WARSCHAU-BERLIN MIT DEFEKTEN WAGEN UND DAUERVERSPÄTUNG?

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Der Berlin-Warszawa-Express (BWE) soll ab 2022 mit sechs statt bislang vier Zugpaaren täglich verkehren, doch derzeit werden teils defekte Wagen eingesetzt und offenbar Dauerverspätungen eingeplant.

Von Hermann Schmidtendorf, Redaktion bahn manager

Betreiber der täglichen Zugverbindung Berlin-Warschau sind Deutsche Bahn Fernverkehr und PKP Intercity. Bereits 2012/2013 war die Verbindung durch einen deutschen Speisewagen mit Dauerdefekten (undichte Fenster, ausfallende Stromversorgung) unterhalten worden. Abends wurde damals wochenlang der Betrieb bei Kerzenlicht oder durch Anzapfen der Stromversorgung aus einem Nachbarwagen notdürftig aufrechterhalten. Inzwischen führt der Zug nur polnische Wagen, doch auch diese werden inzwischen auffällig.

Am 30. Juni, so Mitreisende gegenüber bahn manager, fiel in einem Wagen die Klimaanlage aus. Der Zug war trotz obligatorischer Sitzplatzreservierung überfüllt, zahlreiche Reisende mussten stehen. Am 5. Juli ertönte während der gesamten Fahrt aus der Mitte des Wagens Nr. 270 ein ohrenbetäubendes Breitband-Brummen – das Ergebnis eines halbherzigen Versuchs, die Klimaanlage wieder in Gang zu bringen? Das Geräusch störte die morgendliche Hinfahrt sowie die Rückfahrt am Nachmittag, scheint also nicht schnell abstellbar zu sein. Die Wagen 269 und 270 sind diejenigen, welche die Polnische Staatsbahn der DB zur Sitzplatzbuchung von Deutschland freigegeben hat – der massive Lärm nervt also nur aus Deutschland kommende Reisende…

Bereits im Dezember 2016 hatte Felix Ackermann in der ZEIT den BWE als “Sinnbild der deutsch-polnischen Beziehungen” bezeichnet: “Nie verkehrte er so häufig und schnell. Und nie zuvor gab es so viele Ausfälle der Speisewagentechnik, der Klimaanlage und der Stromaggregate. Die Vorräte an Waggons des Berlin-Warszawa-Expresses sind fast aufgebraucht, daher die vielen Ausfälle auf der Strecke. Aber die Betreiber können sie nicht einfach ersetzen, denn sie müssen aufwendig in beiden Ländern zugelassen werden.” Auch nach Erscheinen des genannten Artikels gab es Klagen über den technischen Zustand des Zuges. So hängte die Deutsche Bahn am 15.7.2018 gleich zwei Wagen wegen Defekten ab, so dass die Reisenden der 1. Klasse im Stehen fahren mussten.

Ende Mai 2019 informierte PKP Intercity über die Erweiterung einer beim Waggonhersteller FPS in Poznań/Posen platzierten Bestellung. In den kommenden vier Jahren soll der Lieferant für 679 Millionen Złoty, etwa 166 Millionen Euro, 81 neue Personenwagen bereitstellen – das größte Investitionsprogramm in der Geschichte des EVUs, heißt es. Außerdem werden Bestandswagen modernisiert. Ein Teil der für 200 km/h ausgelegten, nach modernstem Stand der Technik gebauten Neubauwagen soll auch den BWE bereichern. Wann? Offiziell bestätigte PKP Intercity nur, die gesamte Partie der 81 neuen Wagen solle bis Februar 2022 ausgeliefert sein. Bis zu ihrem Austausch wird jedenfalls PKP Intercity um Reparaturarbeiten an ihren Altwagen nicht herumkommen.

Auch die derzeit bestellten Neuwagen werden bei polnischen Bahnenthusiasten mit Vorsicht betrachtet. Im Online-Forum skyscrapercity.com warnte Autor Michał Ch., der Hersteller solle seine Produktionsfehler an Neubauwagen der 2013/14 gelieferten Gattungen 164/5/6/7a vermeiden: “Vibrationen in den Abteilen, äußerst unbequeme Sitze, der Touchscreen in den Abteilen funktioniert manchmal nicht, dann kann man weder Licht noch Heizung oder Lautsprecher regulieren. Selbst in den Großraumwagen der 1. Klasse ist zu wenig Beinplatz – wie man sieht, kann man selbst so was versauen, obwohl es wie in anderen solchen Wagen 54 Sitzplätze gibt, aber durch die Art der Sitzbefestigung nimmt diese viel Platz weg.”

Zurückgekehrt ist der Berlin-Warschau-Express nach Abschluss von Streckenbauarbeiten inzwischen auf die Linie Posen-Warschau über Kutno. Doch statt der angestrebten Fahrtzeit von 2 Stunden 20 Minuten werden derzeit Zeiten zwischen 2:49 und 3:04 erreicht. “Das ist noch nicht das Ende der Bauverträge”, erklärte dazu PKP Intercity-Präsident Ireneusz Merchel. “Die Verträge werden noch über anderthalb Jahre hin realisiert.” So bleibt es derzeit auf dem Abschnitt Posen-Warschau bei einer realen Fahrgeschwindigkeit von etwa 100 km/h. Die Deutsche Bahn braucht für den Abschnitt Berlin-Poznań zwischen 2:43 und 2:49 für 239 Streckenkilometer, das ist auch nicht viel besser.

Neue Unbill bringt hingegen offenbar die aktuelle Patent- (Schnaps-?)-Idee der PKP Intercity, auf dem Abschnitt Warschau-Posen eine Lokomotive einzusparen. Im Internet-Fahrplan der DB heißt es dazu: “Express InterCity Richtung: Szczecin Glowny. Kurswagen , Verkehrt als EIC17006 bis Poznan Gl., danach als EIC 1811.” Eine beachtliche Anzahl Stettiner Kurswagen wird also in Warschau an den Berlin-Warschau-Express einfach angehängt. Verlangsamt das nicht die Geschwindigkeit des Gesamtzuges?

Offenbar ja. Am 5.7.2019 fuhr der Zug mit schockierend grellem lang andauerndem Warnsignal fast ungebremst in den Posener Hauptbahnhof ein. Bei dem völlig überhöhten Tempo war auch dem direkt am Bahnsteig 1 stehenden Autor dieser Zeilen unmöglich, die Laufschilder der vorderen Wagen zu lesen. Die Einfahrt geschah mit zehnminütiger Verspätung. In den Sektoren A bis C, in denen sich laut Bahnsteig-Digitalinformation die 2.-Klasse-Wagen des Warschau-Berlin-Express befinden sollten, standen Wagen mit Zielaufschrift Szczecin – Stettin. Also war die Information der Bahnsteig-Digitaltafel falsch?

Aus dem Lautsprecher plätscherte mehrfach eine Standard-Ansage auf Polnisch und Englisch: “Der Zug von Warschau nach Berlin hält Einfahrt auf Bahnsteig 1. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt. Für die Verspätung bitten wir um Entschuldigung.” Aha, hält Einfahrt. Aber wie das, jetzt steht doch hier noch der Zug nach Stettin, der eigentlich von Bahnsteig 3 fahren soll? Nach etwa zehn Minuten fragte der nun doch nervös werdende Autor auf Polnisch einen PKP-Zugbegleiter, wie das alles zu verstehen sei, und hörte: Da weiter vorne stehen Wagen nach Berlin, und diese gehen nach Stettin. Konsterniert eilten wir entlang der Wagenreihe Richtung Lokomotive.

Und tatsächlich, plötzlich gab es Wagen mit Berlin-Anzeige. Wie viele deutsche Berlin-Reisende werden diese Wagen, da des Polnischen nicht mächtig, überhaupt nicht erkannt haben? Kurz nach uns hechtete bewundernswürdig sportlich eine PKP-Zugbegleiterin in unseren Berlin-Wagen, offenbar war sie erst in letzter Sekunde von einem anderen Plandienst abgezogen worden. Bei noch geöffneter Wagentür hörten wir, wie zwei andere PKP-Mitarbeiter auf dem Bahnsteig debattierten: “Soll das jetzt ständig so sein? Da können wir ja gleich eine Dauerverspätung einplanen!” – “Ja, sieht so aus.” Ergebnis: Abfahrt in Poznań mit 15-minütiger Verspätung, Ankunft Berlin Hauptbahnhof eine halbe Stunde zu spät. Soll jetzt die Deutsche Bahn den Berlin-Reisenden täglich Verspätungsgeld zahlen, weil PKP Intercity einen Lokumlauf einspart…?

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