Siemens: Digitalisierung im Fokus mit “Vision 2020+”

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Die Nervosität bei den Siemens-Mitarbeitern war im Vorfeld groß: Am Mittwoch präsentierte Konzern-Chef Joe Kaeser seine „Vision 2020+“, mit der Siemens mehr denn je auf das Thema Digitalisierung setzen will.

In diesem Zuge sollen auch Strukturen angepasst werden. Was das für das Unternehmen und seine Angestellten bedeutet:

1. Die neue Struktur

Die verbliebenen Kerngeschäfte werden künftig auf drei „operative Unternehmen“ aufgeteilt. Dabei handelt es sich um das Kraftwerksgeschäft (Gas and Power), die Infrastruktur-Aktivitäten (Smart Infrastructure) und das Geschäft mit der Digitalisierung und der Automatisierung der Industrie (Digital Industries). Eine eigene Rechtsform haben diese Einheiten aber nicht. Darum handelt es sich nicht um eine echte Aufspaltung.

Daneben gibt es „strategische Unternehmen“. Das sind die Mehrheitsbeteiligungen an den verselbstständigten, börsennotierten Bereichen. Dabei handelt es sich um den Windkraft-Spezialisten Siemens Gamesa und den Medizintechnikhersteller Healthineers. Auch der neue europäische Zugriese Siemens Alstom wird künftig dazugehören.

2. Die Zentrale

Noch arbeiten etwa 1200 Menschen am Siemens-Hauptsitz am Wittelsbacher Platz in München. Weil die Geschäfte jedoch mehr Eigenständigkeit bekommen, werden es bald deutlich weniger sein.
Konkret heißt es in einer Mitteilung von Siemens: „Die Konzernzentrale wird künftig deutlich schlanker und gibt Aufgaben und Mitarbeiter an andere Einheiten ab.“ Sie werde sich auf Kernaufgaben wie zum Beispiel die Finanzen, das Personalwesen und die Kommunikation beschränken.

3. Die Mitarbeiter

Mit der neuen Strategie ist kein zentrales Kostensenkungsprogramm verknüpft. Was in der Zentrale an Personal abgezogen wird, wird vielfach draußen in den operativen Einheiten wieder aufgebaut. In Industriekreisen wird betont, dass die „Vision 2020+“ ein Wachstumsprogramm sei. So will Siemens die Kunden künftig auch bei der digitalen Transformation begleiten und zum Beispiel Lösungen für das Internet der Dinge für sie ausarbeiten. Bis 2025 will Siemens bis zu 10.000 Mitarbeiter in diesem Bereich einstellen.

Daneben aber kann es in den operativen Geschäften natürlich zu Stellenabbau kommen. So hatte Siemens angekündigt, vor allem in der Energiesparte weltweit 6900 Arbeitsplätze abzubauen, die Hälfte davon in Deutschland. Derzeit laufen die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern über die Details.

4. Die Digitalisierung

Alle reden von der Digitalisierung – und auch bei Siemens soll sie künftig eine noch stärkere Rolle spielen. Die neu formierte Sparte „Digital Industries“ startet mit einem Umsatz von 14 Milliarden Euro und einer Gewinnmarge von rund 16 Prozent. m das Geschäft weiter zu stärken, kündigte Siemens die Übernahme von Mendix an. Das Unternehmen ist im Bereich der sogenannten „low code“-Programmierplattformen aktiv. Mit dieser Technologie können Apps schneller und günstiger programmiert werden. Siemens will dies vor allem Kunden seiner Internetplattform Mindsphere anbieten. Der Kaufpreis beträgt 600 Millionen Euro.

Zudem will Siemens stärker in das Beratungsgeschäft einsteigen und den Kunden zum Beispiel helfen, Digitalisierungsstrategien rund um das Internet der Dinge (IoT) zu entwickeln. Damit geht Siemens in Konkurrenz zu Beratern wie Accenture. Siemens geht davon aus, dass der Markt für IoT-Integrationsdienstleistungen bis 2025 jährlich um 10 bis 15 Prozent wachsen wird. Der Konzern will bis dahin rund 10.000 Mitarbeiter in diesem Geschäft einstellen.

5. Gewinn und Umsatz

Die neue Strategie soll Siemens ertrags- und wachstumsstärker machen. Mittelfristig sollen die Wachstumsrate des Umsatzes und die Gewinnmarge im industriellen Geschäft um jeweils zwei Prozentpunkte steigen. Das Ergebnis je Aktie soll dabei mittelfristig stärker wachsen als der Umsatz. Konkret setze Siemens in den Geschäftsfeldern ehrgeizigere Renditeziele. Die Kraftwerkssparte soll auf eine operative Umsatzrendite von 8 bis 12 Prozent kommen, die Infrastruktur-Einheit zwischen 10 und 15 Prozent und das digitale Industriegeschäft von 17 bis 23 Prozent.

6. Der Vorstand

Mit seiner „Vision 2020+“ hat Vorstandschef Joe Kaeser sein Vermächtnis für seinen Nachfolger vorgelegt. Der Vertrag des Siemens-Chefs läuft noch bis Anfang 2021. Mit der neuen, weiterentwickelten Strategie gibt er damit die Richtung für die Zeit nach ihm vor.

Schon jetzt wurden die Zuständigkeiten im Vorstand neu geordnet. Die neue Position des Chief Operating Officers übernimmt Roland Busch. Der bisherige Technologievorstand, der auch den Verwaltungsrat von Siemens Alstom führen soll, gilt als einer der internen Kandidaten für die Nachfolge von Vorstandschef Joe Kaeser. Der Vertrag mit Lisa Davis soll über 2019 hinaus verlängert werden. Sie soll weiterhin das Kraftwerksgeschäft aus den USA heraus führen. Im Konzern war spekuliert worden, dass sie nach einer Amtszeit gehen könnte.

Die beiden weiteren „operativen Unternehmen“ werden von Klaus Helmrich (digitale Industriegeschäfte) und Cedric Neike (Infrastruktur) geführt. Michael Sen bleibt für die Healthineers und Siemens Gamesa zuständig. Den Vorstand komplettieren Personalchefin Janina Kugel und Finanzvorstand Ralf Thomas. (red/Handelsblatt; Siemens)

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