aufbauen. Zwar wird unsere Kernkompetenz bei der präventiven und korrektiven Wartung immer die Revisionierung von Losradachsen und Radsätzen bleiben. Gleichwohl streben wir mittelfristig an, Know How bei der Drehgestellaufarbeitung hinzuzugewinnen. In diesem Sinne sehen wir uns als Anlaufstelle für den Kunden (One Stop Shop), als umfassender Dienstleister, der Ansprechpartner seiner Kunden nicht nur bei Radsätzen und Losradachsen, sondern auch bei Drehgestellen und Fahrwerken wird.

Bei der S-Bahn Berlin haben wir als Redaktion die Erfahrung gemacht, dass Radsätze selbst bearbeitet werden (hausintern). Ist das ein seltener Einzelfall? Oder ist es mehrheitlich in der Branche so, dass Aufgaben an Radsätzen extern vergeben werden? Welchen Mehrwert kann die GHH Radsatz hierbei bieten?

Grundsätzlich sind die Instandhaltungsmärkte offener geworden als noch in den 1990er Jahren. Das hängt in erster Linie mit der Deregulierung auf den Bahnmärkten und dem Aufkommen der Privatbahnanbieter, gerade auch in NRW, zusammen. Dennoch tendieren Eisenbahnunternehmungen und auch kommunale Verkehrsbetriebe immer dazu, ihre eigenen Werkstattkapazitäten und das eigene Personal auszulasten. Gleichwohl verfügen viele Verkehrsunternehmen mittlerweile nicht mehr über ausreichend Personalkapazität und das spezifische Equipment, um Radreifen und Vollräder zu tauschen. An diesem Punkt haben wir uns in den vergangenen Jahren als zuverlässiger Partner für kommunale Verkehrsbetriebe und Privatbahnbetreiber etabliert und übernehmen inzwischen eine Fülle unterschiedlicher Dienstleistungen für unsere Kunden. Der vielleicht entscheidende Mehrwert der GHH Radsatz ist dabei, dass wir ein Gesamtpaket an Dienstleistungen aus einer Hand liefern können, ohne auf verlängerte Werkbänke zurückgreifen zu müssen. Sowohl verfügen wir über das qualifizierte Personal, eigenes Engineering Know How, als auch über alle erforderlichen Bearbeitungsmaschinen, um sämtliche Aufgabenstellungen im eigenen Haus umzusetzen. Wenn man so will sind wir heute der Spezialist für die Revisionierung von Losradachsen und Radsätzen.

Die aktuelle Service Broschüre hat den Slogan „We speak Service“. Wie ist die Idee zu diesem Leitsatz entstanden?

Der GHH Radsatz wurde immer schon Kompetenz bei der Entwicklung kundenspezifischer Lösungen für Radsätze und Niederfluranwendungen zugeschrieben. Allerdings wurden wir bisher immer nur als Lieferant von Hardware wahrgenommen. Das wir seit einigen Jahren aber auch sehr erfolgreich auf dem Feld der Instandsetzungen unterwegs sind und eine Fülle unterschiedlicher Dienstleistungen in unserem Portfolio haben, war vielen unserer langjährigen Kunden nicht bekannt. Das Leitmotiv „We speak Service“ war daher ein geeignetes Bild, um die Wandlung der GHH Radsatz zur Dienstleistungsunternehmung zu beschreiben. Und als Nebeneffekt ist es auch ein Leitsatz der Mitarbeiteridentifikation stiften und Aufbruchstimmung vermitteln soll.

PETER FAHL ist Prokurist und Leiter Service bei GHH Radsatz.

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