NACH JOHNSON-WAHL: EUROTUNNEL-BETREIBER SENKT UMSATZERWARTUNG

in Bahnmarkt Europa von

Am Tag der Wahl des Brexit-Hardliners Boris Johnson zum britischen Premierminister erklärte der Betreiber des Eurotunnels Getlink, ein “No Deal” werde “am 31. Oktober sehr wahrscheinlich”, und senkte seine Umsatzerwartung an den unteren Rand der Vorhersage.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Derzeit hofft die vom Franzosen Jacques Gounon geführte Getlink-Gruppe für 2019, 560 Millionen Euro einzufahren – im Gegensatz zu den 575 Millionen Euro, die im Rahmen eines vereinbarten Exit-Deals erwartet werden. Getlinks niedrigere Schätzungen basieren jedoch immer noch darauf, dass Großbritannien und die EU “effiziente” Grenzkontrollen durchführen, die “nicht zu Störungen führen”. Doch das ist ebenso unsicher wie die Frage, ob sich das teilweise Wegbrechen bisheriger Stammtransporte durch Umzug der Kunden auf den Kontinent aufhalten lässt. Wichtigster Einzelkunde des Tunnel-Güterverkehrs ist das britische Zentrallager von Amazon – dort hat man bislang versichert, den Standort halten zu wollen. Der Betreiber des Eurotunnels Getlink wickelt derzeit 26 Prozent des Güterverkehrs zwischen Großbritannien und Kontinentaleuropa ab.

“Nach einem starken Wachstum im ersten Quartal, das durch die Bevorratung britischer Unternehmen in den ersten drei Monaten des Jahres in Erwartung eines Brexit am 29. März begünstigt wurde, schrumpfte der kanalübergreifende Lkw-Markt im zweiten Quartal stark”, erklärte Getlink. Insgesamt ging das Konzernergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen um 2 Prozent auf 255 Millionen Euro zurück, während der Umsatz nur um 2 Prozent auf 523 Millionen Euro zulegte.
Der Eurotunnel zwischen Frankreich und Großbritannien – die Briten sagen auch “Chunnel” als Verbindung der Worte Channel und Tunnel – wurde 1994 in Betrieb genommen. Verkehrte Welt: Alle vier Minuten braust ein “Eurostar” mit Passagieren, ein “Le Shuttle“ mit Fahrzeugen, ein Lkw-Transportzug oder ein einer Frachtzug vorbei. 2018 buchten 21 Millionen Personen die etwa 35 Minuten dauernde Tunnelpassage – 80 Prozent davon sind Briten, also zu einem Großteil Brexit-Befürworter. Merken sie nicht, dass sie vielleicht gerade an einer deutlichen Verschlechterung ihres eigenen Reise- und Versorgungskomforts werkeln?

Zwar ist Großbritannien nie dem Schengen-Raum beigetreten, doch eine Komplizierung der Grenzabfertigung ist auf jeden Fall zu erwarten. Auf der französischen wie britischen Seite des Tunnels wurden bereits neun Geräte zur automatisierten Gesichtserkennung aufgestellt. Reisende müssen dort ihren Ausweis scannen und die Gesichtsdaten von einer Kamera überprüfen lassen. Die neuen Automaten akzeptieren nur biometrische Pässe. Die Europäische Union verlangt jetzt eine getrennte EU-Lizenz für britische Lokführer der Kanaltunnel-Züge. Dazu muss der Petent ein Gutachten eines französischen Psychologen einholen und das Gespräch auf Französisch führen. Was für ein Schock für auf ihre Fremdsprachenabstinenz stolze Briten – wird jetzt Französisch lingua franca…?

Für das Mitführen von Haustieren müssen jetzt spezielle Ausweise her – die gibt es noch nicht. 2,7 Millionen Pkw und 1,7 Millionen Lastwagen befördert Getlink jährlich durch die Röhre – und tausende von Reitpferden! Extra für die Stillung der Begeisterung von Briten und Franzosen für Pferderennen musste Getlink eine Veterinärklinik errichten. Etwa 18 Millionen Euro investierte Getlink in neue Infrastruktur auf ihrem 650 Hektar großen Zentralgelände in Calais, einschließlich Gebäuden für Passkontrollen, 20 Ställen für Pferde, Stauplatz für 100 Lastwagen und zusätzlichen Grenzkontrollstellen. Frankreich wird diese Infrastruktur als offizielle Post-Brexit-Kontrollstelle führen. Der Guardian vermutet: “Wenn in Dover alles reibungslos läuft, dürfte das Hauptrisiko für das britische Geschäft im Tier- und Lebensmittelexport liegen, der einer obligatorischen Kontrolle von Krankheiten und Schädlingen unterliegt. Dies bedeutet hundertprozentige Dokumentenkontrollen bei Tieren und physische Kontrollen bei 20 Prozent Rind-, Schweine- und Lammfleisch sowie 50 Prozent Geflügel.” Pflanzliche Importe von der Insel unterliegen europäischen Vorschriften, die Papiere müssen künftig manuell abgestempelt werden. Dafür braucht Frankreich mehr Beamte in Calais. Auch Medikamente müssen physisch geprüft werden.

Lastwagen kann man vielleicht stauen, aber was ist mit den Güterzügen? Im Frühjahr 2019 zeigte ein Intervallstreik der französischen Zöllner, wie fragil das System ist – sofort kam es zu bis zu 38 Kilometer langen Fahrzeugschlangen am Tunnelpunkt Calais, der Zugverkehr verzögerte sich. “Für Lkw wird es eine digitale Vorab-Deklaration der Ladung geben”, heißt es bei Getlink. “Am Tunneleingang lesen wir lediglich den Barcode ein, den jedes Fahrzeug erhält.” Doch wird das reibungslos klappen, und wie soll diese Prozedur bei den Zügen aussehen?

Im Dezember 2018 vergab die britische Regierung 120 Millionen Euro an drei Unternehmen für den Aufbau zusätzlicher Fährverbindungen. Eine der kontraktierten Firmen, die erst 2017 gegründete Seaborne Freight, sollte einen Fährdienst zwischen Ramsgate und Ostende betreiben, vermeldete die BBC – doch wie das, die Firma hat doch gar keine Schiffe? Ein weiterer Grund für den Eurotunnel-Betreiber Getlink, sich über die Regierung zu beschweren. Warum wurde nicht auch Getlink ermöglicht, sich für einen Fährdienst zu bewerben? Die Fährausschreibungen könnten also illegal sein, warnte Getlink.

Dicke Luft, könnte man meinen – doch die Regierung legte noch eins drauf. Zwar wurde der Vertrag mit Seaborne Freight gecancelt, doch die Regierung bestand darauf, das Unternehmen sei zuvor “sorgfältig geprüft” worden. Anstatt sich mit Getlink zu verständigen und eigene Fehler einzugestehen, stellte die Regierung etwa 900.000 Euro für Rechtsberatung bereit für den Fall, der Eurotunnel-Betreiber werde seinem Zorn über Mehrausgaben, Benachteiligungen und Verluste in Gerichtsverfahren Luft verschaffen. Ein Regierungssprecher dazu lakonisch: “Reine Routine!”

Hinweis der Redaktion: Ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Jon Shaw von der Universität Plymouth zur aktuellen Lage im britischen Bahnwesen findet sich auf der bahn manager-Video-Plattform 

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